Romananfang 18 – Bruce Chatwin “In Patagonien”

Ich lese gerne Rezensionen, Bücher über Bücher, Essays über Literatur, Porträts und Biographien von Autorinnen und Autoren, und natürlich auch Interviews, in denen Schriftsteller und Schriftstellerinnen über ihre Bücher und ihre Arbeit berichten. Oft denke ich dabei: „Das klingt gut, das ist interessant, dieses Buch möchte ich lesen, diese Autorin und diesen Autor kennenlernen.“

Und ich weiß noch genau, wie ich im Frühjahr 1990, ich wohnte damals noch in Frankfurt, in einer Wohnung in einem Haus, das mittlerweile abgerissen ist, im Spiegel ein von Rainer Traub geschriebenes Porträt des englischen Schriftstellers Bruce Chatwin mit dem Titel Ein Nomade der Literatur gelesen habe. Der Artikel war im typischen Spiegel-Duktus geschrieben und ich war von Anfang an gefesselt:

Auf den Fotografien, die von Bruce Chatwin ein Jahr nach seinem frühen Tod geblieben sind, sieht dem Betrachter ein schlanker, sportlicher, gutaussehender Mann entgegen, der mit Mitte 40 noch wie ein Twen wirkt und den die ausgebleichten Jeans der Globetrotter-Kluft oder die Rennrad-Montur ebensogut kleiden wie der Gesellschaftsanzug. Kaum einer von denen, die Chatwin begegneten, konnte sich der Faszination entziehen, die von ihm ausging.

„Er trat“, schreibt ein enger Freund, der Schriftsteller Gregor von Rezzori, „unter Menschen in einer gleichsam goldenen Jugendlichkeit auf, lebendig und unterhaltsam, unerschöpflich anekdotenreich, blendend in der Konversation, rege anteilnehmend an allem Wissenswerten – und dabei nicht festzuhalten, flüchtig wie ein Elfenwesen; sein Blick ging immer über die Schulter seines Gegenübers weg, er schien niemals ganz gegenwärtig zu sein und dabei leicht und neckend wie Peter Pan.“ …
Dabei war er, umfassend belesen und jeder Zoll ein britischer Gentleman, ein umworbener Gast der geistigen und künstlerischen Elite in aller Welt. Aber so überraschend, wie er in den Salons von Paris oder Melbourne, von Kapstadt oder New York auftauchte, so plötzlich pflegte er auch wieder zu verschwinden, um sich in die entlegensten Winkel der Erde aufzumachen – ausgerüstet mit nichts als einem Paar Stiefel und einem Rucksack, in dem zuoberst die Notizbücher Platz finden mußten.

Nachdem ich den Artikel zu Ende gelesen hatte, ging ich sofort in die Frankfurter Innenstadt, um in der Buchhandlung mit dem besten Angebot an englischen Büchern alle Bücher von Chatwin zu kaufen oder zu bestellen, die es gab. Solche Impulse führen gerne zu Stapeln oder Regalen voller ungelesener Bücher, aber bei Chatwin blieb meine Begeisterung ungebrochen. In den folgenden Tagen und Wochen las ich ein Buch von Chatwin nach dem anderen, später auch die von Nicholas Shakespeare verfasste Biographie Bruce Chatwin, Chatwins Rucksack: Porträts, Gespräche, Skizzen oder Mit Chatwin, die Erinnerungen von Chatwins Lektorin Susannah Clapp.

Ich war ein Fan und bin es immer noch. Ich mag Chatwins Art zu schreiben, die klare, präzise, nüchterne Sprache, seine genauen Beobachtungen, sein Sinn für ungewöhnliche Menschen und Geschichten und die innere Spannung, die seine Bücher durchzieht.

Der zitierte Romananfang stammt aus Chatwins erstem Roman In Patagonien, der 1977 erschien, als Chatwin Mitte 30 war und schon einiges erlebt hatte. Chatwin wurde am 13. Mai 1940 als Sohn eines Marineoffiziers in Sheffield geboren und verbrachte seine Schulzeit überwiegend in englischen Internaten. Nach dem Ende der Schule machte er schnell eine erste Karriere, die jedoch bald zu einer Krise führte. Traub schreibt:

Aufgrund einer außergewöhnlichen visuellen Begabung trat Chatwin mit 18 Jahren in die Dienste des berühmten Londoner Kunstauktionshauses „Sotheby“, wo er binnen kurzem vom Laufburschen zum Impressionismus-Experten aufstieg, zum jüngsten Direktor, den Sotheby je hervorbrachte.
Schnell jedoch wurde er dieser Karriere überdrüssig. Die Atmosphäre des Kunsthandels mit all seinen teuren, toten Objekten erinnerte ihn „an ein Leichenschauhaus“. Mit 24 Jahren fühlte er sich ausgebrannt. Nachdem er eines Morgens nach anstrengenden Verhandlungen in New York halb blind erwacht war, empfahl ihm der Augenarzt, die offenbar psychosomatische Erkrankung mit einem zeitweiligen Wechsel in „weite Horizonte“ zu kurieren. Bruce Chatwin brach nach Afrika auf, in den Sudan – und entdeckte endlich seine wahre Bestimmung: das selbstgenügsame Wanderleben der Nomaden.

Aber Chatwin war ein widersprüchlicher, ambivalenter Mensch. Er war homosexuell, aber verheiratet, er hatte zwar den Reiz des „Wanderlebens der Nomaden“ kennengelernt und liebte die Einsamkeit und Klarheit der Wüste, aber genoss es auch, in der Gesellschaft anderer Menschen im Mittelpunkt zu stehen. In Artikeln und Büchern pries er die Besitzlosigkeit der Nomaden, aber er blieb stets auch Sammler, mit einem Blick für schöne und teure Kunstwerke. Doch dabei faszinierten ihn nicht nur die Gegenstände, sondern auch die Geschichten, die sich dahinter verbargen – wie schon der Anfang von In Patagonien zeigt.

Diese Ambivalenz, die eigene Unrast, die Wanderlust versuchte Chatwin zu einer allgemein gültigen Theorie des Nomadentums, der inneren Rastlosigkeit, zu verbinden. Im Laufe seines Lebens schrieb Chatwin zahllose Entwürfe zu einem Buch über dieses Thema, fertig wurde es nie. Eine Sammlung seiner Aufsätze, Ideen und Artikel über das Nomadentum, den Wunsch der Menschen, sich auf Wanderschaft zu begeben, erschien jedoch 1997 posthum unter dem Titel Anatomy of Restlessness.

Chatwins Ambivalenz und seine vielfältigen Interessen machen ihn als Schriftsteller so interessant. Nach In Patagonien veröffentlichte er noch vier weitere Romane, die zwar alle unterschiedliche Themen behandeln und auf drei Kontinenten spielen, aber durch die sich Themen wie Sesshaftigkeit, Besitz und das Loslassen von Besitz wie ein roter Faden ziehen: The Viceroy of Ouidah (1980), ein Roman über den Sklavenhandel an der Westküste von Afrika, On the Black Hill (1982), ein Roman über Zwillinge, die ihr ganzes Leben in Schottland verbringen, The Songlines (1987), Chatwins wohl berühmtestes Buch, das erzählt, wie die Ureinwohner Australiens, die Aborigines, Lieder dazu nutzen, um sich zu orientieren und die Geschichte ihres Landes zu erinnern, und schließlich Utz (1988), eine Erzählung über einen leidenschaftlichen Sammler von Porzellanfiguren, der in Prag in den Zeiten kommunistischer Herrschaft lebt.

1989 erschien What Am I Doing Here, eine Sammlung mit brillanten Artikeln, Essays und Porträts, die Chatwin in Zeitschriften, Zeitungen und Magazinen veröffentlicht hatte.

Chatwin war ein brillanter Erzähler, im privaten Kreis und in seinen Romanen und Artikeln. Allerdings nahm er es mit den Fakten nicht immer so genau, wie es Historiker gerne haben. Oder, um noch einmal Traub zu zitieren: „Überzeugt, daß nichts phantastischer ist als die Wirklichkeit, schert sich [Chatwin] nicht um die Unterscheidung von Fakten und Fiktionen. Seinen Figuren ist er als Künstler, nicht als Dokumentar verpflichtet.“

Chatwin starb am 18. Januar 1989 im Alter von 48 Jahren an AIDS. Auch seinen Tod machte er zur Legende: Er sprach nicht über AIDS, sondern erzählte, er hätte sich bei einer Reise in China eine geheimnisvolle und tödliche Krankheit zugezogen.


Bruce Chatwin, In Patagonien. Das englische Original erschien 1977, hier sieht man das Cover der deutschen Taschenbuchausgabe von 1984.

Zur Orientierung…

Dieser Artikel ist Teil eines Quiz’ mit/über Romananfänge. 24 Romananfänge werden vorgestellt, wer will, kann versuchen, Titel und Autor/Autorin des Romans zu erraten. Die Links führen entweder direkt zum nächsten Romananfang oder zu anderen Romananfängen.

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