Romananfang 14 – Astrid Lindgren “Karlsson vom Dach”

Lillebror mag ein ganz gewöhnlicher Junge mit einer ganz gewöhnlicher Familie sein, aber das Buch, in dem er lebt, ist etwas Besonderes – und eines der erfolgreichsten Kinderbücher der Welt. Geschrieben hat es die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren und der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck ist von dem Buch so angetan, dass er es in seinen persönlichen, „wilden Kanon“ der Weltliteratur aufgenommen hat, der 100 Bücher umfasst und den er beim SWR vorstellt.

Ich verstehe zwar nicht ganz, was ein „wilder Kanon“ sein soll, da ich immer gedacht habe, Zweck und Wesen eines Literaturkanons würde eben genau darin bestehen, in die unübersichtliche Vielfalt von Büchern, die im Laufe der Jahrhunderte geschrieben worden sind, Ordnung zu bringen, indem man festlegt, welche Bücher literarisch und kulturell besonders wertvoll sind und deshalb verdienen, erinnert, gelesen und gekannt zu werden. Und das heißt ja nichts anderes, als das Wilde im Schreiben und Lesen und in der Wahrnehmung von Literatur zu zähmen und zu ordnen.

Aber wie auch immer – Karlsson vom Dach hat es jedenfalls in Schecks Kanon geschafft, den ich trotz gerade beschriebenen Vorbehalte übrigens großartig finde, weil er 100 schöne gut präsentierte und manchmal auch ungewöhnliche Literaturtipps enthält. Auch im Fall von Karlsson vom Dach gefällt mir Schecks Auswahl. Denn es war eines der ersten Bücher, das ich gelesen habe, und noch heute ist es für mich ein Beispiel für den Zauber der Phantasie, der in Büchern verborgen sein kann.

Ich habe früher, Ende der 60er Jahre, mit meinem Vater und meiner Mutter und meinen beiden Geschwistern selbst in Stockholm gewohnt, wo mein Vater für eine schwedische Firma gearbeitet hat, und in meiner Erinnerung bilde ich mir ein, ich hätte gelegentlich auf den Dächern Stockholms nach der kleinen Wohnung Ausschau gehalten, in der Karlsson angeblich wohnte. Ich wusste zwar, dass Karlsson eine Erfindung war, ein Produkt der Phantasie von Astrid Lindgren, und dass es in Wirklichkeit in Stockholm und auch anderswo auf der Welt keine kleinen dicken Männer in den besten Jahren gibt, die auf Dächern wohnen, einen Propeller auf dem Rücken haben und fliegen können, indem sie diesen Propeller mit einem Knopf, der sich auf ihrem Bauch befindet, anwerfen, aber so ganz sicher war ich mir da nicht und wollte es mir auch nicht sein. Denn wer weiß, vielleicht gab es einen solchen Mann ja doch, und damit auch die Möglichkeit, ihn irgendwann einmal zu treffen. Ich war wohl einfach zu klein, um den Zauber der Literatur von dem schnöden Realismus der Wirklichkeit unterscheiden zu können. Und so ganz kann und will ich das auch heute noch nicht.

So habe ich nie in meinem Leben so leckere Zimtwecken gegessen – und werde es wohl auch nie tun – wie sie Frau Bock, der Hausbock, die griesgrämige Haushälterin der Familie Svantesson, in einem Kapitel von Karlsson vom Dach backt. Zum Abkühlen hat sie die Leckereien auf die Fensterbank gelegt, wo sie von Karlsson stibitzt werden, was die unsympathische Haushälterin verwirrt und beim Lesen harmlose Freude und Schadenfreude auslöst, weil Karlsson – wie so oft – etwas tut, das verboten, aber nicht wirklich schlimm ist, und Frau Bock die Küchentür ja genau deshalb abgeschlossen hat, damit sich auch ja niemand an den Zimtwecken vergreift und sie die Kontrolle über Gebäck und Genuss behält.

Und natürlich weiß ich heute, dass auch die leckersten Zimtwecken der Welt nicht so lecker sein können, wie die Zimtwecken, die ich mir damals in meiner Phantasie vorgestellt habe, ganz einfach, weil sie eben ein Produkt der Phantasie sind. Aber ich weiß auch, dass ich es schön finde, dass es Bücher mit solchen Phantasien gibt. Bücher und Phantasien, die unschuldig sind und glücklich machen.

Astrid Lindgren, Karlsson vom Dach. Das schwedische Original erschien 1955, die deutsche Übersetzung wenig später. Das hier abgebildete Cover stammt von der deutschen Ausgabe von 1994

Zur Orientierung…

Dieser Artikel ist Teil eines Quiz’ mit/über Romananfänge. 24 Romananfänge werden vorgestellt, wer will, kann versuchen, Titel und Autor/Autorin des Romans zu erraten. Die Links führen entweder direkt zum nächsten Romananfang oder zu anderen Romananfängen.

 

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