Xie Jun: Mit Begeisterung zum Erfolg

xie_jun_chesschampionList, Lüge, Täuschung, Tücke – beschäftigt man sich mit den chinesischen Strategemen, verliert man leicht den Glauben an das Gute im Menschen. Ist man einfach nur naiv und weltfremd, wenn man an gegenseitige Hilfe, Freundlichkeit und Altruismus glaubt und etwas tut, ohne gleich und immer an den eigenen Vorteil zu denken? Macht einen das zu einem verträumten Idealisten, der nicht weiß, wie die Welt funktioniert? Zu einem hilflosen Opfer von schlauen, rücksichtslosen und gewitzten Strategen? Gut möglich. Aber zumindest im Schach geht es auch anders. Das zeigt ein entscheidender Moment in der Karriere von Xie Jun, Chinas erster Schachweltmeisterin.

Die am 30. Oktober 1970 in Peking geborene Xie Jun leistete einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung und Popularisierung des chinesischen Frauenschachs. Ihr rascher Aufstieg zur Weltmeisterin liefert ein passendes Symbol für den Aufstieg Chinas im Schach – und wenn man so will, auch für den Aufstieg Chinas in Politik und Wirtschaft.

Als beinahe Unbekannte qualifizierte sich die junge Chinesin 1991 im Kandidatenturnier der Frauen in Bordschomi in Georgien für einen Stichkampf gegen Alisa Maric um das Recht, die Weltmeisterin Maja Tschiburdanidse zum WM-Kampf herauszufordern. Xie Jun gewann den Stichkampf 4,5:2,5 und trat noch im gleichen Jahr gegen Tschiburdanidse an.

Die Georgierin Tschiburdanidse galt schon damals als lebende Legende. 1978 war sie im Alter von 17 Jahren durch einen Sieg gegen Nona Gaprindaschwili Frauenweltmeisterin geworden und hatte ihren Titel seitdem in vier Wettkämpfen erfolgreich verteidigt. Außerdem war sie nach Gaprindaschwili die zweite Frau überhaupt, die es geschafft hatte, den Großmeistertitel der Männer zu erringen.

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Maja Tschiburdanidse (Quelle: Wikipedia-Eintrag Tschiburdanidse)

Doch obwohl Xie Jun als klare Außenseiterin in den Wettkampf startete, gewann sie am Ende mit 8,5:6,5. Die entscheidende und letzte Partie wurde am 29. Oktober 1991 gespielt, einen Tag vor dem 21. Geburtstag Xie Juns.

Dabei hatte sie, wie sie in ihrer lesenswerten und offenherzigen Autobiographie Xie Jun: Chess Champion from China, Gambit Publications 1998, schreibt, kurz zuvor noch überlegt, ob sie das Schachspiel nicht ganz aufgeben soll. 1989, nach der Niederschlagung des Aufstandes auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni, hatte sie das Gefühl, die politische Situation in China würde es ihr nicht erlauben, im Schach weiterzukommen. Einige ihrer Freunde waren ins Exil in die USA geflohen, andere rieten ihr, mit dem Schach aufzuhören und stattdessen etwas „Ernsthafteres“ zu tun und zu studieren (Vgl. Xie Jun, Chess Champion from China, S. 35-36).

Also fasste sie einen Entschluss: „Die Landesmeisterschaft der Frauen im September sollte mein letztes ernsthaftes Turnier sein, danach würde ich ganz mit dem Schach aufhören.“ (Chess Champion from China, S.36) Doch es kam anders. Xie Jun gewann das Turnier, wurde Chinesische Landesmeisterin und gab sich noch eine Schonfrist, denn ihre Schachkarriere in diesem Moment zu beenden, wäre „bizarr“ gewesen.

Nicht ganz einen Monat später nahm sie an der Chinesischen Juniorenmeisterschaft teil, in der Jungen und Mädchen im gleichen Turnier starteten. Xie Jun spielte äußerst erfolgreich. Ein Grund dafür war Strategem Nummer 3: „Mit dem Dolch eines anderen töten.“ Allerdings nutzte Xie Jun dieses Strategem mit spielerischer Unschuld und Begeisterung: „Jeden Morgen machte ich Sport, danach schaute ich mir ein paar Partien aus der Partiensammlung Karpovs an. … Karpovs Partien waren eine Quelle der Inspiration für mich. Besonders hervorheben möchte ich die Partie Karpov-Hort, die tiefen Eindruck auf mich gemacht hat.“ (Chess Champion from China, S.37)

„Diese faszinierende Partie habe ich mir am Morgen vor meiner Partie gegen Peng Xiaomin angeschaut. … Schauen wir uns an, was dort geschah.“ (Chess Champion from China, S.37)

„Die Freude, eine Partie zu gewinnen, indem man Ideen anwendet, die man am gleichen Morgen entdeckt hat, ist unbeschreiblich. Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, ich hätte ‚einen Schlüssel für das Tor zum Schach’ gefunden.“ (Chess Champion from China, S.41)

Dieses Turnier brachte Xie Jun nicht nur die Freude am Schach zurück, es katapultierte sie auch über die Marke von 2400 Elo. Dadurch war sie automatisch für das Zonenturnier qualifiziert. Zwei Jahre später wurde sie Weltmeisterin.

Wikipedia-Eintrag über Xie Jun

Siehe auch:

Strategeme – Das Geheimnis des chinesischen Schachs?

Keine Ethik, keine Moral: „Mit dem Dolch eines anderen töten“

Erst verwirren, dann gewinnen: Strategem Nr. 20

Auf das Dach locken…

Den Tiger vom Berg in die Ebene locken: Strategem Nr. 15

Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen: Strategem Nr. 5

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