Keine Ethik, keine Moral: „Mit dem Dolch eines anderen töten“

strategemecoverFrüher waren sie geheim, doch mittlerweile kann man in zahlreichen Büchern und im Internet nachlesen, was es mit den 36 chinesischen Strategemen auf sich hat. Sie geben Ratschläge, wie man mit List und Raffinesse zu Erfolg und Wohlstand kommt. Ethische Überlegungen spielen dabei keine große Rolle. Bei den Strategemen geht es um Zweckmäßigkeit, nicht um Moral, wichtig ist, dass sie funktionieren. Dementsprechend klingt Strategem Nummer 3 „Mit dem Dolch eines anderen töten“ so gar nicht nach Fairplay. Trotzdem – oder gerade deshalb – wird diese List gern angewandt.

Harro von Senger, der deutsche Sinologe, der die 36 chinesischen Strategeme als Erster einem breiten Publikum in Deutschland vorgestellt hat, nennt zwei grundsätzliche Bedeutungen des Strategems Nummer 3:

„Das Gegenüber durch fremde Hände ausschalten. Strohmann-Strategem.
Jemanden auf indirekte Weise schädigen, ohne sich selbst dabei zu exponieren. Alibi-Strategem, Stellvertreter-Strategem.“
(Harro von Senger, Strategeme Band I: Die berühmten 36 Strategeme der Chinesen – lange als Geheimwissen gehütet, erstmals im Westen vorgestellt, Scherz Verlag 2000, S.62)

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Cover des ersten von zwei Bänden, in denen Harro von Senger die 36 Strategeme vorstellt.

Der Italiener Gianluca Magi verweist auf eine „alte chinesische Kriegslist“, um dieses Strategem zu erläutern „Wenn du etwas tun willst, lass es deinen Gegner für dich tun“ und fährt fort: „Bei diesem Strategem geht es um die Kunst, sich all das zu ‚leihen’, was auch dem Gegner helfen könnte, und so seine Ressourcen auszuhöhlen. Natürlich lässt sich dieses Prinzip nicht nur auf dem Schlachtfeld sinnvoll einsetzen, sondern überall dort, wo man Feindseligkeiten ausgesetzt ist. Je gründlicher wir dieses Prinzip studieren, desto leichter werden wir es bei den verschiedensten Gelegenheiten anwenden können.“ (Gianluca Magi, 36 Strategeme für Erfolg und Wohlstand: Die altbewährte chinesische Kunst der Strategie, Kailash Verlag 2009, S.50)

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Wie diese theoretischen Überlegungen in der Praxis aussehen, zeigt von Senger mit zahlreichen Beispielen aus Geschichte, Politik und Literatur. Dabei erfährt man, dass – zumindest in den Augen von Ma Senliang und Zhang Laiping, den Verfassern eines Hongkonger Strategembuchs – Stalin „in bezug (sic) auf die Anwendung des Strategems Nr. 3 als unübertroffen“ gilt. Als ein Beispiel für dieses Geschick des sowjetischen Diktators erzählen Ma Senliang und Zhang Laiping eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die von Senger nacherzählt:

„Im Jahre 1944 habe die über 40.000 starke polnische Untergrundarmee in Warschau die schwierige Lage der Deutschen nach Stalingrad und nach der Landung der Alliierten in der Normandie ausnützen wollen … Am 31. Juli 1944 habe eine sowjetische Panzervorhut die Außenbezirke Warschaus erreicht; die Zeit für einen Angriff auf die Deutschen in Warschau schien der polnischen Untergrundarmee günstig. … [Doch] gerade als die Warschauer Bevölkerung ihren bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Armee startete, stoppte der sowjetische Vormarsch plötzlich, die Sowjets zogen sich sogar zurück. … Die Deutschen gingen … gegen alle Widerstandsnester vor und verwandelten Warschau in eine nahezu tote Ruinenstadt. Erst als die polnische Untergrundarmee so gut wie ausgerottet war, hielt die Sowjetarmee den Augenblick für gekommen, in Warschau einzumarschieren. … Dies war … eine Anwendung des Strategems Nr. 3 durch Stalin, der die polnische Untergrundorganisation in Warschau als ein Hindernis für die kommunistische Machtergreifung ansah und sich die deutsche Armee zur Eliminierung dieses Feindes gleichsam auslieh.“ (Von Senger, Strategeme, Band I, S.79-80).

Auch beim Schach ist Strategem Nr. 3 ein beliebtes Mittel. Man setzt die „Dolche“ des Computers ein, die dann von einem Helfer zum Schlachtfeld befördert werden, man zeigt dem Gegner eines Konkurrenten Eröffnungsneuerungen und verspricht ihm eine Belohnung, wenn er den Rivalen schlägt. Oder man lässt sich im Mannschaftskampf Züge vorsagen.

Von Ex-Weltmeister Anatoli Karpov wird behauptet, er hätte immer wieder starke sowjetische Spieler zu sich ins Trainingslager eingeladen, um mit ihnen Eröffnungen zu studieren. Eröffnungen, die diese Meister gut kannten. Karpov oder die Kräfte, die hinter ihm standen, lockten mit Einladungen zu Turnieren im Ausland oder drohten mit dem Verbot von Auslandsturnieren und die Meister zeigten Karpov die Geheimnisse ihrer Spezialvarianten und verrieten ihm, was sie ihm Laufe der Jahre in mühevollen Analysen entdeckt hatten.

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Ex-Weltmeister Anatoli Karpov – ein eifriger Sammler fremder Dolche? (Foto: Wikipedia)

Aber meistens geht es bei der Eröffnungsvorbereitung gerecht zu. Wer mehr arbeitet, ist besser vorbereitet und macht mehr Punkte. Doch manchmal braucht man einfach auch ein bisschen Glück.

Wie der englische Großmeister Jonathan Speelman, der seinen Landsmann Nigel Short im Viertelfinale des Kandidatenturniers 1988 schlug und in einer wichtigen Partie Strategem Nummer 3 anwandte. Die ersten beiden Begegnungen des auf insgesamt sechs Partien angelegten Wettkampfs waren Remis ausgegangen, doch in der dritten Partie lockte Speelman seinen Gegner Short in eine Variante, in der Speelman durch Zufall auf eine wichtige Neuerung gestoßen war. In seinem Buch Jon Speelman’s Best Games schildert Speelman Vorgeschichte und Umstände der Partie.

„Nach einer ziemlich dürftigen Vorstellung in meiner ersten Weißpartie kam es uns ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Marianne, die Freundin meines Sekundanten Jonathan Tisdall, war kurz zuvor nach London gekommen und hatte unterwegs eine norwegische Zeitung gekauft. Die Schachkolumne enthielt eine Partie zwischen Michail Gurevich und Andrei Sokolov, die ein paar Wochen zuvor bei der Sowjetischen Meisterschaft in Moskau gespielt worden war: eine Partie mit einem theoretischen Knaller.“ (Jon Speelman, Jon Speelman’s Best Games, Batsford 1997, S. 112).

Siehe auch:

Strategeme – Das Geheimnis des chinesischen Schachs?

Xie Jun: Mit Begeisterung zum Erfolg

Erst verwirren, dann gewinnen: Strategem Nr. 20

Auf das Dach locken…

Den Tiger vom Berg in die Ebene locken: Strategem Nr. 15

Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen: Strategem Nr. 5

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