Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 10

Anand_Carlsen_web_225_2Nach neun Folgen Rückschau auf die bisherigen Begegnungen zwischen Vishy Anand und Magnus Carlsen ist höchste Zeit für eine Vorschau, eine Prognose, wer den WM-Kampf im indischen Chennai gewinnt. Umso mehr, da die erste Partie morgen, am 9. November 2013, beginnt. Um 15 Uhr Ortszeit, 10.30 deutscher Zeit, Carlsen hat Weiß und damit eine gute Chance, den Weltmeister gleich zu Beginn des Wettkampfs unter Druck zu setzen. Kaum jemand bezweifelt, dass er das versuchen wird, denn obwohl Anand nach 29 Partien gegen Carlsen mit 6:3 (bei 20 Remis) führt, geht Carlsen als Favorit in den Wettkampf. Aus gutem Grund.

Blick zurück

Schaut man sich den Verlauf der bisherigen Partien zwischen Carlsen und Anand an, so fällt auf, dass Anand den jungen Norweger anfangs völlig dominiert hat, aber Carlsen in den letzten Jahren überlegen war. 2007 spielten die beiden ihre erste klassische Partie gegeneinander und insgesamt brauchte Carlsen zehn Anläufe und vier Niederlagen, bis er das erste Mal gegen Anand gewinnen konnte. Doch diesem Sieg folgte wieder eine lange Durststrecke. In 14 Partien konnte Carlsen nicht ein einziges Mal gegen Anand gewinnen, musste aber zwei Niederlagen quittieren. Erst in den letzten fünf Begegnungen der beiden änderte sich das Bild: Carlsen gewann zwei überzeugende Partien, drei endeten Remis.

Natürlich spiegelt sich in dieser Bilanz die Entwicklung Carlsens wieder. Als er 2007 das erste Mal gegen Anand spielte, war Carlsen zwar schon sehr stark, aber immer noch ein junges, aufstrebendes Talent, während Anand auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn stand. Im Laufe der folgenden sechs Jahre wurde Carlsen dann immer stärker, während Anand allmählich dem Alter Tribut zollen musste. So landete Carlsen in fast allen Turnieren der letzten Jahre vor Anand, was sich natürlich auf die Elo-Zahlen der beiden ausgewirkt hat. Mit 2870 Elo-Punkten ist Carlsen mit großem Abstand die Nummer eins der Welt und liegt ganze 95 Punkte vor Anand, der mit einer Zahl von 2775 auf Platz acht der Weltrangliste abgerutscht ist. Geht es nach den Zahlen, wird Carlsen Weltmeister.

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WM-Plakat (Foto: Anastasia Kharlovich)

Fitness, Jugend, Energie

Auch das Alter spricht für den Herausforderer. Carlsen ist 22 Jahre jung, Anand 43 Jahre alt. Nicht zu vergessen die körperliche Fitness.

carlsen beim Fußball
ChessBase-Screenshot aus dem Dokumentarfilm “Magnus Carlsen’s Last Big Title”

Immer wieder betont Carlsen, wie gerne er Sport treibt und auf seiner Facebook-Seite hat der junge Norweger Fotos veröffentlicht, die ihn bei einem Sprung vom 5-Meter Brett zeigen und belegen, wie gut trainiert er ist.

Klar, auch Anand hat sich körperlich in Form gebracht und war bei der Vorbereitung in Bad Soden im Taunus regelmäßig Laufen und Schwimmen. Aber reicht das aus, um mit Carlsens Energie mitzuhalten? So rechnen viele damit, dass Carlsen versuchen wird, Anand „müde zu spielen“, dass er versuchen wird, in jeder Partie bis zum blanken König zu spielen – bis Anand den Druck nicht mehr aushält und zusammenbricht.

Erfahrung

Für Anand spricht seine enorme Wettkampferfahrung. Anders als Carlsen, der im Laufe seiner Karriere nur wenig Wettkämpfe und keinen WM-Kampf gespielt hat, weiß Anand, wie es sich anfühlt, immer wieder dem gleichen Gegner gegenüber zu sitzen, er weiß, wie es ist, in Rückstand zu geraten und nicht zu verzweifeln, und er weiß, wie es ist, in Führung zu gehen, ohne zu euphorisch zu werden. Er weiß, wie es ist, eine Partie schrecklich zu verlieren und am nächsten Tag dem gleichen Gegner gegenüber zu sitzen, der nichts lieber will, als noch einmal vernichtend zu gewinnen.

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Ein erfolgreiches Paar: Aruna und Vishy Anand (Foto: Anastasia Kharlovich)

Außerdem hat Anand in seinen Wettkämpfen gegen Kramnik, Topalov und Gelfand bewiesen, wie anpassungsfähig er ist. Gegen jeden dieser Gegner hat er anders gespielt, andere Stellungen angestrebt und seine enorme Vielseitigkeit gezeigt. Aber funktioniert das auch gegen Carlsen, der außer einer auf diesem Niveau ungewöhnlich schlechten Eröffnungsvorbereitung keine offensichtlichen Schwächen zu haben scheint?

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Vladimir Kramnik (links) und Vishy Anand (rechts) in entspannter Atmosphäre vor ihrem Wettkampf in Bonn 2008

Und natürlich die Nerven

Auch nervlich wirkt Carlsen stabil. Immer wieder betont er, dass er „einfach nur spielen will“, dass er nicht an Erfolge, Ruhm und Geld denkt, sondern Spaß am Schach haben möchte.

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Magnus Carlsen beim Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee 2013 (Foto: Wikipedia)

Doch kann er diese nonchalante Haltung auch bei der Weltmeisterschaft beibehalten? Die in einem Land stattfindet, in dem sein Gegner ein Nationalheld ist, in dem die Medien und das Publikum den Wettkampf mit manchmal an Hysterie grenzender Begeisterung verfolgen?

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Indische Fans bei der Eröffnungsfeier der WM (Foto: Anastasia Kharlovich)

In einem Match, das von Millionen Menschen in aller Welt beachtet, kommentiert und diskutiert wird? In dem es um den wichtigsten Titel des Schachs geht, dem Gebiet also, dem sich Carlsen seit seiner Jugend verschrieben hat?

Beim Kandidatenturnier in London hat Carlsen Nerven gezeigt. Er war gut gestartet und sah anfangs wie der sichere Sieger aus, doch als Vladimir Kramnik plötzlich eine Partie nach der anderen gewann und Carlsens Vorsprung immer weiter schmolz, wurde Carlsen nervös und holte nur noch einen Punkt aus den letzten drei Partien. Am Ende wurde Carlsen Herausforderer von Anand, weil er mehr Gewinnpartien aufweisen konnte als Kramnik – eine mehr oder weniger willkürliche Form des Tie-Breaks. Doch vielleicht war der hauchdünne Erfolg beim Kandidatenturnier ein Segen für Carlsen. Knappe Erfolge können stark motivieren und außerdem wurde Carlsen noch einmal daran erinnert, dass auch seine Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Für ruhige Nerven und eine stabile Psyche ist der Beginn des Wettkampfs wichtig. Wenn es Carlsen gelingt, gut in das Match zu kommen und Anand in den ersten sechs Partien unter Druck zu setzen, dann kann er sich besser an die Atmosphäre und das spezielle Weltmeisterschaftsgefühl gewöhnen, ist so entspannter und kann sein bestes Schach spielen.

Doch wenn es Anand gelingt, die ersten sechs Partien ausgeglichen zu gestalten, steigt der Druck auf Carlsen. Vielleicht wird Anand dann allmählich müde, aber vielleicht wird Carlsen auch nervös, ist übermotiviert, will zu viel, überzieht und gibt Anand Gelegenheit zum Kontern.

Endlich: die Prognose

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Illustration: Sybille Schenker

Doch taktische Wettkampfüberlegungen hin oder her: Ich glaube, Carlsen ist zur Zeit der bessere Spieler und das wird sich bemerkbar machen. Seine phänomenale Fähigkeit, auch in scheinbar harmlosen Stellungen Gewinnchancen zu finden und schlechte Stellungen hartnäckig zu verteidigen – was besonders dann wichtig wird, wenn Anand ihn in der Eröffnung „erwischt“ – wird dazu führen, dass Carlsen eine der ersten sechs Partien des Wettkampfs gewinnt. Das wird ihm Sicherheit geben und dadurch wird er auch in der zweiten Hälfte des Wettkampfs eine weitere Partie gewinnen, entweder, weil Anand zu viel riskiert oder weil es Carlsen gelingt, einen zweiten Sieg herauszuspielen. Mit anderen Worten: Carlsen gewinnt den Wettkampf mit 6,5:4,5 und wird neuer Weltmeister.

Doch Wettkämpfe haben eigene Gesetze. Und bei allen Vorhersagen, Analysen, Überlegungen und Spekulationen über Motivation, Eröffnungsvorbereitung, Sekundanten, Psyche, Alter, Fitness, Schachstil und Vorgeschichte, bleibt bei jedem Match etwas Mysteriöses, nicht Vorhersehbares. Nicht zuletzt die Frage, wer die besseren Züge spielt und warum das so ist. Das macht diesen Wettkampf so spannend. Dabei ist er ohnehin schon faszinierend und spannend. Schließlich treffen hier nicht nur zwei Generationen, sondern auch zwei unglaublich starke, hoch motivierte und phantastisch vielseitige Schachspieler aufeinander. All das verspricht einen Wettkampf der Spitzenklasse: fair, umkämpft, voller interessanter Partien ohne kurze Remis und mit mindestens zwei Highlights, die in die Schachgeschichte eingehen werden.

Was bislang geschah:

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 1

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 2

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 3

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 4

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 5

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 6

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 7

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 8

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 9

Siehe auch: Schulmeisterliche Kritik: Wie man starkes Schach zernörgelt: Eine Besprechung von Adrian Michaltschischins und Oleg Stetskos Kämpfen und Siegen mit Magnus Carlsen

Offizielle Seite zum Weltmeisterschaftskampf in Chennai

 

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7 Gedanken zu “Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 10

  1. Swogu77

    Ehrliches Feedback: Leider sehe ich in dem Blogeintrag nicht mehr als eine (weitere) Zusammenfassung des Offensichtlichen. Vielleicht für schachferne Menschen interessant, aber für jeden Hobby-Spieler und aufwärts sehe ich leider keinen Informationsgewinn.

    Gruß
    Tobias

    1. Dr.Krauss

      Wie kann der Wettkampf 6,5 zu 4,5 ausgehen, wenn es 12 Partien gibt? Kommt es zu einem Unentschieden lautet das Ergebnis 6:6. Bei Plus 2 müßte das Ergebnis 7:5 lauten, oder kann ich nicht rechnen. 6,5:4,5 wäre ein Ergebnis bei 11 gespielten Partien oder nicht. Das Match ist aber auf 12 Partien angesetzt!

      1. Johannes Fischer Artikel Autor

        Die Regeln des Wettkampfs besagen, dass der Wettkampf beendet wird, wenn eine Seite 6,5 Punkte hat. Die prinzipiell noch ausstehenden Partien werden dann nicht mehr gespielt.

  2. Johannes Fischer Artikel Autor

    Vielen Dank für das “ehrliche Feedback”. Das Offensichtliche muss nicht verkehrt sein und einfach zu sagen, Carlsen gewinnt 6,5:4,5 ist dann doch wohl ein wenig dürftig.

    Mir war auch nicht klar, wie “offensichtlich” es ist, dass Carlsen mit 6,5:4,5 gewinnt und Anands Chancen steigen, je länger der Wettkampf andauert. Allerdings gibt es dazu auch bei “Hobby-Spielern und aufwärts” andere Meinungen, z.B. bei einer Reihe von indischen Großmeistern (http://chessbase.com/post/diwali-greetings-for-anand).

    Wie siehst Du denn das? Wie endet der Wettkampf und wie wird er verlaufen? So wie von mir prognostiziert oder doch anders?

    Viele Grüße

    Johannes

  3. Garnichtsoeinfach

    Ich denke Magnus gewinnt mit +2.

    Vishy ist bereits Gelfand nur gerade so von der Schippe gesprungen und hier ist jetzt der Generationenwechsel fällig. Carlsen ist die Nr. 1 und jeder weiss das. Vishy ist der Nachfahre Kasparows, ebenso wie Topalov, Kramnik, Leko und Co. Dagegen steht Carlsen als der neue Vertreter, der letzte das nicht mit Computer groß geworden ist, dessen Stil noch urwüchsig ist, der nicht in der Eröffnung Zugfolgen rezitiert, sondern eine Ebene auf den Schachbrett entstehen lässt um seinen Gegner erst dann, im Kampf 1 gegen 1, aus der Fassung zu bringen. Das alleine ist bewundernswert!! In einer Zeit wo Computer für die Spieler taktische Varianten schon bis zum Matt durchrechnen und diese “Spieler” nur noch memorieren müssen, was natürlich auch schon eine gigantische Leistung ist, aber mit Schach nichts mehr zu tun hat.

  4. Swogu77

    Hey Johannes, danke für deine Antwort zu meinem Kommentar:

    Ich persönlich sehe 2 Dinge:

    1. Ein WM Kandidat wie Anand wird aktuell eine höhere Spielstärke als 2775 Elo haben. Eine derart akribische Vorbereitung und intensives Training werden auch die meisten Supergroßmeister in der Form nicht hinlegen. Man sah ja auch an Gelfand, dass er nach der WM um die 30 Punkte zugelegt hat, einfach, weil er von dem enormen Trainingspensum profitieren konnte, das mit Sicherheit über dem der meisten Super GMs liegt.

    2. Der Rest ist dann für mich Statistik. Carlsen ist de facto stärker aber wegen des Heimvorteils und eigentlich allen Faktoren, die du genannt hast wird es halt nicht so ausgehen, wie normalerweise 2 Spieler mit 100 Elo-Differenz spielen, sondern wohl eher nur 25-50 Punkte tatsächlicher Vorteil für Carlsen. Und dann ist halt das wahrscheinlichste Ergebnis, was das Elo-System prognostizieren würde, also ich schätze irgendwas mit +1 oder +2 für Carlsen.

    Gruß
    Tobias

  5. Dr.Krauss

    Auch wenn die Elozahlen einen Sieg von Carlsen prognostizieren, so zeigt es aber nicht die Erfahrung eines solchen WM-Kampfes. Hier liegen die Vorteile eindeutig bei Anand. Die erste Partie hat es gezeigt, Carlsen ist nervös und Anand die Ruhe in Person, der mit dem Druck umgehen kann. Ich denke, wir sollten auf eine Überraschung zu Gunsten von Anand gefasst sein.

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