Romananfang 12 – Jane Austen, “Stolz und Vorurteil”

Der Filmregisseur Billy Wilder hat einmal erzählt, dass er eines Nachts im Traum die Idee zu einem phantastischen Film hatte. Im Traum war der gesamte Film vor Wilders Augen abgelaufen und der Regisseur war begeistert. Der Film war spannend, unterhaltsam, witzig, rührend, vielschichtig und würde mit Sicherheit ein großer Erfolg werden. Und da der Film so gut war, hat Wilder die Story mitten in der Nacht, als er kurz aufgewacht war, in einem Notizbuch festgehalten, das immer neben seinem Bett lag. Am nächsten Morgen konnte sich Wilder tatsächlich nicht mehr an den wunderbaren Film erinnern, aber das machte ihm keine allzu großen Sorgen, denn schließlich hatte er die Geschichte ja aufgeschrieben. Doch als er sein Notizbuch aufschlug, stand dort nur: „Boy meets Girl.“

Das allerdings ist die Grundidee von unzähligen Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Filmen. Eine der erfolgreichsten Geschichten mit dieser Grundidee ist Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil. Er erzählt, wie sich der reiche, gut aussehende, aber leider auch etwas hochmütige Fitzwilliam Darcy (Boy), und die kluge und lebhafte Elizabeth Bennet (Girl) treffen und nach vielen Irrungen, Intrigen und Täuschungen durch sich selbst und durch andere am Ende erkennen, dass sie sich lieben und zusammen leben wollen.

Der Roman ist ein Phänomen. Er wurde 1813 veröffentlicht und erfreut sich seitdem anhaltender und ungebrochener Beliebtheit. Er wurde oft und erfolgreich verfilmt und im 19. Jahrhundert ebenso gern gelesen wie im 20. oder zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Aber warum? Was macht diesen Roman so überaus populär und beliebt?

Ist es die technisch brillant erzählte spannende Geschichte voller überraschender Wendungen? Oder die gut beobachteten und feinsinnig beschriebenen Figuren, die auch über 200 Jahre nach ihrem ersten Auftreten nicht wirklich gealtert sind? Die Attraktivität von Elizabeth und Darcy, die zu Phantasien und Träumen einlädt? Der Wunsch nach einer erfüllten Partnerschaft mit einem geliebten Menschen, die Darcy und Elizabeth ihrem Stolz und ihrer Vorurteile zum Trotz am Ende doch noch vergönnt ist? Die wunderbar elegante Sprache und die feine Ironie, mit der Austen die eigentlich doch schrecklichen Zwänge und Obsessionen einer Gesellschaft beschreibt, in der Frauen gezwungen waren, oft nicht aus Liebe sondern aus finanziellen Erwägungen heraus zu heiraten? Oder die schöne Mischung aus Romantik und Realismus, die dazu führt, dass Darcy und Elizabeth erst zueinander finden, nachdem sie etliche Krisen hinter sich haben, aus denen sie geläutert mit besserem Bewusstsein für die eigenen Schwächen hervorgegangen sind? Oder schlicht und einfach die traumhafte Attraktivität der Grundidee „Boy meets Girl“?

Vielleicht findet man beim Wiederlesen des Romans ja die richtige Antwort auf diese Fragen.


Jane Austen, Pride and Prejudice, Abbildung der Titelseite der Ausgabe von 1813, die in London bei T. Egerton erschienen ist. Archiv: Lilly Library, Indiana University, Foto: Wikimedia

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Zur Orientierung…

Dieser Artikel ist Teil eines Quiz’ mit/über Romananfänge. 24 Romananfänge werden vorgestellt, wer will, kann versuchen, Titel und Autor/Autorin des Romans zu erraten. Die Links führen entweder direkt zum nächsten Romananfang oder zu anderen Romananfängen.

 

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