Paul Keres und die Schacholympiade 1939 in Buenos Aires

Der junge Keres | Foto: Valter Heuer

Die Schacholympiade 1939 in Buenos Aires markiert einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des Schachs im 20. Jahrhundert – und in den Biographien vieler ihrer Teilnehmer. Denn am 1. September 1939, als in Buenos Aires das Finalturnier der Olympiade starten sollte, begann in Europa mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg. Zum 80-jährigen Jubiläum dieser Olympiade wirft die aktuelle Karl-Ausgabe deshalb einen Blick auf dieses denkwürdige Turnier. Gewonnen hat in Buenos Aires 1939 übrigens Deutschland, das erste und einzige Mal in der Geschichte der Olympiaden, dass Deutschland Gold im Mannschaftswettbewerb gewinnen konnte. Doch allzu große Sehnsucht nach einer Rückkehr ins Vaterland hatten die Goldmedaillengewinner nicht und so blieb die gesamte deutsche Mannschaft nach der Olympiade in Argentinien. Auch für das Leben und die Schachkarriere von Paul Keres markierte die Olympiade in Buenos Aires einen tiefen Einschnitt, doch Keres’ Abschneiden bei der Olympiade wird im Heft nur am Rande erwähnt. Aus Bewunderung für Keres und Ergänzung zur aktuellen Karl-Ausgabe folgt hier deshalb eine ausführlichere Darstellung, wie es dem estnischen Beinah-Weltmeister vor, während und nach der Olympiade in Buenos Aires 1939 erging.

Allerdings enthält das Karl-Heft ein hübsches Bild von Keres. Es stammt aus dem Archiv von Michael Ehn und zeigt den jungen Keres während der Überfahrt zur Olympiade an Bord der Piríapolis in der eigenwilligen Kombination von Bademantel und Schwimmweste.


Paul Keres bei der Überfahrt nach Buenos Aires | Archiv Michael Ehn

Auf dem Weg zur Olympiade, so suggeriert die Lässigkeit, mit der sich Keres hier präsentiert, war die Welt für die Schachspieler noch in Ordnung. Keres selbst schreibt: „Fast alle europäischen Mannschaften legten den weiten Weg mit dem selben Schiff zurück, und dies ermöglichte neben schöner Erholung auch noch ein gutes schachliches Training. Daher spielte ich auch auf der Olympiade leicht, ohne besondere Anstrengung und erreichte am ersten Brett das zweitbeste Ergebnis“ (Paul Keres, Ausgewählte Partien 1931-1958, S. 123).

Keres, der am 7. Januar 1916 in Narva in Estland geboren wurde, war damals erst 23 Jahre alt, galt aber schon als einer der besten Spieler der Welt. 1938 hatte er das AVRO Turnier, an dem mit Ausnahme von Emanuel Lasker alle Spitzenspieler der damaligen Zeit teilgenommen hatten, nach Wertung vor dem Amerikaner Reuben Fine gewonnen und konnte sich nach diesem Turniersieg Hoffnungen auf einen Weltmeisterschaftskampf gegen Alexander Aljechin machen.

Silber oder Bronze an Brett 1?
Bei der Olympiade in Buenos Aires spielte Keres an Brett 1 für Estland und holte 14,5 Punkte aus 19 Partien und verhalf Estland damit zum überraschenden Gewinn der Bronzemedaille. Ob Keres tatsächlich, wie von ihm behauptet, das zweitbeste Ergebnis am ersten Brett erzielt hat, kommt jedoch auf den Standpunkt an. Offiziell ging der Preis für das beste Ergebnis am ersten Brett an Capablanca, dahinter folgten Aljechin und Keres. Aber die offizielle Wertung berücksichtigte nur die Ergebnisse im Finale. Zählt man die Vorrunden mit, dann kommt Aljechin mit 12,5 Punkten aus 16 Partien auf das prozentual beste Ergebnis an Brett 1, gefolgt von Keres mit 14,5 aus 19 (+12, =5, -2) und Capablanca mit 11,5 aus 16. Dabei gönnte sich Keres jedoch keine Pause, sondern setzte sich in allen 19 Runden ans Brett und holte trotz dieses straffen Programms in seinen letzten fünf Partien 5 aus 5.

Mit diesem guten Ergebnis untermauerte Keres seinen Anspruch auf einen WM-Kampf gegen Aljechin. Doch der Zweite Weltkrieg brachte das Schachleben in Europa weitgehend zum Erliegen und hatte auch tiefgreifende Auswirkungen auf Keres’ Leben und Schachkarriere. Er hinderte Keres daran, sein Potenzial ganz zu entfalten und gegen Aljechin um den Weltmeistertitel zu spielen – und in einem solchen Kampf gegen den alternden Aljechin hätte der junge Keres sicher gute Chancen gehabt.

Politik
Keres blieb nach der Schacholympiade noch einige Zeit in Argentinien, aber kehrte dann nach Estland zurück, das im Zweiten Weltkrieg zum Spielball der Sowjetunion und Nazideutschland werden sollte. Denn im Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 hatten Deutschland und die Sowjetunion Ostpolen, Finnland, Estland und Lettland zur sowjetischen Interessensphäre erklärt und 1940 annektierte die Sowjetunion Estland, Litauen und Lettland. Nach der Besetzung folgten Massendeportationen so genannter „Volksfeinde“, denen Schätzungen zufolge alleine in Estland 60.000 Menschen zum Opfer fielen. 1941, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, besetzten deutsche Truppen Estland, doch 1944 annektierte die Rote Armee Estland nach schweren Kämpfen zum zweiten Mal. Wieder kam es zu Massendeportationen und Schätzungen zufolge deportierten die sowjetischen Besatzer zwischen 1944 und 1955 etwa 124.000 Esten in sowjetische Straflager.

Auch Keres drohte ein solches Schicksal, denn er hatte während der deutschen Besatzung Estlands an Turnieren im deutschen Reich und in von Deutschland besetzten Gebieten teilgenommen. Außerdem hatte er bei Veranstaltungen der Wehrmacht Simultanveranstaltungen gegeben und war dadurch in den Augen der sowjetischen Machthaber politisch kompromittiert.

Doch zugleich war Keres immer noch einer der besten Schachspieler der Welt und das dürfte ihn geschützt haben. Beim ersten großen internationalen Turnier nach dem Krieg, das in Groningen 1946 stattfand, war Keres nicht dabei, aber 1946 spielte er für die Sowjetunion bei einem Radiowettkampf gegen Großbritannien und im gleichen Jahr vertrat er auch beim Vergleichskampf zwischen der USA und der Sowjetunion in Moskau die sowjetischen Farben. 1947 wurde Keres in Leningrad sogar Sowjetischer Meister.

Doch zum Weltmeisterschaftskampf gegen Aljechin, von dem Keres nach seinem Sieg beim AVRO Turnier geträumt hatte, war es nie gekommen, und obwohl sich Keres von 1950 bis 1965 für alle Kandidatenturniere oder Kandidatenwettkämpfe qualifizieren konnte und vier Mal Zweiter oder geteilter Zweiter wurde, durfte er im Laufe seiner Karriere nur einmal um die Weltmeisterschaft spielen: 1948, beim WM-Turnier in Den Haag und Moskau. Doch dieses wichtige Turnier gewann Botvinnik überlegen mit 14 Punkten aus 20 Partien. Auf Platz zwei landete Vasily Smyslov mit 11 aus 14, während sich Keres und Samuel Reshevsky mit 10,5 aus 20 die Plätze drei und vier teilen mussten.

Olympiaden
Der Zweite Weltkrieg führte auch zu einer langen Pause in Keres’ Olympiakarriere. Für Keres war Buenos Aires die vierte – und die dritte offizielle – Olympiade seiner noch jungen Laufbahn und die letzte, die er für Estland gespielt hat. Sein Olympiadebüt feierte Keres als 18-jähriger 1935 in Warschau. Diese Olympiade war zugleich Keres’ erstes internationales Turnier und mit 12,5 aus 19 erzielte er das fünftbeste Ergebnis am 1. Brett und machte auch durch sein spektakuläres und kämpferisches Schach auf sich aufmerksam. Immer noch sehenswert ist seine berühmte Angriffspartie gegen den Engländer William Winter, den Keres im Gambitstil überrannte.

Ausführliche Kommentare zu dieser Partie findet man in Keres’ Partiensammlung Ausgewählte Partien, 1931-1958, einem auch im Zeitalter von Computerengines immer noch sehr lesenswerten Sammlung gut analysierter Partien.

Ein Jahr später, 1936, bei der inoffiziellen, von den Nationalsozialisten in München organisierten Olympiade, erzielte Keres mit 15,5 aus 20 das beste Ergebnis an Brett 1, doch 1937, bei der offiziellen Schacholympiade in Stockholm reichte es mit 11 aus 15 „nur“ für die Silbermedaille an Brett 1. Gold ging an Salo Flohr, der für die Tschechoslowakei am 1. Brett 12,5 Punkte aus 16 Partien erzielte.

Aber nach vier Olympiaden in fünf Jahren musste Keres seine Olympiakarriere nach Buenos Aires für 13 Jahre unterbrechen. Erst 1952 in Helsinki, bei der ersten Olympiateilnahme der Sowjetunion, war Keres wieder dabei. Doch nun spielte er nicht mehr für Estland, sondern für die Sowjetunion.

Allerdings verlief Keres’ „zweites“ Olympiadebüt sehr viel weniger glanzvoll als sein erster Olympiaauftritt 1935 in Warschau: zwar gewann Keres mit der sowjetischen Mannschaft in Helsinki die Goldmedaille, doch mit nur 6,5 Punkten aus 12 Partien blieb Keres nur knapp über der 50%-Marke – und kam so auf das schlechteste Ergebnis, das er je bei einer Olympiade erzielen sollte.

Doch in der Sammlung seiner besten Partien erwähnt Keres die politischen Turbulenzen der damaligen Zeit oder den Umstand, dass während der Olympiade in Buenos Aires der Zweite Weltkrieg begann, mit keinem Wort. Ja, mit fast schon grotesker Zurückhaltung verzichtet er das gesamte Buch hindurch auf jede Bemerkung über die politischen oder gesellschaftlichen Umstände seiner Karriere. Was sollte er angesichts der sich immer wieder ändernden Machtverhältnisse auch sagen – zumal jedes falsche Wort wegen der gerade herrschenden Verhältnisse gefährlich sein konnte?

Keres hat auch keine der 19 Partien, die er während der Olympiade in Buenos Aires gespielt hat, in sein Buch aufgenommen. Aber zum Abschluss folgt hier ein sehenswerter Angriffssieg, der Keres in der fünften Runde des Finales gegen den Dänen Jens Enevoldsen gelang.

Im aktuellen Karl-Heft hat Mihail Marin diese Partie ausführlich und kritisch kommentiert.

Siehe auch

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