Die Lieblingsbücher von David Foster Wallace

2007 veröffentlichte der amerikanische Journalist John Peter Zane das Buch Top Ten: Writers Pick Their Favorite Books, in dem 125 Autoren ihre zehn Lieblingsbücher vorstellen. Besonders überraschend war die Auswahl von US-Autor David Foster Wallace (21. Februar 1962 – 12. September 2008). Wallace ist Autor von thematisch und formell kühnen Romanen wie Infinite Jest, aber hat auch Bücher über Rap oder Georg Cantor: Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen geschrieben. Er gilt als innovativer Autor mit enzyklopädischer Bildung, seine Bücher als  stilistisch, formell und thematisch anspruchsvoll. Umso verblüffender waren und sind die Werke populärer Unterhaltungsliteratur auf Wallace‘ Liste seiner zehn Lieblingsbücher. Zur Liste…

Partie des Monats: November 2017, Bai Jinshi – Ding Liren

Ding Liren (Foto: Alina l’Ami)

Eine der schönsten und spektakulärsten Schachpartien der letzten Jahre wurde am 4. November 2017 in der Chinesischen Liga, dem so genannten Yingmei Cup, gespielt. Chinas Nummer eins, Ding Liren, der sich kurz zuvor beim World Cup als erster Chinese in der Geschichte des Schachs für das Kandidatenturnier 2018 in Berlin qualifiziert hatte, spielte mit Schwarz gegen Bai Jinshi, einen 1999 geborenen jungen chinesischen Großmeister, der Anfang des Jahres das Open in Groningen gewonnen hatte. Bai Jinshi behandelte die Eröffnung selbstbewusst und provokant, doch Ding Liren konterte mit einem Damenopfer im 15. Zug. Dieses Damenopfer war der Auftakt zu einer Reihe inspirierter Angriffszüge und weiterer Opfer, mit denen der weiße König über das halbe Brett gejagt und schließlich Matt gesetzt wurde. Zur Partie…

Zufällige Zitate: Boris Spasski über Paul Keres

„Gulliver im Lande Lilliput: das war Paul Keres im sowjetischen Schach. Er war den anderen haushoch überlegen, einfach ganz anders als die sowjetischen Spieler. … Sowjetmenschen bewegten sich ja meist wie Schafherden mit gesenkten Köpfen hinter einem Anführer her. Paul war unser Anführer. Wenn er im Ausland war, in der so genannten kapitalistischen Welt, machte er ein ganz anderes Gesicht als in der Sowjetunion. Er war unser Dolmetscher und ein wandelndes Lexikon der Flugverbindungen, denn das war sein Hobby. Weiterlesen

Das Königsgambit: Die Visitenkarte des Schachromantikers

Kaum eine andere Schacheröffnung steht so für romantisches Schach wie das Königsgambit. Gleich im zweiten Zug schwächt Weiß seine eigene Königsstellung, um sich auf den schwarzen König zu stürzen. Doch den modernen Meistern ist das zu hastig und riskant. Sie spielen lieber langfristig und vorsichtiger und deshalb ist das Königsgambit in Top-Turnieren heutzutage ein seltener Gast. Doch wenn es gespielt wird, sorgt das für Aufregung, denn das Königsgambit ist mehr als nur eine Eröffnung – es steht für die Schachromantik vergangener Epochen, für die Sehnsucht nach Partien voll kühner Opfer und wilder Königsangriffe. Kein Wunder, dass David Bronstein eine Schwäche für das Königsgambit hatte. Weiterlesen

Radfahren extrem: Juliana Buhring „Mein Weltrennen“

Juliana Buhring (© Privat)

Juliana Buhring ist mit dem Fahrrad einmal um die Welt gefahren. Am 23. Juli 2012 startete sie in Neapel, 152 Tage und 29.060 Kilometer später, am 22. Dezember, kam sie dort wieder an. 144 dieser 152 Tage hat sie auf dem Rad verbracht und dabei im Schnitt 200 Kilometer pro Tag bewältigt. Krankheit und Flüge forderten acht Tage als Tribut. Sie durchquerte 19 Länder und vier Kontinente und schaffte es ins Guinness Buch der Rekorde. Was Buhring auf ihrer Reise erlebt hat, beschreibt sie in ihrem Buch Mein Weltrennen: Wie ich als erste Frau in nur 144 Tagen mit dem Rad die Welt umrundete. Weiterlesen

Hart umkämpft: Der Wettkampf Euwe gegen Keres

Zweikämpfe zwischen Spitzenspielern sind nicht immer unterhaltsam, oft führt das hohe Niveau zu vielen Remis. Doch beim Wettkampf zwischen Max Euwe und Paul Keres 1939/1940 war das anders. Keres und Euwe gehörten damals zu den besten Spielern der Welt, aber schenkten sich nichts und suchten in fast allen Partien den offenen Schlagabtausch. Das senkte die Remisquote: 14 Partien wurden im Wettkampf gespielt, 3 endeten Remis, 11 wurden entschieden. Am Ende gewann Keres mit 7,5:6,5. Weiterlesen

Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen: Strategem Nr. 5

Peter Suhr, Bild des großen Brands in Hamburg 1842

Die 36 Strategeme aus dem alten China versprechen Erfolg, Wohlstand und Glück, aber Ethik und Moral spielen beim Erreichen dieser Ziele keine Rolle. Besonders deutlich macht das Strategem Nr. 5, „Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen“. Nimmt man dieses Strategem wörtlich, muss man sich nur vorstellen, was man von jemandem hält, der bei einem Brand plündert. Im übertragenen Sinne empfiehlt dieses Strategem jedoch Verwirrung, Durcheinander und Schwäche des Gegners energisch zum eigenen Vorteil zu nutzen. Im Geschäftsleben kann das eine feindliche Übernahme eines angeschlagenen Unternehmens sein oder das Ausnutzen von Krisen, um Profit zu machen. Im Leben ist das rücksichtslos angewandte Strategem Nr. 5 moralisch oft bedenklich und nicht nach jedermanns Geschmack, doch auf dem Schachbrett ist ein solches Vorgehen eine bewährte, beliebte und gute Strategie. Weiterlesen…

Zufällige Zitate – Shirley Hazzard: „Gedichte haben mir das Leben gerettet“

Shirley Hazzard in New York City 1963, © Sam Falk

„Ich kann mich nicht erinnern, dass Gedichte in meinem Leben irgendwann einmal keine zentrale Rolle gespielt haben, und schon als ich klein war, konnte ich Gedichte von Kipling und Swinburne aufsagen … einfach auf dem Weg zur Schule. Man könnte sagen die Form, das Trällern, hat mich angezogen. Sehr bald kamen die „Schul“-Gedichte …. Neben Alfred Noyes und dem Patrioten Henry Newbolt und Australiern wie Banjo Paterson und Henry Lawson und Henry Kendall lasen wir … Gedichte von Browning; Songs von Shakespeare, sogar Sonnette; viel Tennyson, Wordsworth und die anthologisierten Gedichte von Coleridge; Grays Elegy – am Ende alle. Gott sei Dank für die Anthologien, sie haben uns so viel gezeigt. Ich fing an, von meinem Taschengeld die Werke der großen Dichter zu kaufen. Manchmal konnte ich die Zeilen vor Aufregung, Ekstase, kaum lesen. Weiterlesen…

Jeanne Moreau (23. Januar 1928 – 31. Juli 2017)

Was für eine großartige, faszinierende und vielseitige Schauspielerin! Heute, am 31. Juli 2017, starb Jeanne Moreau in Paris im Alter von 89 Jahren. Ein kurzes, bei Arte erschienenes, Porträt lässt die Karriere der am 23. Januar in Paris geborenen Schauspielerin mit zahlreichen Ausschnitten aus ihren wichtigsten und erfolgreichsten Filmen noch einmal Revue passieren. Das Porträt ist nüchtern, beinahe spröde, umso beeindruckender wirkt Jeanne Moreau. Worum geht?s bei Jeanne Moreau? Blow Up Arte

Carlsen kann auch kreativ

Manchmal kann Magnus Carlsen (Foto: © Lennart Ootes) einem fast Leid tun. Im Juni 2010 war der 1990 geborene Norweger erstmals die Nummer eins der Schachwelt, als jüngster Spieler aller Zeiten. Seit Juli 2011 führt Carlsen die Weltrangliste ohne Unterbrechung an, 2013 wurde er Weltmeister, seitdem hat er den Titel zwei Mal verteidigt. Aber Kritiker finden immer wieder ein Haar in der Suppe. Weiterlesen…

Optimismus ist besser: Angriffsschach mit Baskaran Adhiban

Optimisten, so glauben Glücksforscher, können Rückschläge besser verkraften als Pessimisten. Wenn etwas schiefgeht, nimmt der Pessimist das gerne persönlich und sieht seine Weltsicht bestätigt, während der Optimist Pleiten, Pech und Pannen für Ausnahmen und unglückliche Zufälle hält und weiter an all die Möglichkeiten glaubt, die die Zukunft bietet. Zuviel Optimismus kann im Schach zu Leichtsinn führen und schädlich sein, aber gesunder Optimismus hilft. Ein gutes Beispiel dafür lieferte der indische Großmeister Baskaran Adhiban beim Tata Steel Turnier 2017 in Wijk aan Zee. Weiterlesen…

Grandios: John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“

Am Montag, den 5. Juni, 2017, zeigt Arte um 20.15 Uhr einen Klassiker des Westernfilms: John Fords Der Mann, der Liberty Valance erschoss mit John Wayne (Foto), James Stewart und Lee Marvin in den Hauptrollen. Der Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahre 1962 läuft natürlich nicht das erste Mal im Fernsehen, aber dieses grandiose Epos über Wahrheit und Lüge beim Schreiben von Geschichte und der Konstruktion von Mythen ist immer wieder sehenswert. Weiterlesen…

Zufällige Zitate: Julian Barnes „Am Fenster“

„Literatur erklärt und erweitert das Leben mehr als jede andere schriftliche Form. Natürlich erklärt auch die Biologie das Leben, ebenso die Biografie, die Biochemie, Biophysik, Biomechanik und Biopsychologie. Aber sämtliche Biowissenschaften müssen hinter der Bioliteratur zurücktreten. Romane erzählen uns die reine Wahrheit über das Leben: was es ist, wie wir es leben, wozu es da sein könnte, wie wir es genießen und was es uns wert ist, wie es uns misslingt und wie wir es verlieren. Romane sprechen zu und aus dem Verstand, dem Herzen, dem Auge, den Genitalien, der Haut; zu und aus dem Bewussten und Unterbewussten. Was es bedeutet, ein Individuum zu sein, was es heißt, Teil einer Gesellschaft zu sein. Was es heißt, allein zu sein. … Literatur lässt Figuren, die es nie gegeben hat, so real sein wie gute Freunde und tote Schriftsteller so lebendig wie einen Nachrichtensprecher im Fernsehen. … Wir sind, im tiefsten Inneren, erzählende Wesen und immer auf der Suche nach Antworten. Die beste Literatur liefert nur selten Antworten, aber sie formuliert die Frage ganz ausgezeichnet.“

Diese Liebeserklärung an die Literatur machte der englische Schriftsteller Julian Barnes im Vorwort seines 2016 erschienenen Buches Am Fenster: Siebzehn Essays und eine Short Story, einer Sammlung schöner und origineller Betrachtungen über Bücher, Autoren und das Schreiben.

Palindrom und Parodie: Bob Dylan und „Weird Al“ Jankovic

Palindrome sind Wörter, Sätze oder ganz generell Zeichenketten, die man vorwärts und rückwärts lesen kann. Wörter wie „Lagerregal“, „Reliefpfeiler“ oder Sätze wie „Sei lieb – nebenbei lies“ und „Sei mein, nie fies – sei fein, nie mies“. Palindrome laden zu oft verblüffenden Sprachspielereien ein und die Form ist natürlich wichtiger als der Inhalt. Ein Beispiel dafür lieferte der amerikanische Sänger, Komödiant und Parodist „Weird Al“ Yankovic mit seinem Song „Bob“, einer Parodie von Bob Dylans „Subterranean Homesick Blues“. Weiterlesen

Rudolf Spielmann: Lebensgeschichte als Zeitgeschichte

Er war klein, dick, Zeit seines Lebens Junggeselle, trank gern Bier, kam aus Wien und gehörte mehrere Jahrzehnte zu den besten Schachspielern der Welt. Er fiel weder durch Eskapaden noch Verrücktheit auf, spielte weit über hundert Turniere und mehr als fünfzig Wettkämpfe, aber nie um die Weltmeisterschaft. Rudolf Spielmann war ein ganz normaler Spitzenspieler. Geboren wurde er am 5. Mai 1883 in Wien. Der Geburtstag des Wiener Meisters ist ein guter Anlass, erneut einen Blick in Michael Ehns Rudolf Spielmann: Porträt eines Schachmeisters in Texten und Partien (Koblenz: H.-W. Fink, 1996) zu werfen. Der Band enthält Aufsätze und Partien von Spielmann sowie einen ausführlichen biographischen Teil mit Erinnerungen an den österreichischen Großmeister. Sie zeigen, wie die Lebensgeschichte des Schachspielers Spielmann die Geschichte seiner Zeit widerspiegelt. Weiterlesen

André Schulz online

André Schulz ist seit 1998 verantwortlicher Redakteur der deutschen ChessBase-Seite und hat nach eigenen Angaben „über 16.000 Artikel, News-Beiträge, Turnierberichte, etc.“ im Internet veröffentlicht. Auf seiner eigenen Webseite präsentiert er sein Großes Buch der Schach-Weltmeisterschaften, das im November 2015 bei New in Chess erschienen ist, Fotos, die ihn mit Spielern wie Vishy Anand, Garry Kasparov, Vladimir Kramnik und anderen Prominenten zeigen, und eine Auswahl von Artikeln, die er über die Jahre bei Spiegel Online, bei ChessBase oder im ChessBase Magazin veröffentlicht hat. Ich arbeite seit Jahren mit André zusammen und bewundere sein umfangreiches Schachwissen und seine Leidenschaft für Geschichte und Kultur des Spiels. Die Artikelauswahl auf seiner Webseite spiegelt beides. Neben Turnierberichten stehen dort unter anderem Nachrufe auf Bobby Fischer und Paul Keres, Biographien über Robert Hübner und Mark Taimanov, Artikel über Schach und Literatur („Ronan Bennett in Bildern“, „Patricia Highsmith“) aber auch Berichte über Schach und Fußball oder Schachpolitik. Stöbern lohnt!

Im Archiv geblättert: „Der ultimative Schachfilm“

Der KARL hat viele schöne Seiten. Schön ist zum Beispiel, dass viele KARL-Artikel zeitlos sind. So fiel mir vor kurzem ein altes Heft in die Hände und Erinnerungen an „Schach im Film“, dem Schwerpunkt dieses Heftes, wurden geweckt. Ich habe in der Ausgabe einen Beitrag über zwei Filme geschrieben, in denen Schach eine Rolle spielt. „Knight Moves“, ein schrecklicher Film mit Christopher Lambert in der Hauptrolle, und „Fresh“ mit Sean Nelson, meiner Ansicht nach einer der besten Filme mit dem Thema Schach überhaupt. Hier noch einmal der ganze Artikel. Zum ultimativen Schachfilm…

Wörterrätsel mit David Foster Wallace

David Foster Wallace gilt als einer der bedeutendsten Autoren der modernen amerikanischen Literatur, entsprechend groß ist das Interesse an seinen Büchern und seiner Person. Er selbst sah Schriftstellerbiographien skeptisch. Aus Prinzip. In „Borges on the Couch“, einer kritischen Rezension einer Biographie von Jorge Luis Borges,  meinte er: „Das Privatleben der meisten Leute, die vierzehn Stunden am Tag alleine irgendwo sitzen und lesen und schreiben, bietet wohl wenig prickelnde Abenteuer, die man hören möchte.“ (David Foster Wallace, Both Flesh and Not, Penguin 2012, S. 287). Der Amerikaner Daniel T. Max hat sich trotzdem an einer Biographie von Wallace versucht. Sie erschien 2012, vier Jahre nachdem sich Wallace, der unter schweren Depressionen litt, am 12. September 2008 das Leben genommen hatte. Zum Wörterrätsel…

Den Tiger vom Berg in die Ebene locken: Strategem Nr. 15

Das moderne Leben ist unübersichtlich, Lebensratgeber haben Konjunktur. Sie verraten – oder versprechen das – wie man das Leben und die Liebe vereinfacht, den richtigen Partner oder die richtige Partnerin findet, Kinder erzieht, Freunde gewinnt, Millionär und glücklich wird oder, bescheidener, einfach nur Wege aus der Krise findet. Lebensratgeber im alten China waren die 36 Strategeme, die lange Zeit allerdings nur einem kleinen Kreis von Leuten zugänglich war. Diese 36 Strategeme geben universelle Tipps, um in allen Lebenslagen Erfolg zu haben. Auch Schachspielern können sie helfen. Weiterlesen

Zufällige Zitate: David Byrnes „Bicycle Diaries“

„Seit Anfang der 1980er Jahre ist das Fahrrad mein wichtigstes Transportmittel in New York gewesen. … Ich fühlte mich beschwingt und frei. … Mein Leben war damals mehr oder weniger auf Downtown Manhattan beschränkt … und ich merkte bald, dass man mit dem Fahrrad tagsüber gut Besorgungen erledigen oder abends schnell zu Clubs, Vernissagen oder Nachtbars kommen kann … . Für viele passen Nachtclubs und Fahrradfahren nicht gerade zusammen, aber ich stellte fest, dass es erstaunlich schnell ging und effizient war, mich so von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Ich blieb also dabei, trotz des uncoolen Flairs und der Gefahr, denn damals gab es noch nicht viele Radfahrer in der Stadt. Die Autofahrer glaubten, sie hätten die Straßen für sich allein, und versperrten Radfahrern den Weg oder drängten sie noch weitaus häufiger als heute in geparkte Autos. Mit zunehmendem Alter hatte ich dann auch das Gefühl, dass Radfahren eine gute Möglichkeit ist, mich körperlich fit zu halten, anfangs jedoch spielte das keine Rolle. Es war einfach nur schön, auf den schmutzigen, mit Schlaglöchern gespickten Straßen zu fahren. Weiterlesen