Zufällige Zitate: Boris Spasski über Paul Keres

„Gulliver im Lande Lilliput: das war Paul Keres im sowjetischen Schach. Er war den anderen haushoch überlegen, einfach ganz anders als die sowjetischen Spieler. … Sowjetmenschen bewegten sich ja meist wie Schafherden mit gesenkten Köpfen hinter einem Anführer her. Paul war unser Anführer. Wenn er im Ausland war, in der so genannten kapitalistischen Welt, machte er ein ganz anderes Gesicht als in der Sowjetunion. Er war unser Dolmetscher und ein wandelndes Lexikon der Flugverbindungen, denn das war sein Hobby. Wenn wir ins Kino gingen, dann legte er das Geld für die Tickets aus. Seine Charaktereigenschaften wie Korrektheit, Genauigkeit, Disziplin und Bescheidenheit waren für jedermann sichtbar. Er sprach fließend deutsch und englisch. Sah gut aus. Spielte gerne Bridge, und Tennis auf Meisterniveau. War von Natur aus Gentleman und verfügte über innere Freiheit und einen unabhängigen Charakter. …

Sein geheimer Spitznamen war „pjoruschnik“, also Glückspilz. Das rührte vom Kartenspielen und vom Angeln her, weil er, wenn alle anderen leer ausgingen, einen Fisch an der Leine hatte. …

In der sowjetischen Schachpropaganda stand Botwinnik über allen anderen, er ist zur Gründerfigur stilisiert worden. Für mich war Keres der Patriarch: wegen seiner moralischen Haltung, aber auch wegen seiner höheren Spielkultur. Für mich stand auch Smyslow höher. Aus den Partien von Keres und Smyslow habe ich viel mehr gelernt als aus Botwinniks Partien. … Er schrieb zwölf Bücher und bewahrte seine schachliche Kraft bis zum letzten Tag. Ich halte ihn für die größte Schachpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Sowohl menschlich als auch was das Schach betrifft. …

Seine größte Schwäche war die Strategie. Seine Repertoire war auf Figurenspiel und Taktik ausgerichtet. Er zog das Bajonett vor: Stellungen mit klaren, berechenbaren Konsequenzen. Die Bauernstrukturen spielten bei ihm nicht so eine Rolle. Das ist nicht nur meine Meinung, auch Botwinnik urteilte so. Ich denke, dass Keres trotzdem Weltmeister geworden wäre, wenn er nicht aus einem so geschundenen Land gestammt hätte. Er war voller Selbstvertrauen, solange Estland ein freies Land war. Dann kam Stalin, dann Hitler, dann wieder Stalin. …

Eine Geschichte, die ich über Paul gehört habe, gefällt mir ganz besonders: 1946 spielte die sowjetische Mannschaft irgendwo in Polen. Paul und Wolodja Alatorzew als Kommissar gingen zur Bank, um das Geld der Mannschaft abzuholen. Damals verübten die Partisanen noch immer vereinzelt Anschläge auf Kommunisten und deshalb hatte Alatorzew große Angst. Der Kassierer war bewaffnet. Er gab Alatorzew das Geld, und der packte es zitternd vor Furcht in seine Aktentasche. Paul schlich sich unterdessen lautlos wie eine Katze hinter Alatorzew und riss ihm plötzlich mit aller Kraft die Aktentasche aus den Händen. Armer Wolodja! Aber Paul freute sich über seinen Scherz. Typisch für den jungen Paul! Beim Schach war er genauso.“

Gefunden in: Stefan Löffler, „Der Glückspilz: Boris Spasski über Paul Keres, Schachmythen und die Eigenheiten des Lebens in der Sowjetunion“, KARL 02/2004 (Schwerpunkt: Paul Keres), S. 28-31.

Boris Spasski bei der Schacholympiade 1984 in Saloniki (Foto: Gerhard Hund, Wikipedia)

Siehe auch:

Eine Antwort auf Zufällige Zitate: Boris Spasski über Paul Keres

  1. Gerhard sagt:

    Keres kennt offenbar jeder in Estland.
    Ich sprach mal einen Esten an, der wusste sofort bescheid.
    Bei der WM in London , Karpov-Kasparov kauffte ich meinen ersten Kereswälzer.
    Merkwürdigerweise geistert mir immer eine Partie von ihm als Schwarzer durch den Kopf: T + S gegen T+schlechter Läufer + Isolani.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.