Eine gelungene Fortsetzung: Ava Lees zweiter Fall

Ian Hamilton, Der Jünger von Las Vegas

ava_lee2_cover-kleinHat ein Buch oder ein Film Erfolg und verkauft sich gut, dann folgt oft schnell eine Fortsetzung. Leider erweisen sich die oft als müder Aufguss ursprünglich guter Ideen. Ungewöhnliches wird zur Masche, Eigenwilligkeit zum Klischee und der Mut des Debüts verkommt zu einer verkrampften Imitation von Originalität und Kreativität. Dass es auch anders geht, beweist Ian Hamilton, Schöpfer der modernen Heldin Ava Lee. Hamilton gönnt der zierlichen Geldeintreiberin auch in ihrem zweiten Fall keine Ruhe und schickt sie wieder rund um den Globus, um verschwundenen Millionen nachzujagen. Zu verfolgen, wie sie das macht, ist spannend und unterhaltsam.

Der Jünger von Las Vegas beginnt da, wo Ava Lees Debüt Die Wasserratte von Wanchai aufgehört hatte. Nach dem erfolgreichen Ende des ersten Falls, den die in Kanada lebende Chinesin in Guayana erfolgreich, aber nicht ohne ein paar Blessuren gelöst hatte, will sie sich eigentlich in Toronto ausruhen und kurieren. Doch daraus wird nichts, denn Tommy Ordonez, der aus China stammende „reichste Mann der Philippinen“ braucht ihre Hilfe, weil sein jüngerer Bruder Philip Chew bei einem Immobiliengeschäft um über 50 Millionen Dollar betrogen wurde.

Da Ava Lee und ihr einflussreicher Geschäftspartner, Mentor und väterliche Freund, den sie „Onkel“ nennt, und der gute Verbindungen zum organisierten Verbrechen hat, 30 Prozent des Geldes, das Ava Lee wieder beschafft, als Provision berechnen und anschließend gerecht teilen, reist sie über Hongkong auf die Philippinen. Von dort geht es zurück nach San Francisco, wo sie mit Hilfe eines alten Freundes der Spur des verschwundenen Geldes folgt. Diese Spur führt ins Poker-Milieu und nach einigen weiteren Zwischenstopps, bei denen es ihr mit sanfter Gewalt immer wieder gelingt, eigentlich unwillige Leute zur Zusammenarbeit zu bewegen, landet Ava Lee schließlich in Las Vegas.

Denn Philip Chew, der Bruder des reichen Filipinos, hat die fehlenden Millionen beim Online-Poker verloren, da er manipulierter Software zum Opfer fiel. Um diese Verluste zu vertuschen, inszenierte er Immobiliengeschäfte, bei denen er Geld unterschlagen konnte.

Doch in Las Vegas gerät Ava Lee in Schwierigkeiten, denn ihr Gegner will sie einschüchtern und schickt ihr Schläger auf den Hals. Als wäre das nicht genug, muss sich Ava Lee den ganzen Roman hindurch noch vor Auftragskillern schützen, die ein alter Feind auf sie gehetzt hat. Natürlich bringt das die zierliche Chinesin nicht dazu, ihren Auftrag abzubrechen, aber es bringt ihre dunklen Seiten zum Vorschein. So greift sie auf der Suche nach dem verschwundenen Geld zu unschönen Methoden wie Folter und Erpressung und lässt zu guter Letzt noch ihre Kontakte zu den höchsten politischen Kreisen spielen, um ihren Auftrag erfüllen zu können.

All das ergibt ein unterhaltsames Buch mit hohem Tempo, überraschenden Wendungen und spannender Dialoge. Getragen wird die Erzählung natürlich von der Hauptfigur Ava Lee. Zwar betont Autor Ian Hamilton ein wenig zu oft, wie gerne sie Kleidung von Brooks Brothers trägt und Starbucks-Kaffee schätzt, aber das macht Ava Lee nicht weniger attraktiv und faszinierend.

Wie so viele Helden und Heldinnen wirkt sie anziehend, weil sie das, was sie tut, gerne und gut tut. Sie ist Profi und ordnet alles ihrem Auftrag unter. Außerdem ist sie intelligent, zielstrebig, unabhängig und als Frau in der brutalen Welt, in der sie sich bewegt, ein sympathischer Underdog, trotz ihrer moralisch zweifelhaften Methoden. Ja, man könnte sogar sagen, es sind gerade diese Methoden, die Ava Lee als Figur so faszinierend machen. Denn Gewalt, Erpressung und Folter sind bei ihr nie Selbstzweck, sondern dienen immer dazu, zuvor begangenes Unrecht wieder auszugleichen. Sie bewegt sich in einer Welt, in der Moral keine Rolle spielt und Gesetze wirkungslos bleiben, und deshalb gehorcht sie ihren eigenen Gesetzen und kämpft mit allen Mitteln für eine gute Sache – dass sie dabei reich wird und keineswegs auf Seiten der Armen und Schwachen steht, macht sie zwar nicht zu einem weiblichen Robin Hood, aber zu einer durch und durch modernen mythischen Heldin. Mit all der Anziehungskraft solcher Figuren.

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Ian Hamilton
DER JÜNGER VON LAS VEGAS
Band 2
Kein & Aber Verlag 2012
Orig.: The Disciple of Las Vegas
aus dem Amerikanischen von Simone Jakob
gebunden, 368 Seiten
Format 11,6 x 18,5 cm
ISBN: 978-3-0369-5617-6
19.90 €, 23.90 CHF

Zur Rezension von Ava Lees erstem Fall: Die Wasserratte von Wanchai

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