Neal Cassady: Schach und andere Leidenschaften

Neal Cassady (links) und Jack Kerouac auf dem Cover von “On the Road”

„Das Schach, manisch – er redet nicht mit mir, außer irgendwie teilnahmslos.“ Das schrieb Allen Ginsberg an Jack Kerouac über einen Besuch bei ihrem alten Freund Neal Cassady. Ginsberg und Kerouac waren führende Vertreter der Beatniks, einer kleinen Gruppe von Dichtern, Intellektuellen und Aussteigern, die sich für Jazz, Buddhismus und Literatur begeisterten und in den 1950ern und 60ern mit Drogenexperimenten und rauschhaften Reisen quer durch die USA ein neues Bewusstsein schaffen wollten. Die Gruppe war klein, aber ihr kultureller Einfluss war groß und Cassady eine ihrer zentralen Figuren. Weiterlesen

Aus aktuellem Anlass: Tigran Petrosjan als Olympiaspieler

Im Moment findet in Batumi, Georgien, die 43. Schacholympiade statt. Schacholympiaden erinnern mich immer an Tigran Petrosjan, Schachweltmeister von 1963 bis 1969. Petrosjan gilt als sehr sicherer Spieler, aber Schacholympiaden brachten eine andere Seite von ihm zum Vorschein. Er spielte aggressiver, weniger vorsichtig und seine Remisquote war deutlich niedriger als in seinen anderen Wettkämpfen und Turnieren. Bei Olympiaden zeigte er immer wieder, wie attraktiv und einfallsreich er spielen konnte. Im Karl 04/2009, dessen Schwerpunkt Petrosjan gewidmet ist, habe ich in einem Artikel einen Blick auf Petrosjans Erfolge bei Olympiaden geworfen. Aus aktuellem Anlass – der Schacholympiade in Batumi – möchte ich diese Würdigung Petrosjans hier noch einmal veröffentlichen. Weiterlesen

Zufällige Zitate: John Green über David Foster Wallace

Screenshot aus einem Interview mit Green über David Foster Wallace

„Ich habe Infinite Jest das erste Mal im Sommer 1996 gelesen, nach meinem ersten Jahr im College. … Infinite Jest zu lesen war wunderbar verwirrend. Aber 1996 war alles Lesen für mich wunderbar verwirrend, und wenn ich etwas nicht verstanden habe, dann habe ich einfach weitergelesen. Natürlich hatte ich überhaupt keine Idee, was in dem Buch passiert. … Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, habe ich sofort zu Seite eins zurückgeblättert und noch einmal von vorne angefangen. Weiterlesen

Ein bemerkenswerter Königsmarsch: Tigran Petrosian gegen Jack Peters

Manche Partien bleiben einfach im Gedächtnis. So erinnerte die Begegnung zwischen Wesley So und Vishy Anand aus der 6. Runde des Sinquefields Cup 2018 in St. Louis Live-Kommentator Maurice Ashley an eine Partie zwischen Tigran Petrosian (Foto) und dem amerikanischen Internationalen Meister Jack Peters aus dem Jahre 1976. Die Partie So gegen Anand endete mehr oder weniger unspektakulär Remis, in der Partie zwischen Petrosian und Peters kam es zu einem Königsmarsch, den man nicht so leicht vergisst. Weiterlesen

Der Tiger bleibt auf dem Berg: Der Weltmeisterschaftskampf 1961 zwischen Mihail Tal und Mikhail Botvinnik

Manche Weltmeisterschaftskämpfe erfahren in der Schachgeschichte viel Aufmerksamkeit, andere weniger. Der WM-Kampf 1960 zwischen Tal und Botvinnik wurde viel beachtet, der Revanchekampf zwischen Tal und Botvinnik 1961 sehr viel weniger. Das liegt auch daran, dass in den Augen vieler Leute der „falsche“ Spieler gewonnen hat. Mit seinem Wettkampfsieg gegen Botvinnik 1960 wurde Tal zum damals jüngsten Weltmeister aller Zeiten. Sein mutiges dynamisches Spiel begeisterte Fans in aller Welt und sein Sieg gegen Botvinnik schien ein Sieg der Phantasie gegen Logik und der Beginn einer neuen Ära zu sein. Doch nur ein Jahr später, beim Revanchewettkampf 1961, folgte die Ernüchterung: Botvinnik gewann klar mit 13 zu 8 (+10, -5, =6) und holte sich den Weltmeistertitel zurück. Allerdings fand der zweite Wettkampf unter ungleichen Bedingungen statt. Weiterlesen

Im Web entdeckt: Unbekannte Seiten von Philip Marlowe

Humphrey Bogart in The Big Sleep © Warner Bros. (1946)

Philip Marlowe ist einer der berühmtesten Detektive der Literaturgeschichte. Sein Schöpfer Raymond Chandler gilt zusammen mit Dashiell Hammett als Begründer der Hard-boiled novels. Der Held dieser Krimis ist meist Privatdetektiv, ein Einzelgänger mit losem Mundwerk, aber festen Prinzipien. Er wird oft verprügelt, aber ist unbestechlich und seinen Klienten gegenüber immer loyal, wobei er sich allerdings viel zu oft in die falsche Frau verliebt.

Hammetts berühmtester Roman ist wahrscheinlich Der Malteser Falke, in dem Sam Spade ermittelt, Chandlers berühmtester Roman ist wohl Der große Schlaf, in dem Philip Marlowe Verbrechen bekämpft. Beide Romane wurden verfilmt und in beiden Filmen spielt Humphrey Bogart die Hauptrolle. Damit hat er dem Hard-boiled Detective ein Gesicht gegeben – aber vielleicht das falsche.

Denn wie Anthony Dean Rizzuto, Professor für Englisch an der Sonoma State University, Kalifornien, und Experte für Hard-boiled fiction, herausgefunden hat, ähnelt Marlowe im Roman The Big Sleep nicht Humphrey Bogart, sondern Cary Grant. Außerdem hatte Marlowe bei Chandler nur selten eine Pistole bei sich und machte sich gerne über die Klischees in Hard-boiled novels lustig. Das sind nur drei von Eight Things You Didn’t Know About Raymond Chandler’s The Big Sleep, die Rizzuto bei seiner Arbeit an einer kommentierten Neuausgabe von The Big Sleep entdeckt hat.

Der neue „Karl“ ist da: Schwerpunkt Frankfurt

Die aktuelle Karl-Ausgabe widmet sich im Schwerpunkt dem Schach in Frankfurt. Unter anderem mit einem Rückblick auf zwei bedeutende Frankfurter Turniere, die im 19. Jahrhundert gespielt wurden: dem Westdeutschen Schachkongress 1878 und dem Frankfurter Meisterturnier von 1887. Gewonnen hat das Meisterturnier der Amerikaner Mackenzie, der nicht nur einer der stärksten Schachspieler der damaligen Zeit war, sondern auch ein bewegtes Leben führte. Er wurde 1837 in Schottland geboren und kämpfte später als Berufssoldat in Irland, Indien, Südafrika und im amerikanischen Bürgerkrieg. Weiterlesen

Ein deutsches Bücherregal: Jörg Magenaus „Bestseller“

Bücherregale verraten viel über ihre Besitzer. Über ihre Interessen, Vorlieben, Leidenschaften, Ängste, Sorgen, über Wünsche und Träume, die sie hatten oder haben. In seinem Buch Bestseller hat Jörg Magenau nun ein deutsches Bücherregal zusammengestellt und sich angeschaut, welche Bücher die Deutschen in den letzten 70 Jahren besonders gerne gelesen haben – deutsche Bestseller, Bücher, die sich von 1945 bis 2017 in Deutschland besonders gut verkauft haben. Weiterlesen

Im Archiv geblättert: Schach in der Literatur

Foto: David Levene

Henning Mankells Vor dem Frost und Walter Tevis’ The Queens Gambit: Zwei literarische Begegnungen

Schachspielern in der Literatur oder in Filmen zu begegnen ist nicht immer ein Vergnügen. Oft behaupten sie fünfzig Züge im Voraus berechnen zu können und 100.000 Varianten im Gedächtnis zu haben, aber kennen die Namen der von ihnen gespielten Eröffnungen nicht. In Filmen bauen sie das Brett falsch auf und nehmen die Figuren in die Hand wie ein Nichtraucher eine Zigarette. Von Lasker, Capablanca und Aljechin reden sie wie ein Philosophiestudent im ersten Semester über Heidegger und Wittgenstein. Ihre Kenntnis der Schachgeschichte endet in der Regel kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – es sei denn, sie sprechen über Fischer. Angenehme Zeitgenossen unter ihnen gibt es kaum. Die Sensiblen sind verrückt oder werden es bald und die robusteren Naturen nutzen ihren Verstand meist zur Planung perfider Verbrechen. Weiterlesen

Partie des Monats – April 2018: Richard Rapport gegen Vincent Keymer

Vincent Keymer (Foto: André Schulz)

Im April wurden eine Reihe interessanter Partien gespielt, dafür sorgten die Bundesliga-Endrunde und das insgesamt allerdings dann doch recht friedliche Gashimov Memorial in Shamkir. Doch eine Partie war im letzten Monat ganz besonders bemerkenswert: Richard Rapport gegen Vincent Keymer, gespielt am 2. April 2018, in der letzten Runde des Grenke Opens in Karlsruhe. Der erst 13-jährige Keymer gewann diese Partie und damit auch das Grenke Open, das größte offene Turnier Europas. 15.000 Euro Preisgeld und eine GM-Norm gab es außerdem. Weiterlesen

Der neue “Karl” ist da – Schwerpunkt: Tassilo von Heydebrand und der Lasa & Adolf Anderssen

Der erste Karl des Jahres 2018 wirft einen Blick zurück und beschäftigt sich im Schwerpunkt mit Adolf Anderssen und Tassilo von Heydebrand und von der Lasa, zwei wichtigen Persönlichkeiten der deutschen Schachgeschichte. Anderssen (6. Juli 1818 bis 13. März 1879) ist der bekanntere der beiden. Er gewann 1851 in London das erste internationale Schachturnier überhaupt und war jahrelang einer der besten Spieler der Welt. Weiterlesen

Entdeckungen: “Die stille Saison eines Helden”

Die stille Saison eines Helden ist eine Anthologie mit den „besten amerikanischen Sportgeschichten“, herausgegeben und übersetzt von Dominik Fehrmann. Der Band präsentiert neun Artikel über Sport und Sportler und lädt dazu ein, Entdeckungen zu machen. So hatte ich noch nie von Ricardo Alonso Gonzalez gehört, dem „Einsamen Wolf des Tennis“ über dessen Karriere und Leidenschaft für schnelle Autos der amerikanische Sportjournalist Dick Schaap berichtet. Gonzalez war, so steht es in der Wikipedia, „über einen Zeitraum von 25 Jahren (1948 bis Ende 1972) … ein Weltklassespieler, und galt seit Anfang 1954 bis Mitte 1960 als der beste Spieler der Welt, länger als jeder andere zuvor und danach. Insofern darf er“, so die Wikipedia, „neben Bill Tilden, Rod Laver, Pete Sampras, Roger Federer und Rafael Nadal zu den besten Tennisspielern aller Zeiten gezählt werden.“ Weiterlesen

Zum Geburtstag von Edna St. Vincent Millay (22. Februar 1892 – 19. Oktober 1950)

Edna St. Vincent Millay, Foto: Arnold Genthe, Wikimedia Commons

First Fig

My candle burns at both ends;
It will not last the night;
But ah, my foes, and oh, my friends-
It gives a lovely light!

Dieses Gedicht stammt von Edna St. Vincent Millay, die in den 1920ern eine der bekanntesten Lyrikerinnen der USA war, wenn nicht sogar die bekannteste. Für ihr drittes Buch, den 1923 veröffentlichten Gedichtband Harp Weaver, erhielt sie den Pulitzerpreis, ihre Gedichtbände waren Bestseller, sie selbst ein Star. Weiterlesen

Zufällige Zitate – Daniel Kehlmann über Begabung

„Begabung ist der Wunsch, etwas zu tun. Man muss das wirklich gern machen, und das heißt eben auch: es dann machen, wenn man es nicht gern macht. Es so gern machen, dass man es auch macht, wenn man es überhaupt nicht machen will.“

Das sagt der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann auf Seite 110 der Zeitschrift Neon vom März 2018, in einem Porträt von Lars Weisbrod, der eine Antwort auf die Frage gesucht hat, was Kehlmann zu einem erfolgreichen Schriftsteller gemacht hat, zu einem, so Weisbrod, „leuchtende[n] Beispiel für einen klugen Künstler mit Anspruch, der es irgendwie geschafft hat, auch das breite Publikum zu begeistern.“ (Foto: Daniel Kehlmann auf der Frankfurter Buchmesse 2017, von Heike Huslage-Koch, via Wikimedia Commons) Weiterlesen

Sergei Dolmatovs „Chess in the Style of Jazz“

Louis Armstrong

Als Schachtrainer war Mark Dworetski (9. Dezember 1947 – 26. September 2016) eine Legende. Er machte Talente zu Großmeistern, Großmeister zu starken Großmeistern und starke Großmeister zu Spitzenspielern. Seine Trainingsmethoden verriet Dworetski in einer ganzen Reihe von Büchern mit Aufsätzen zu diversen Aspekten des Schachs – Endspiel, Mittelspiel, Eröffnung, Angriff, Verteidigung, positionelles Spiel, usw., usw.. Weiterlesen…

Zufällige Zitate: Mark Billingham über “Books that made me”

Die Abenteuer des Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle. Als ich 13 war, wurde mir dieses Buch von einem exzentrischen Mathelehrer, der in seinen eigenen Stunden Langeweile hatte, vorgelesen. Deshalb schreibe ich Kriminalromane. Und deshalb kann ich nicht addieren.“ So beantwortete der englische Krimiautor Mark Billingham die Frage nach „Dem Buch, das mein Leben/die Welt geändert hat“. Die Frage gestellt hat der Guardian und zwar in der Serie The books that made me. Hier stellen Autorinnen und Schriftsteller jeweils zehn Bücher vor, die in ihrem Leben wichtig waren. Gefragt wird dabei immer nach ganz besonderen Büchern.  Zur Liste mit den besonderen Büchern…

Denkwürdige Partien: Donald Byrne gegen Bobby Fischer, New York 1956

Kurz vor Weihnachten erschien der neue KARL, die vierte und letzte Ausgabe des Jahres 2017, Schwerpunkt „Denkwürdige Partien“. Das Cover zeigt eine Fotocollage mit dem Partieformular einer der berühmtesten Partien der Schachgeschichte: Donald Byrne gegen Bobby Fischer, gespielt am 17. Oktober 1956 im Marshall Chess Club in New York, in Runde 8 des Lessing Rosenwald Gedenkturniers. Bobby Fischer war damals 13 Jahre alt und diese Partie machte ihn auf einen Schlag berühmt. Auch über 60 Jahre später wirkt sie noch frisch und eindrucksvoll. Zur Partie…

Die Lieblingsbücher von David Foster Wallace

2007 veröffentlichte der amerikanische Journalist John Peter Zane das Buch Top Ten: Writers Pick Their Favorite Books, in dem 125 Autoren ihre zehn Lieblingsbücher vorstellen. Besonders überraschend war die Auswahl von US-Autor David Foster Wallace (21. Februar 1962 – 12. September 2008). Wallace ist Autor von thematisch und formell kühnen Romanen wie Infinite Jest, aber hat auch Bücher über Rap oder Georg Cantor: Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen geschrieben. Er gilt als innovativer Autor mit enzyklopädischer Bildung, seine Bücher als  stilistisch, formell und thematisch anspruchsvoll. Umso verblüffender waren und sind die Werke populärer Unterhaltungsliteratur auf Wallace’ Liste seiner zehn Lieblingsbücher. Zur Liste…

Partie des Monats: November 2017, Bai Jinshi – Ding Liren

Ding Liren (Foto: Alina l’Ami)

Eine der schönsten und spektakulärsten Schachpartien der letzten Jahre wurde am 4. November 2017 in der Chinesischen Liga, dem so genannten Yingmei Cup, gespielt. Chinas Nummer eins, Ding Liren, der sich kurz zuvor beim World Cup als erster Chinese in der Geschichte des Schachs für das Kandidatenturnier 2018 in Berlin qualifiziert hatte, spielte mit Schwarz gegen Bai Jinshi, einen 1999 geborenen jungen chinesischen Großmeister, der Anfang des Jahres das Open in Groningen gewonnen hatte. Bai Jinshi behandelte die Eröffnung selbstbewusst und provokant, doch Ding Liren konterte mit einem Damenopfer im 15. Zug. Dieses Damenopfer war der Auftakt zu einer Reihe inspirierter Angriffszüge und weiterer Opfer, mit denen der weiße König über das halbe Brett gejagt und schließlich Matt gesetzt wurde. Zur Partie…

Zufällige Zitate: Boris Spasski über Paul Keres

„Gulliver im Lande Lilliput: das war Paul Keres im sowjetischen Schach. Er war den anderen haushoch überlegen, einfach ganz anders als die sowjetischen Spieler. … Sowjetmenschen bewegten sich ja meist wie Schafherden mit gesenkten Köpfen hinter einem Anführer her. Paul war unser Anführer. Wenn er im Ausland war, in der so genannten kapitalistischen Welt, machte er ein ganz anderes Gesicht als in der Sowjetunion. Er war unser Dolmetscher und ein wandelndes Lexikon der Flugverbindungen, denn das war sein Hobby. Weiterlesen