Klassische Momente

Botvinnik-leEine meiner Lieblingssendungen im Radio ist die Reihe Mein Klassiker im Deutschlandfunk. Jeden Dienstag stellen Prominente in der Sendung Corso (Montag bis Samstag, 15:05 bis 16:00 Uhr) Lieder, Romane, Autorinnen, Musiker oder Filme vor, die sie besonders schätzen, die ihr Leben bereichert und begleitet haben. Eine anregende Idee, die man auf beliebig viele andere Bereiche übertragen und verfeinern kann: Klassiker der Kriminalliteratur, des Liebes-, Western- oder Abenteuerfilms, der Rock-, Jazz- oder Popmusik, Schauspielerinnen, Autoren, Zitate, Lebensweisheiten, Urlaubserlebnisse, Städte, Partys oder eben auch Klassiker des Schachs. Das Schöne dabei: Es geht nicht um die „besten“ Filme, Bücher oder Musikstücke, sondern um Vorlieben und Erinnerungen. Wenn man sich fragt, „Was ist eigentlich mein Klassiker?“, weckt man Erinnerungen an Dinge, die einem etwas bedeuten und merkt, was einem wichtig ist.

Eine der Schachpartien, die auf mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, stammt von Mikhail Botwinnik. Entdeckt habe ich sie in dem Band Schachmeisterpartien 1960 bis 1965 von Rudolf Teschner, einem kleinen gelben Reclamheft. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, als mir dieses Buch in die Hände fiel, vielleicht 15 oder 16, aber ich erinnere noch, dass ich fast täglich eine Partie nachgespielt habe, damals natürlich nicht auf dem Computer, sondern mit Brett und per Hand.

Meistens ging ich die Partien einmal kurz durch, las die Anmerkungen und nahm die Analysen zur Kenntnis, aber die folgende Partie fand ich so beeindruckend, dass ich sie drei Mal hintereinander nachspielte. Dabei war ich nie ein großer Botwinnik-Fan und auch die Partie wirkt auf den ersten Blick nicht spektakulär. Auch sportlich war sie nicht besonders wichtig. Sie wurde in der Finalgruppe der Schacholympiade 1960 in Leipzig beim Kampf Bulgarien gegen die Sowjetunion gespielt, den die Sowjetunion mit 4:0 gewann. Auch die Olympiade in Leipzig dominierten die Sowjets klar. Sie gewannen alle ihre elf Kämpfe und lagen am Ende fünf Mannschaftspunkte vor den USA.

Mikhail Botvinnik: Schacholympiade Leipzig 1960

Mikhail Botvinnik: Schacholympiade Leipzig 1960

In der hier vorgestellten Partie leistet Weiß zudem keinen allzu großen Widerstand, man sieht keine phantastischen Opfer, keine spektakulären Kombinationen und keine kühnen Angriffe auf den gegnerischen König. Aber mir gefiel und gefällt, wie sich Schwarz unbeirrt auf das Spiel im Zentrum konzentriert, keine dramatischen Züge macht und trotzdem schnell gewinnt, obwohl keine seiner Figuren über die fünfte Reihe hinausgekommen ist.

Auch der KARL hat sich einmal ausführlich mit Mikhail Botwinnik beschäftigt und dem Patriarchen des sowjetischen Schachs im Heft 3/2005 einen Schwerpunkt gewidmet. Die dort von mir verfasste kurze Biographie ist hier noch einmal nachzulesen.

error

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert