Optimismus ist besser: Angriffsschach mit Baskaran Adhiban

Optimisten, so glauben Glücksforscher, können Rückschläge besser verkraften als Pessimisten. Wenn etwas schiefgeht, nimmt der Pessimist das gerne persönlich und sieht seine Weltsicht bestätigt, während der Optimist Pleiten, Pech und Pannen für Ausnahmen und unglückliche Zufälle hält und weiter an all die Möglichkeiten glaubt, die die Zukunft bietet. Zuviel Optimismus kann im Schach zu Leichtsinn führen und schädlich sein, aber gesunder Optimismus hilft. Ein gutes Beispiel dafür lieferte der indische Großmeister Baskaran Adhiban beim Tata Steel Turnier 2017 in Wijk aan Zee. Weiterlesen…

Grandios: John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“

Am Montag, den 5. Juni, 2017, zeigt Arte um 20.15 Uhr einen Klassiker des Westernfilms: John Fords Der Mann, der Liberty Valance erschoss mit John Wayne (Foto), James Stewart und Lee Marvin in den Hauptrollen. Der Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahre 1962 läuft natürlich nicht das erste Mal im Fernsehen, aber dieses grandiose Epos über Wahrheit und Lüge beim Schreiben von Geschichte und der Konstruktion von Mythen ist immer wieder sehenswert. Weiterlesen…

Zufällige Zitate: Julian Barnes „Am Fenster“

„Literatur erklärt und erweitert das Leben mehr als jede andere schriftliche Form. Natürlich erklärt auch die Biologie das Leben, ebenso die Biografie, die Biochemie, Biophysik, Biomechanik und Biopsychologie. Aber sämtliche Biowissenschaften müssen hinter der Bioliteratur zurücktreten. Romane erzählen uns die reine Wahrheit über das Leben: was es ist, wie wir es leben, wozu es da sein könnte, wie wir es genießen und was es uns wert ist, wie es uns misslingt und wie wir es verlieren. Romane sprechen zu und aus dem Verstand, dem Herzen, dem Auge, den Genitalien, der Haut; zu und aus dem Bewussten und Unterbewussten. Was es bedeutet, ein Individuum zu sein, was es heißt, Teil einer Gesellschaft zu sein. Was es heißt, allein zu sein. … Literatur lässt Figuren, die es nie gegeben hat, so real sein wie gute Freunde und tote Schriftsteller so lebendig wie einen Nachrichtensprecher im Fernsehen. … Wir sind, im tiefsten Inneren, erzählende Wesen und immer auf der Suche nach Antworten. Die beste Literatur liefert nur selten Antworten, aber sie formuliert die Frage ganz ausgezeichnet.“

Diese Liebeserklärung an die Literatur machte der englische Schriftsteller Julian Barnes im Vorwort seines 2016 erschienenen Buches Am Fenster: Siebzehn Essays und eine Short Story, einer Sammlung schöner und origineller Betrachtungen über Bücher, Autoren und das Schreiben.

Palindrom und Parodie: Bob Dylan und „Weird Al“ Jankovic

Palindrome sind Wörter, Sätze oder ganz generell Zeichenketten, die man vorwärts und rückwärts lesen kann. Wörter wie „Lagerregal“, „Reliefpfeiler“ oder Sätze wie „Sei lieb – nebenbei lies“ und „Sei mein, nie fies – sei fein, nie mies“. Palindrome laden zu oft verblüffenden Sprachspielereien ein und die Form ist natürlich wichtiger als der Inhalt. Ein Beispiel dafür lieferte der amerikanische Sänger, Komödiant und Parodist „Weird Al“ Yankovic mit seinem Song „Bob“, einer Parodie von Bob Dylans „Subterranean Homesick Blues“. Weiterlesen

Rudolf Spielmann: Lebensgeschichte als Zeitgeschichte

Er war klein, dick, Zeit seines Lebens Junggeselle, trank gern Bier, kam aus Wien und gehörte mehrere Jahrzehnte zu den besten Schachspielern der Welt. Er fiel weder durch Eskapaden noch Verrücktheit auf, spielte weit über hundert Turniere und mehr als fünfzig Wettkämpfe, aber nie um die Weltmeisterschaft. Rudolf Spielmann war ein ganz normaler Spitzenspieler. Geboren wurde er am 5. Mai 1883 in Wien. Der Geburtstag des Wiener Meisters ist ein guter Anlass, erneut einen Blick in Michael Ehns Rudolf Spielmann: Porträt eines Schachmeisters in Texten und Partien (Koblenz: H.-W. Fink, 1996) zu werfen. Der Band enthält Aufsätze und Partien von Spielmann sowie einen ausführlichen biographischen Teil mit Erinnerungen an den österreichischen Großmeister. Sie zeigen, wie die Lebensgeschichte des Schachspielers Spielmann die Geschichte seiner Zeit widerspiegelt. Weiterlesen

André Schulz online

André Schulz ist seit 1998 verantwortlicher Redakteur der deutschen ChessBase-Seite und hat nach eigenen Angaben „über 16.000 Artikel, News-Beiträge, Turnierberichte, etc.“ im Internet veröffentlicht. Auf seiner eigenen Webseite präsentiert er sein Großes Buch der Schach-Weltmeisterschaften, das im November 2015 bei New in Chess erschienen ist, Fotos, die ihn mit Spielern wie Vishy Anand, Garry Kasparov, Vladimir Kramnik und anderen Prominenten zeigen, und eine Auswahl von Artikeln, die er über die Jahre bei Spiegel Online, bei ChessBase oder im ChessBase Magazin veröffentlicht hat. Ich arbeite seit Jahren mit André zusammen und bewundere sein umfangreiches Schachwissen und seine Leidenschaft für Geschichte und Kultur des Spiels. Die Artikelauswahl auf seiner Webseite spiegelt beides. Neben Turnierberichten stehen dort unter anderem Nachrufe auf Bobby Fischer und Paul Keres, Biographien über Robert Hübner und Mark Taimanov, Artikel über Schach und Literatur („Ronan Bennett in Bildern“, „Patricia Highsmith“) aber auch Berichte über Schach und Fußball oder Schachpolitik. Stöbern lohnt!

Im Archiv geblättert: „Der ultimative Schachfilm“

Der KARL hat viele schöne Seiten. Schön ist zum Beispiel, dass viele KARL-Artikel zeitlos sind. So fiel mir vor kurzem ein altes Heft in die Hände und Erinnerungen an „Schach im Film“, dem Schwerpunkt dieses Heftes, wurden geweckt. Ich habe in der Ausgabe einen Beitrag über zwei Filme geschrieben, in denen Schach eine Rolle spielt. „Knight Moves“, ein schrecklicher Film mit Christopher Lambert in der Hauptrolle, und „Fresh“ mit Sean Nelson, meiner Ansicht nach einer der besten Filme mit dem Thema Schach überhaupt. Hier noch einmal der ganze Artikel. Zum ultimativen Schachfilm…

Wörterrätsel mit David Foster Wallace

David Foster Wallace gilt als einer der bedeutendsten Autoren der modernen amerikanischen Literatur, entsprechend groß ist das Interesse an seinen Büchern und seiner Person. Er selbst sah Schriftstellerbiographien skeptisch. Aus Prinzip. In „Borges on the Couch“, einer kritischen Rezension einer Biographie von Jorge Luis Borges,  meinte er: „Das Privatleben der meisten Leute, die vierzehn Stunden am Tag alleine irgendwo sitzen und lesen und schreiben, bietet wohl wenig prickelnde Abenteuer, die man hören möchte.“ (David Foster Wallace, Both Flesh and Not, Penguin 2012, S. 287). Der Amerikaner Daniel T. Max hat sich trotzdem an einer Biographie von Wallace versucht. Sie erschien 2012, vier Jahre nachdem sich Wallace, der unter schweren Depressionen litt, am 12. September 2008 das Leben genommen hatte. Zum Wörterrätsel…

Den Tiger vom Berg in die Ebene locken: Strategem Nr. 15

Das moderne Leben ist unübersichtlich, Lebensratgeber haben Konjunktur. Sie verraten – oder versprechen das – wie man das Leben und die Liebe vereinfacht, den richtigen Partner oder die richtige Partnerin findet, Kinder erzieht, Freunde gewinnt, Millionär und glücklich wird oder, bescheidener, einfach nur Wege aus der Krise findet. Lebensratgeber im alten China waren die 36 Strategeme, die lange Zeit allerdings nur einem kleinen Kreis von Leuten zugänglich war. Diese 36 Strategeme geben universelle Tipps, um in allen Lebenslagen Erfolg zu haben. Auch Schachspielern können sie helfen. Weiterlesen

Zufällige Zitate: David Byrnes „Bicycle Diaries“

„Seit Anfang der 1980er Jahre ist das Fahrrad mein wichtigstes Transportmittel in New York gewesen. … Ich fühlte mich beschwingt und frei. … Mein Leben war damals mehr oder weniger auf Downtown Manhattan beschränkt … und ich merkte bald, dass man mit dem Fahrrad tagsüber gut Besorgungen erledigen oder abends schnell zu Clubs, Vernissagen oder Nachtbars kommen kann … . Für viele passen Nachtclubs und Fahrradfahren nicht gerade zusammen, aber ich stellte fest, dass es erstaunlich schnell ging und effizient war, mich so von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Ich blieb also dabei, trotz des uncoolen Flairs und der Gefahr, denn damals gab es noch nicht viele Radfahrer in der Stadt. Die Autofahrer glaubten, sie hätten die Straßen für sich allein, und versperrten Radfahrern den Weg oder drängten sie noch weitaus häufiger als heute in geparkte Autos. Mit zunehmendem Alter hatte ich dann auch das Gefühl, dass Radfahren eine gute Möglichkeit ist, mich körperlich fit zu halten, anfangs jedoch spielte das keine Rolle. Es war einfach nur schön, auf den schmutzigen, mit Schlaglöchern gespickten Straßen zu fahren. Weiterlesen

Mehr als Sport: David Foster Wallace über Roger Federer

Am 29. Januar 2017 besiegte Tennisprofi Roger Federer im Finale der Australian Open in Melbourne seinen langjährigen Rivalen Rafael Nadal in einem dramatischen Fünf-Satz-Match und gewann seinen achtzehnten Grand Slam Titel, mehr als jeder andere Spieler vor ihm. Dennoch war Federers Sieg eine Sensation. Vor den Australian Open hatte der Schweizer wegen einer Knieverletzung ein halbes Jahr lang kein Turnier gespielt und mit 35 Jahren ist er für einen Tennisspieler bereits alt. Um dieses sensationelle Comeback zu beschreiben, zitierten Journalisten oft und gerne US-Autor David Foster Wallace, der am 20. August 2006 in der New York Times einen langen Artikel über Roger Federer veröffentlicht hatte. Der Titel dieses Essays war kurz, provokant und einprägsam. Er lautete: „Roger Federer as Religious Experience“. Weiterlesen

Eine erotische Schachpartie: Steve McQueen in „Thomas Crown ist nicht zu fassen“

Er war der „King of Cool“. Steve McQueens Auftreten, sein Aussehen und seine Darstellung gebrochener Helden machten ihn in den sechziger und siebziger Jahren zu einem der höchstbezahlten und beliebtesten Schauspieler Hollywoods. Auch sein Leben klingt wie ein Hollywoodfilm über den American Dream des Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär. McQueen kam aus dem, was man heute gerne „schwierige soziale Verhältnisse“ nennt. Seinen Vater, der die Familie kurz nach der Geburt des Sohnes verließ, lernte er nie kennen, und erzogen wurde er von einem Onkel, da auch die Mutter keine Lust hatte, sich um den jungen Steve zu kümmern. Als 14-jähriger kam der spätere Schauspieler in ein Heim für schwer erziehbare Kinder und nachdem er dort seinen Schulabschluss gemacht hatte, zog er als Vagabund durch die USA und Südamerika, bis er mit 17 Jahren dem US State Marine Corps beitrat. Steve McQueen als Schachspieler…

Partie des Monats: Juli 2016

teaserIn der Weltrangliste vom 1. Juli 2016 lag Magnus Carlsen 43 Elo-Punkte vor Vladimir Kramnik, der Nummer zwei der Welt. Beim Grand Slam Masters, das vom 13. bis 23. Juli in Bilbao stattfand, zeigte Carlsen, warum er mit Abstand die klare Nummer eins der Welt ist. Außer Carlsen gingen Sergey Karjakin, Hikaru Nakamura, Anish Giri, Wesley So und Wei Yi in Bilbao an den Start. Karjakin spielt im November gegen Carlsen um die Weltmeisterschaft, den vier anderen traut man durchaus zu, irgendwann einmal um die Weltmeisterschaft zu spielen. Zehn Runden standen in Bilbao auf dem Programm, Jeder spielte zwei Mal gegen Jeden. Carlsen startete mit einer Niederlage gegen Hikaru Nakamura, aber gewann am Ende mit vier Siegen, fünf Remis und einer Niederlage mit 6,5 aus 10 doch noch deutlich – und spielte eine gute Partie nach der anderen. Weiterlesen…

Radfahren literarisch: Elmar Schenkels „Cyclomanie“

cover_cyclomanieAm Sonntag, den 24. Juli 2016, gewann der in Nairobi, Kenia, geborene Brite Chistopher Froome die 103. Tour de France. Nach 2013 und 2015 war es sein dritter Sieg. Aber Nachrichten von der Tour sind nicht mehr so aufregend wie früher. Seit sicher ist, dass Lance Armstrong, Jan Ullrich & Co. nur so schnell und ausdauernd über Frankreichs Berge gekommen sind, weil sie gedopt waren, hat die Frankreichrundfahrt viel von ihrem Nimbus eingebüßt. Allerdings haben Skandale, Betrug und Doping die Tour de France von Anfang an begleitet. Weiterlesen…

Partie des Monats: Mai 2016

kramnik_teaserAuf der Weltrangliste vom 1. Juni 2016 liegt Vladimir Kramnik mit einer Elo-Zahl von 2812 Punkten auf Platz zwei hinter Magnus Carlsen. Auch im März, zu Beginn des Kandidatenturniers in Moskau, war der Ex-Weltmeister die Nummer zwei, da allerdings hatte er elf Punkte weniger. Beim Kandidatenturnier durfte er dennoch nicht teilnehmen, denn sein Elo-Schnitt vom 1. Januar bis 31. Dezember 2015 war schlechter als der von Anish Giri und Veselin Topalov. Das ist schade, denn mit Kramnik wäre das phantastische Kandidatenturnier vielleicht noch besser gewesen. Das zumindest legt sein Auftritt bei den Russischen Mannschaftsmeisterschaften nahe, die Anfang Mai in Sotschi stattfanden. Zur Partie…

Partie des Monats: April 2016

diagram_teaserDer April war aufregend: Weltmeister Magnus Carlsen kehrte endlich vor der eigenen Haustür und gewann in Norwegen nach drei vergeblichen Anläufen eins der besten Turniere des Jahres, die US-Meisterschaften waren so stark besetzt wie nie zuvor, und Garry Kasparov zeigte dem Nachwuchs in St. Louis, wie gut er immer noch blitzt und warum Schottisch gar nicht so schlecht ist. Schöne Partien gab’s auch. Weiterlesen…

Versöhnlich: Rhidian Brooks „Niemandsland“

niemandsland_teaser „Ihre Fähigkeit, das Fehlverhalten anderer zu übersehen, ist grenzenlos. Sie sind mir wirklich ein Rätsel.“ Das sagt Major Burnham über seinen Gegenspieler Colonel Lewis Morgan, einen der Hauptcharaktere von Rhidian Brooks Niemandsland. Morgan ist 1946 als Offizier der britischen Armee nach Hamburg gekommen und tatsächlich hätte er mehr als genügend Grund die Deutschen zu hassen. Sein ältester Sohn Michael starb bei einem Bombenangriff der Deutschen auf England, seine Frau Rachael hat er seit drei Jahren nicht gesehen.

Doch als die britische Verwaltung Morgan die Villa des Architekten Stefan Lubert, ein luxuriöses Anwesen an der Elbe, das den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden hat, als Quartier zuweist, entschließt er sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Weiterlesen…

Partie des Monats: März 2016

caruana_teaserHier fällt die Wahl nicht schwer. Für mich ist die Partie des Monats März die Begegnung zwischen Fabiano Caruana und Sergey Karjakin in der Schlussrunde des Kandidatenturniers in Moskau. Der April hat zwar gerade erst begonnen, aber dies ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Partien des Jahres. Denn sie entschied über den Sieg im Kandidatenturnier und darüber, wer im November gegen Magnus Carlsen in New York um die Weltmeisterschaft spielt. Außerdem zeigten beide Seiten unter hohem Druck hochklassiges und kämpferisches Schach. Zur Partie…

Witzig: Shane Maloneys „Künstlerpech“

kuenstlerpech_cover_teaser„Es kommt mir kein russischer Roman in den Sinn, in dem sich einer der Helden in eine Kunstausstellung verirrt.“ Mit diesem Zitat des englischen Schriftstellers William Somerset Maugham, beginnt der australische Autor Shane Maloney seinen Roman Künstlerpech, eine vergnügliche Reise durch die Welt von Politik, Kunst und Korruption im australischen Melbourne. Künstlerpech beginnt mit einer Beinah-Liebesszene, in der sich Murray Whelan, politischer Berater des neuen Kulturministers von Melbourne, und Kunstexpertin Salina Fleet, einander nähern, aber am Ende aus Ungeschicklichkeit und Unentschlossenheit doch nicht zueinander finden. Weiterlesen…

Bobby Fischer hat Geburtstag

teaser-fischerDer 9. März 1943 ist der Geburtstag von Bobby Fischer, der elfte Weltmeister der Schachgeschichte. Über das exzentrische Genie Fischer ist schon viel geschrieben worden, doch an dieser Stelle möchte ich mich auf eine Partie von ihm beschränken, die vielleicht angemessene Geburtstagserinnerung an einen der besten Schachspieler aller Zeiten. Bei der Suche nach dem passenden Geburtstagsgruß kam mir eine Partie Fischers gegen Anthony Saidy in den Sinn. Als Jugendlicher habe ich sie in einer von Rudolf Teschner geschriebenen Sammlung mit Großmeisterpartien entdeckt und war damals von dem mutigen, energischen und gradlinigen Spiel Fischers tief beeindruckt. Zur Partie…