Die Lieblingsbücher von David Foster Wallace

2007 veröffentlichte der amerikanische Journalist John Peter Zane das Buch Top Ten: Writers Pick Their Favorite Books, in dem 125 Autoren ihre zehn Lieblingsbücher vorstellen. Besonders überraschend war die Auswahl von US-Autor David Foster Wallace (21. Februar 1962 – 12. September 2008). Wallace ist Autor von thematisch und formell kühnen Romanen wie Infinite Jest, aber hat auch Bücher über Rap oder Georg Cantor: Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen geschrieben. Er gilt als innovativer Autor mit enzyklopädischer Bildung, seine Bücher als  stilistisch, formell und thematisch anspruchsvoll. Umso verblüffender waren und sind die Werke populärer Unterhaltungsliteratur auf Wallace’ Liste seiner zehn Lieblingsbücher.

Die zehn Lieblingsbücher von David Foster Wallace:

  1. C.S. Lewis, The Screwtape Letters (Dienstanweisung für einen Unterteufel)
  2. Stephen King, The Stand (The Stand – Das letzte Gefecht)
  3. Thomas Harris, Red Dragon (Roter Drache)
  4. James Jones, The Thin Red Line (Insel der Verdammten)
  5. Erica Jong, Fear of Flying (Angst vorm Fliegen)
  6. Thomas Harris, The Silence of the Lambs (Das Schweigen der Lämmer)
  7. Robert A. Heinlein, Stranger in a Strange Land (Fremder in einem fremden Land)
  8. Ed McBain, Fuzz (Die Greifer)
  9. Shelley Katz, Alligator
  10. Tom Clancy, The Sum of All Fears (Der Anschlag)

Die Liste vereint ein Buch mit christlichen Reflektionen (C.S. Lewis’ The Screwtape Letters) und populäre Genres der Literatur: Thriller, Horror, Krimi (Tom Clancy, Stephen King, Ed McBain, Shelley Katz), Kriegserzählungen (James Jones), Erotik (Erica Jong) und Science-Fiction (Robert A. Heinlein). Klassiker der Weltliteratur sucht man vergebens.

Aber was reizt, fasziniert und gefällt einem Autor wie Wallace, der ja alles andere als populäre Unterhaltungsliteratur geschrieben hat, an den Büchern auf dieser Liste?

Einen Hinweis auf eine mögliche Antwort auf diese Frage gibt die Leseliste des Seminars „Literary Analysis 1: Prose Fiction“, das Wallace im Herbst 1994 an der Illinois State University unterricht hat. Auch diese Liste enthält vor allem Populär- und Unterhaltungsliteratur und auch C.S. Lewis, Thomas Harris und Stephen King tauchen wieder auf.

Leseliste des Seminars „Literary Analysis 1: Prose Fiction“

  1. Mary Higgins Clark, Where are the Children (Wintersturm)
  2. Jackie Collins, Rock Star
  3. James Ellroy, The Big Nowhere (Blutschatten)
  4. Thomas Harris, Black Sunday (Schwarzer Sonntag)
  5. Thomas Harris, The Silence of the Lambs (Das Schweigen der Lämmer)
  6. Stephen King, Carrie (Carrie)
  7. C.S. Lewis, The Lion, the Witch and the Wardrobe (König von Narnia)
  8. Larry McMurtry, Lonesome Dove (Weg in die Wildnis)

Im „Kursziel“ begründet Wallace seine Auswahl und verrät, was ihn an diesen scheinbar anspruchslosen Büchern interessiert und gefällt: Sie zeigen die Mechanik des Erzählens, sie illustrieren, wie und mit welchen Mitteln man unterhaltsam erzählt, wie Geschichten funktionieren. Wallace schreibt:

„[Der Kurs] zielt darauf ab, Ihnen Wege zu zeigen, Literatur tiefer zu lesen, um zu umfassenderen Einsichten zu kommen, wie literarische Werke funktionieren, um sachkundige, durchdachte Begründungen anzuführen, ein literarisches Werk zu mögen oder nicht zu mögen, und um – klar, überzeugend und vor allem interessant – über Dinge zu schreiben, die Sie gelesen haben. Anstelle von schwerfälliger Literaturkritik oder Literaturtheorie verwenden wir grundlegende analytische Kategorien wie Plot, Charakter, Point-of-View, Setting, Ton, Thema, Symbolik, usw., um die Bücher zu untersuchen. … Wenn der Kurs funktioniert, dann sind wir am Ende in der Lage, anspruchsvolle Techniken und/oder Themen zu erkennen, die unter der Oberfläche von Romanen lauern, die, beim schnellen Lesen im Flugzeug oder am Strand, lediglich Unterhaltung zu sein scheinen, nur Oberfläche.“

Die Schwere des Leichten

Doch Wallace wäre nicht Wallace, wenn er diese Gedanken nicht noch ergänzen würde. Mit einer Warnung:

“Lassen Sie sich durch potenziell leichtgewichtig wirkende Eigenschaften der Texte nicht dazu verleiten, zu glauben, dies wäre ein Kurs zum Abhängen. Diese Texte der ‘Populärliteratur’ werden am Ende schwerer zu durchdringen und kritisch zu lesen sein als konventionellere ‘literarische’ Werke. Sie werden hier am Ende mehr Arbeit leisten als in anderen Kursen, wahrscheinlich.”

Siehe auch:

Wörterrätsel mit David Foster Wallace
Mehr als Sport: David Foster Wallace über Roger Federer

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