Wörterrätsel mit David Foster Wallace

David Foster Wallace gilt als einer der bedeutendsten Autoren der modernen amerikanischen Literatur, entsprechend groß ist das Interesse an seinen Büchern und seiner Person. Er selbst sah Schriftstellerbiographien skeptisch. Aus Prinzip. In „Borges on the Couch“, einer kritischen Rezension einer Biographie von Jorge Luis Borges,  meinte er: „Das Privatleben der meisten Leute, die vierzehn Stunden am Tag alleine irgendwo sitzen und lesen und schreiben, bietet wohl wenig prickelnde Abenteuer, die man hören möchte.“ (David Foster Wallace, Both Flesh and Not, Penguin 2012, S. 287). Der Amerikaner Daniel T. Max hat sich trotzdem an einer Biographie von Wallace versucht. Sie erschien 2012, vier Jahre nachdem sich Wallace, der unter schweren Depressionen litt, am 12. September 2008 das Leben genommen hatte.

Diese gut geschriebene und lesenswerte Biographie, die erste über das Leben des Autors von Infinite Jest, erzählt ohne Voyeurismus und Sensationshascherei von Wallace’ vielen außergewöhnlichen Talenten, seinem Kampf gegen Depression, Drogensucht und Alkoholismus, seinen Selbstzweifeln und seinen Ansprüchen an sich als Autor, seinen komplizierten und oft obsessiven Liebesaffären und seinen Schwierigkeiten mit den praktischen Dingen im Leben.

Aber es ist eine kleine Anekdote, die viel über Wallace und seine Liebe zu den Wörtern verrät. Wallace schrieb nicht nur Bücher und Essays, er war auch Professur für Literatur und Kreatives Schreiben. „Einmal“, so erzählt Max, „schrieb er die Wörter ‚ergötzlich’, ‚minimalistisch’, ‚lang’ und ‚einsilbig’ an die Tafel. Er fragte, was diese vier Wörter gemein hatten.“ (D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace. Ein Leben, Kiepenheuer&Witsch, 2014).

Natürlich hat Wallace nicht deutsche, sondern englische Wörter an die Tafel geschrieben. Und zwar: ‚pulchritudinous’, ‚miniscule’, ‚big’ und ‚misspelled’. Solche Passagen stellen Übersetzer und Übersetzerinnen vor Herausforderungen, doch Eva Kemper, die Übersetzerin der Biographie, hat sie hier bravourös gemeistert. Und vielleicht helfen die englischen Worte ja bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was die vier Wörter im Deutschen und im Englischen gemeinsam haben. Die Auflösung steht unter dem Cover des Buches.

Gutes Buch, schreckliches Cover: Daniel T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte: David Foster Wallace. Ein Leben.
Kiepenheuer&Witsch 2014, 512 Seiten, gebunden, 24,99

Zur Auflösung des Rätsels sei noch einmal Max zitiert: „Als niemand antworten konnte, erklärte [Wallace] fröhlich, die Form der Wörter würde ihrer Bedeutung genau entgegen stehen: ‚ergötzlich’ war hässlich, ‚minimalistisch’ war lang, ‚lang’ war kurz und ‚einsilbig’ war dreisilbig. So guter Dinge hatten ihn die Studenten selten erlebt.“

Siehe auch:

Mehr als Sport: David Foster Wallace über Roger Federer

„Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ – Eine Rezension von Mara Giese auf ihrem schönen Literaturblog Buzzaldrins Bücher

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