Im Archiv geblättert: „Der ultimative Schachfilm“

Der KARL hat viele schöne Seiten. Schön ist zum Beispiel, dass viele KARL-Artikel zeitlos sind. So fiel mir vor kurzem ein altes Heft in die Hände und Erinnerungen an „Schach im Film“, dem Schwerpunkt dieses Heftes, wurden geweckt. Ich habe in der Ausgabe einen Beitrag über zwei Filme geschrieben, in denen Schach eine Rolle spielt. „Knight Moves“, ein schrecklicher Film mit Christopher Lambert in der Hauptrolle, und „Fresh“ mit Sean Nelson, meiner Ansicht nach einer der besten Filme mit dem Thema Schach überhaupt. Hier noch einmal der ganze Artikel.

DER ULTIMATIVE SCHACHFILM – ODER WARUM SCHACH NICHT SEXY IST

Stellen Sie sich vor, Sie sind Drehbuchautor und Regisseur und wollen einen Krimi drehen. Eine Hommage an Humphrey Bogart, Raymond Chandler und die schwarze Serie in Hollywood. Ihr Held trägt Trenchcoat, trinkt viel Whisky, wird oft verprügelt, fällt korrupten Politikern und Polizisten zum Opfer, was ihn jedoch nicht davon abhält, für wenig Geld den Fall zu lösen, was zu einer schönen Schießerei und vielen Toten führt. Aber dafür, traurig, traurig, muss er all die vielen Frauen, die sich in ihn im Laufe des Films verlieben, verlassen. Wenn er das tut, nimmt er sanft ihr Kinn in seine Hände und sagt: „Ich schau Dir in die Augen, Kleines.“ Dieses schöne Drehbuch bieten Sie einem Produzenten an, der es jedoch überraschenderweise ablehnt und meint, all das sei schon Hundert Mal gemacht worden, Sie sollten etwas Originelles machen, über ein Gebiet, in dem Sie sich auskennen. Sie beschließen, die Zeit ist gekommen, endlich einen Film zu drehen, der Schach angemessen repräsentiert.

Ihr neuer Held ist Schachmeister auf dem Weg zur Weltmeisterschaft. Er nimmt an einem Qualifikationsturnier zur Weltmeisterschaft teil und in dem kleinen Ort, in dem dieses Turnier stattfindet, trifft er seine große Jugendliebe wieder, die damals, als sie noch gemeinsam zur Schule gingen, plötzlich mit ihren Eltern die Stadt verlassen musste. Jetzt arbeitet sie als Kommissarin bei der Polizei und ermittelt in einem Mordfall, der die kleine Stadt erschüttert.

Ihr Held nutzt seinen Charme, seinen Humor und eine etwas linkische Höflichkeit, um die Dame wieder für sich zu gewinnen, und seinen Scharfsinn und seine Kombinationsgabe, um ihr zu helfen, den Mörder zu finden, was zu einer schönen Schießerei und vielen Toten führt. Wie Zufall und Drehbuch es wollen, ist einer davon der smarte, korrupte Anwalt, der ebenfalls ein Auge auf die Kommissarin geworfen hat. Über Mördersuche, romantischen Verwicklungen und Schießereien vergisst unser Held fast das Schachspielen, aber eine dramatische Autofahrt bringt ihn letzter Sekunde in den Turniersaal, wo er die entscheidende Partie und das Turnier gewinnt. Umarmung, Kuss, Geigen, Abspann, alle sind glücklich – der Zuschauer verlässt beschwingt und heiter das Kino. Auch die Hauptrollen haben Sie innerlich schon besetzt: Jürgen Vogel brilliert als Schachspieler, als Kommissarin glänzen entweder Heike Makatsch, Franka Potente oder Natalia Wörner. Im fälligen Hollywood Remake sehen Sie Leonardo DiCaprio die Figuren ziehen, während Kate Winslet Mörder fängt.

Wieder gehen Sie zum Produzenten und als er das Drehbuch kauft, träumen Sie von einem Oscar für den ultimativen Schachfilm. Eine Zeitlang passiert nichts, dann endlich, kaum zu glauben, kommt die gute Nachricht: Hollywood hat angebissen und will den Stoff verfilmen, allerdings mit ein paar kleinen Änderungen am Drehbuch – und auch die Regie übernimmt jemand anders. Heraus kommt dann vielleicht ein Werk wie Knight Moves, einer der bekanntesten und kommerziell erfolgreichsten Filme, in dem Schach zentrales Thema ist, 1993 gedreht und von Regisseur Carl Shenkel zu verantworten.

KNIGHT MOVES

Hauptfigur ist Peter Sanderson, ein Schachspieler auf dem Weg zur Weltmeisterschaft. Er nimmt an einem Qualifikationsturnier zur Weltmeisterschaft teil und in dem kleinen Ort, in dem das Turnier stattfindet, lernt er eine Psychologin namens Kathy kennen, die der Polizei auf der Suche nach einem Serienmörder hilft. Allerdings ist Sanderson selbst in den Fall verwickelt, weil er mit einem der Opfer eine Affäre hatte und der Mörder Kontakt zu Sanderson sucht, um ihn zu einem „Spiel“ einzuladen.

Sanderson gewinnt die Psychologin für sich, weil er aussieht wie Christopher Lambert, das Drehbuch es will und er so in sich gefangen ist, dass man in ihm einen tiefen und tragischen Charakter vermuten kann. Aber sie hat Zweifel: Vielleicht ist er doch der Mörder und sie das nächste Opfer? Und überhaupt: Er scheint nur aufs Schach fixiert, wirkt arrogant und unnahbar und nicht wie ein Mann, der einen oder den man lieben kann. Wie auch seine erste Ehefrau feststellen musste. Aus Verzweiflung, Sanderson nicht näher kommen zu können, brachte sie sich um. Das erzählt Sanderson der Psychologin, zeigt sich damit offen für Veränderungen und einen zweiten romantischen Versuch. Anders als die Polizei, die Sanderson für den Mörder hält, glaubt die Psychologin dem Schachmeister und hilft ihm bei der Suche nach dem Mörder. Der entpuppt sich als ein ehemaliger Rivale Sandersons: Als Jugendliche hatten die beiden gegeneinander gespielt und als Sanderson den Serienmörder in spe Matt setzte, stürzte sich der so Gedemütigte auf den zugegeben arrogant wirkenden Sieger der Partie. Solche Reaktionen kommen in Filmen über Schach häufiger vor als in Schachturnieren und sind kein Zeichen stabiler Psyche – was zu veranschaulichen ja auch der Sinn dieser Szene ist.

Dass der Vater des Besiegten kurze Zeit nach diesem Vorfall die Familie verlässt und die Mutter sich die Pulsadern aufschneidet, um anschließend malerisch drapiert auf ihrem Bett zu verbluten, liefert uns weitere Einblicke in die nicht allzu heile Innenwelt des späteren Mörders. Erneut kommt hier das Schach ins Spiel: Als der Junge die Leiche seiner Mutter entdeckt, geht er scheinbar ungerührt in die Küche, holt ein Glas Milch aus dem Kühlschrank, setzt sich ans Schachbrett und führt den Springerzug (englisch „Knight Move“) Sf3 aus. Wohin diese Flucht ins Schachspiel führt, sieht man im weiteren Verlauf der Geschichte. Wohin die Enttarnung des Mörders führt, sieht man am Schluss des Films: zu einer unschönen Schlägerei mit vielen Toten. Die Überlebenden fallen sich in die Arme, Tränen, Schreie, Abspann – keiner ist glücklich, der Zuschauer verlässt verstört das Kino oder macht den Fernseher aus und hofft, dass es nie ein Remake dieses Films geben wird.

SCHACH ALS ZEICHEN

Warum? Warum sind Schachspieler in Filmen oder Büchern wie in Stefan Zweigs Schachnovelle und Nabokovs Lushins Verteidigung so oft introvertierte Genies, geistesgestörte Trottel, kriminelle Fanatiker oder kühl kalkulierende Erfolgsmenschen, die über Leichen gehen? Warum wird Schach so oft mit Einsamkeit, Tod und Wahnsinn in Verbindung gebracht? Warum spielt James Bond Baccarat und Poker aber kein Schach?

Die traurige Antwort könnte lauten, dass Schach kein besonders gutes oder ein bestenfalls zwiespältiges Image hat. Filme arbeiten mit Zeichen, Symbolen, die Bedeutung stiften. Das können Schauspieler mit einem bestimmten Image sein, Sprechweisen, Redewendungen, Kleidung, Frisur, Aussehen, Hobbys, Leidenschaften und Interessen der jeweiligen Charaktere, Anspielungen auf andere Filme, Bücher, Geschichten oder reale Personen und noch viel mehr. Diese Sinn stiftenden Zeichen erzeugen Bedeutung, ändern, verstärken, karikieren, unterlaufen, persiflieren, ergänzen und widersprechen sich, sie können passend und unpassend sein, spielerisch und ernst gemeint, sie können Moden stiften, Umsätze steigern, Alltagskultur und Teil des gesellschaftlichen Diskurses werden oder in Vergessenheit geraten. Sie sind wandelbar und keineswegs eindeutig, denn sie beruhen darauf, dass das Publikum sie kennt und deuten kann. Ein Zitat oder eine Parodie von Casablanca versteht man nur, wenn man den Film kennt – was nicht heißt, dass man ihn gesehen hat – und seit dem Paten weiß man, was von Angeboten, die man nicht ablehnen kann, zu halten ist. Umgekehrt verraten Filme viel über das Publikum, das sie gerne mag. So verraten zum Beispiel die in England in Film und Fernsehserien immer noch beliebten und gern gezeigten Karikaturen deutscher Soldaten, die immerzu „Sturmbannführer“, „Achtung“, „Stillgestanden“, „Sauerkraut“ oder dergleichen schöne Dinge brüllen, mehr über das Deutschlandbild bestimmter gesellschaftlicher Gruppen in England als über die Deutschen.

Auch Schach fungiert als Zeichen. In Büchern, in Filmen, im Alltag. Leider selten positiv. „Rasenschach“ ist keineswegs ein Lob für ein taktisch raffiniertes Fußballspiel und ein Charakter in einem Roman, der als Leiter der Schulschachgruppe eingeführt wird, steht nur selten im Verdacht, besonders sexy zu sein. Zugegeben, es gibt fanatische, weltentrückte Schachspieler, viele Schachspieler wirken introvertiert und mit den Gepflogenheiten der Gesellschaft nur rudimentär vertraut und es gibt auch den ein oder anderen bekannten Schachmeister, dessen geistige Gesundheit man in Zweifel ziehen kann. Aber so häufig, wie Film und Literatur suggerieren, sind diese Schachspieler nicht. Weshalb Filme, in denen Schach eine Rolle spielt, mehr über das Bild verraten, das sich viele Leute vom Schach machen und weniger über Schachspieler und die Schachwelt als solche. Bei diesen filmisch und literarisch konstruierten Bildern fällt auf, dass Schach einerseits mit Respekt betrachtet wird, weil es Intelligenz und Erfolgsstreben symbolisiert, andererseits Misstrauen hervorruft, da man es gerne mit Introvertiertheit, Gefühlskälte, Monomanie und fanatischem Ehrgeiz verbindet.

FRESH

Dieses zwiespältige Bild vom Schach zeichnet auch der 1994 von Boaz Yoakin gedrehte Film Fresh, der allerdings differenzierter, besser gemacht und anspruchsvoller ist als Knight Moves. Fresh erzählt die Geschichte von Michael, den seine Freunde „Fresh“ nennen, einem Jungen, der im Schwarzenghetto lebt und als Drogenkurier arbeitet. Schach kommt ins Spiel, weil Michaels Vater ein guter Schachspieler war und ist, aber jetzt als Alkoholiker meist im Park sitzt, um dort Schach zu spielen oder für ein paar Dollar Schachunterricht zu geben.

Das Schicksal seines Vaters und der vielen Gestrandeten seiner Umgebung vor Augen träumt Michael davon, reich zu sein, dem Ghetto zu entkommen und seine drogensüchtige Schwester, die die Geliebte zweier rivalisierender Drogenhändler ist, zu retten. Nach einer Schachpartie mit seinem Vater reift in ihm ein Plan, wie er das erreichen kann. Dabei geht er kühl, rücksichtslos und überlegt vor. In der Sprache des Schachs: Er entwickelt einen kühnen Plan, den er taktisch geschickt umsetzt und bei dem er Opfer nicht scheut. Mit geschickt konstruierten Geschichten, deren Fäden und Variationen allein Michael kontrolliert, spielt er die Drogenhändler gegeneinander aus – was einen von Michaels Freunden und zahlreiche Dealer das Leben kostet.

Der Umstand, dass Michael Schach spielt, macht seinen Charakter hierbei anschaulich und plausibel. Wobei Schach zumindest teilweise mit positiven Attributen versehen ist: Michael ist klug, mutig, zielstrebig und reagiert in kritischen Situationen überlegt und kühl. Dann wiederum ist er rücksichtslos und zeigt keinerlei Mitgefühl mit seinen Gegnern. Er schaut ungerührt zu, wie ein Drogenhändler als Folge der von Michael gesponnenen Intrige zu Tode geprügelt wird und den von ihm heraufbeschworenen Bandenkrieg, dem etliche Dealer zum Opfer fallen, verfolgt er, ohne eine Miene zu verziehen. Auch als Drogenkurier zeigt er kein Erbarmen, sondern achtet sorgfältig auf seine Interessen.

Während Michael die positiven Seiten verkörpert, die mit Schach assoziiert werden – Klugheit, strategisches Planen, Realismus, Durchsetzungsfähigkeit – verkörpert sein Vater das Träumerische, Weltabgewandte, die Flucht vor der Welt, die monomanen Größenphantasien, die man mit dem Schach so gern verbindet. Michaels Vater trinkt, seine Ehe ist gescheitert, er findet keine Arbeit und will keine finden, seine Tochter ist drogenabhängig und sein Sohn Drogenkurier. Er flüchtet sich in Phantasien wie er Botwinnik, Keres und Fischer im Blitzschach schlagen könnte, weil sie unter dem Druck der Uhr zusammenbrechen würden. In diesen Größenphantasien gleicht Michaels Vater den Kindern und Jugendlichen im Ghetto, die von reichen Vätern träumen, einer Karriere als Drogenhändler prahlen oder sich in eine Phantasiewelt versetzen. Ganz anders als Michael, der sich nicht in Prahlereien verliert, sondern realistisch Möglichkeiten einschätzt und zu seinem Vorteil nutzt.

Das Bild des Schachspielers, der kein Gespür für seine Mitmenschen hat und vor den Problemen der Welt flieht, bringt die Schlussszene des Films pointiert zum Ausdruck. Michael, der sich bereit erklärt hat, gegen den überlebenden Drogenhändler vor Gericht auszusagen, damit er und seine Schwester in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden und dem Ghetto entfliehen können, trifft sich noch einmal im Park mit seinem Vater. Der beklagt sich, dass Michael zu spät kommt und er dadurch zwei Dollar an Trainingseinnahmen verloren hat. Er schimpft und klagt ohne einen Blick für seinen Sohn, der in der Nacht zuvor unter Lebensgefahr zwei Drogenhändler außer Gefecht gesetzt hat, um sich und seiner Schwester ein neues Leben zu ermöglichen.


Samuel Jackson spielt den Vater von Michael

Als der Vater endlich aufschaut, sieht er, wie sein Sohn mit Tränen in den Augen vor ihm sitzt, eine der wenigen Szenen, in denen Michael Gefühle zeigt. Verlegen und hilflos beginnt der Vater mit der verabredeten Schachpartie.


Sean Nelson als Michael in der Schlussszene des Films

Diese kraftvolle Schlussszene betont noch einmal das zwiespältige Bild, das der Film vom Schach zeigt: Die Schachlektionen seines Vaters haben Michael geholfen, sich in seiner Welt zu behaupten und aus ihr zu befreien, aber die Konzentration des Vaters auf das Schach führt zugleich zu Gefühlsarmut und mangelnder Anteilnahme.

Fresh ist ein eindrucksvoller Film, der mit guten Schauspielern und starken Bildern eine kraftvolle Geschichte erzählt. Für einen locker, lässigen, beschwingten, einfach coolen Schachfilm steht er dem Spiel allerdings zu zwiespältig gegenüber. So ein Film muss allerdings erst gedreht werden – dann aber könnte er das Image des Schachs verändern. Doch vielleicht kann er erst gedreht werden, wenn sich das Image des Schachs verändert.

Zuerst veröffentlicht in KARL 1/2009, S. 14-17.

Viele ältere KARL-Ausgaben sind mittlerweile begehrte Sammlerstücke, aber viele ältere Ausgaben sind auch noch zu haben.

 

2 Antworten auf Im Archiv geblättert: „Der ultimative Schachfilm“

  1. Peter sagt:

    „es gibt auch den ein oder anderen bekannten Schachmeister, dessen geistige Gesundheit man in Zweifel ziehen kann“

    Wer außer R.J. Fischer käme einem denn da noch in den Sinn (in den letzten, sagen wir 50 Jahren) ?

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