Partie des Monats: April 2016

diagram_teaserDer April war aufregend: Weltmeister Magnus Carlsen kehrte endlich vor der eigenen Haustür und gewann in Norwegen nach drei vergeblichen Anläufen eins der besten Turniere des Jahres, die US-Meisterschaften waren so stark besetzt wie nie zuvor, und Garry Kasparov zeigte dem Nachwuchs in St. Louis, wie gut er immer noch blitzt und warum Schottisch gar nicht so schlecht ist. Schöne Partien gab’s auch.

Zwei davon spielte Carlsen beim Norway Chess Turnier in Stavanger und bewies dabei zugleich en passant seine Vielseitigkeit. In Runde drei besiegte den Schweden Nils Grandelius mit einem frühen Springeropfer, das zu ungewöhnlichen, taktisch und positionell anspruchsvollen, Stellungen führte.

[Event „Altibox Norway Chess 2016“]
[Site „Stavanger“]
[Date „2016.04.21“]
[Round „3“]
[White „Carlsen, M.“]
[Black „Grandelius, N.“]
[Result „1-0“]
[ECO „B29“]
[WhiteElo „2851“]
[BlackElo „2649“]
[PlyCount „75“]
[EventDate „2016.??.??“]
[EventCountry „NOR“]

1. e4 c5 2. Nf3 Nf6 3. e5 Nd5 4. Nc3 Nxc3 5. dxc3 Nc6 6. Bf4 Qb6 7. Qc1 f6 8.
Bc4 g5 9. Bg3 g4 10. exf6 gxf3 11. Qf4 fxg2 12. Rg1 Na5 13. f7+ Kd8 14. Bd5 Bh6
15. Qe5 Rf8 16. Bh4 Rxf7 17. Bxf7 Nc6 18. Qg3 Qxb2 19. Rd1 Qxc2 20. Bd5 Qf5 21.
Rxg2 Bf4 22. Qf3 Kc7 23. Rg5 Qf8 24. Bg3 e5 25. Rh5 a5 26. Rxh7 Ra6 27. Rf7 Qe8
28. Kf1 Bxg3 29. hxg3 Qh8 30. Kg2 Nd8 31. Rf8 Qg7 32. Rh1 Rh6 33. Rxh6 Qxh6 34.
Qf6 Qxf6 35. Rxf6 d6 36. Kf3 b5 37. g4 Kd7 38. Rh6 1-0

Vier Runden später, in Runde sieben, zeigte Carlsen dann gegen Vladimir Kramnik eine positionelle Glanzleistung.

[Event „Altibox Norway Chess 2016“]
[Site „Stavanger“]
[Date „2016.04.27“]
[Round „7“]
[White „Carlsen, M.“]
[Black „Kramnik, V.“]
[Result „1-0“]
[ECO „D35“]
[WhiteElo „2851“]
[BlackElo „2801“]
[PlyCount „99“]
[EventDate „2016.??.??“]
[EventCountry „NOR“]
[Source „ChessBase“]

1. d4 d5 2. c4 e6 3. Nc3 Nf6 4. cxd5 exd5 5. Bg5 c6 6. e3 Bf5 7. Qf3 Bg6 8.
Bxf6 Qxf6 9. Qxf6 gxf6 10. Nf3 Nd7 11. Nh4 Be7 12. Ne2 Nb6 13. Ng3 Bb4+ 14. Kd1
Na4 15. Ngf5 Kd7 16. Rb1 Ke6 17. Bd3 Rhc8 18. Ke2 Bf8 19. g4 c5 20. Ng2 cxd4
21. exd4 Bd6 22. h4 h5 23. Ng7+ Ke7 24. gxh5 Bxd3+ 25. Kxd3 Kd7 26. Ne3 Nb6 27.
Ng4 Rh8 28. Rhe1 Be7 29. Nf5 Bd8 30. h6 Rc8 31. b3 Rc6 32. Nge3 Bc7 33. Rbc1
Rxc1 34. Rxc1 Bf4 35. Rc5 Ke6 36. Ng7+ Kd6 37. Ng4 Nd7 38. Rc2 f5 39. Nxf5+ Ke6
40. Ng7+ Kd6 41. Re2 Kc6 42. Re8 Rxe8 43. Nxe8 Nf8 44. Ne5+ Bxe5 45. dxe5 Kd7
46. Nf6+ Ke6 47. h5 Kxe5 48. Nd7+ Nxd7 49. h7 Nc5+ 50. Ke2 1-0

Doch so beeindruckend diese beiden Siege auch waren, spektakulärer ging es jenseits des Atlantiks, in St. Louis, zu. Vor allem beim Blitzturnier, bei dem Garry Kasparov gegen die ersten Drei der US-Meisterschaft antrat.

plakat

Ein Blitzturnier mit vier Teilnehmern, sechs Runden jeder gegen jeden, insgesamt 18 Runden. Der vielleicht beste Schachspieler aller Zeiten, der sich 2005 vom Turnierschach zurückgezogen hatte, gegen den frisch gekürten US-Meister Fabiano Caruano, bei Turnierbeginn die Nummer drei der Welt, Hikaru Nakamura, Nummer sechs der Welt und ausgewiesener Blitzspezialist, sowie Wesley So, die Nummer zehn der Welt. Ein 53-jähriger, der seit elf Jahren kein Turnier mehr gespielt hatte, tritt im Blitzen gegen Spieler an, die noch nicht geboren waren, als er Weltmeister wurde. Kasparov ist Kasparov und der vielleicht beste Spieler aller Zeiten, aber hatte er sich da nicht zu viel vorgenommen?

Offensichtlich nicht, denn der Ex-Weltmeister konnte gegen die drei jungen Weltklassespieler mithalten. Manchmal sogar mehr als das. Vor allem am ersten Tag, in den ersten neun Runden, überzeugte er und überspielte seine Gegner ein ums andere Mal.

Wenn man Kasparov so spielen sah, konzentriert, leidenschaftlich, gut, tauchte die Frage, wie die Schachgeschichte verlaufen wäre, hätte er sich 2005 nicht vom Turnierschach zurückgezogen, von ganz alleine auf. Wäre Anand dann 2008 Weltmeister geworden oder hätte Kasparov den Titel noch einmal gewonnen? Hätte Carlsen 2013 den WM-Thron erobert und wie wäre ein Match zwischen Carlsen und Kasparov verlaufen? Und vor allem: Welche Glanzpartien sind der Schachwelt entgegangen, weil Kasparov seine Energie lieber in die Politik und nicht in das Spitzenschach gesteckt hat?

Müßige Fragen, ich weiß, aber sie entspringen dem Bedauern darüber, dass Kasparov nicht zufrieden gewesen zu sein scheint, „nur“ Schachspieler zu sein. Denn egal, wie viel Kraft, Energie und Intelligenz er in andere Gebiete investiert hat, so gut und erfolgreich wie beim Schach war er nirgendwo. Ob Kasparovs Entscheidung, sich als Nummer eins der Welt relativ früh vom Schach zurückzuziehen für ihn gut oder schlecht war, kann nur er beantworten. Aber die Schachwelt hat dadurch mit Sicherheit einen großen Verlust erlitten.

Wie auch immer, in St. Louis spielte Kasparow wieder und er spielte gut. Mit 9,5 Punkten aus 18 Partien lag er am Ende knapp über der 50-Prozent-Marke und wurde Dritter hinter Hikaru Nakamura, der mit 11 aus 18 gewann, und Wesley So, der mit 10 aus 18 Platz zwei belegte. Fabiano Caruana landete mit 5,5 aus 18 abgeschlagen auf dem vierten und letzten Platz.

In der spektakulärsten Partie in St. Louis stand Kasparov allerdings auf der Verliererseite. Er unterlag Wesley So, der eine Glanzpartie im Stile der alten Meister spielte, und Kasparovs König, der zu lange in der Mitte geblieben war, mit einer Reihe von Opfern Matt setzte. Für mich die interessanteste Partie im April 2016 und vielleicht auch eine der besten und schönsten Blitzpartien aller Zeiten.

[Event „Ultimate Blitz Challenge“]
[Site „Saint Louis USA“]
[Date „2016.04.29“]
[Round „10.2“]
[White „So, Wesley“]
[Black „Kasparov, Garry“]
[Result „1-0“]
[ECO „A41“]
[PlyCount „49“]
[EventDate „2016.04.28“]
[EventType „blitz“]

1. Nf3 g6 2. e4 Bg7 3. d4 d6 4. c4 Bg4 {Überraschend. Garry Kasparov
verzichtet auf den Königsinder und entscheidet sich für eine Nebenvariante.}
5. Be2 Nc6 6. Nbd2 e5 7. d5 Nce7 8. h3 Bd7 9. c5 $5 {Energisch. Mit einem
Bauernopfer reißt So die Initiative an sich.} dxc5 10. Nc4 f6 {Schwarz will
den Bauern festhalten und nimmt eine Schwächung seiner Stellung in Kauf.} ({
Sicherer war} 10… Nf6 11. Qc2 O-O 12. O-O {mit leichtem Vorteil für Weiß.})
11. d6 Nc8 12. Be3 b6 13. O-O Bc6 14. dxc7 Qxc7 {Auf den ersten Blick scheint
die Lage für Schwarz nicht allzu dramatisch zu sein. Wenn er zu …Sh6, 0-0
und …Sf7 kommt, hat er sich konsolidiert und Weiß muss sich Gedanken machen,
wie er Kompensation für den geopferten Bauern bekommt.} 15. b4 $5 {Weiß
stört die schwarzen Pläne und befolgt die Regeln, die jeder Schachanfänger
lernt, wenn er Partien von Anderssen oder Morphy gezeigt bekommt: Wenn man
Entwicklungsvorsprung hat, soll man Linien und Diagonalen öffnen.} cxb4 16.
Rc1 Nge7 17. Qb3 {Hält den schwarzen König in der Mitte fest. Weiß hat zwei
Bauern weniger, aber Schwarz hat Schwierigkeiten, sich zu entwickeln.} h6 18.
Rfd1 b5 19. Ncxe5 $1 {Verliert keine Zeit und öffnet weiter Linien.} fxe5 20.
Bxb5 Rb8 ({Nach} 20… Qb7 21. Ba4 ({Der Computer spielt hier verrückt und
schlägt} 21. Bxh6 Qxb5 22. Bxg7 Bxe4 23. Bxh8 {mit Gewinnstellung für Weiß
vor, aber 21.La4 ist der menschliche Zug.}) 21… Bxa4 22. Qxa4+ Kf7 23. Rd7
Qxe4 24. Qb3+ Ke8 25. Rcd1 {und Weiß hat eine überwältigende
Angriffsstellung.}) 21. Ba4 Qb7 22. Rxc6 $1 {Der Zug liegt nahe, hübsch ist
er trotzdem.} Nxc6 23. Qe6+ N8e7 24. Bc5 {Offene Linien, offene Diagonalen.}
Rc8 25. Bxe7 {und Schwarz gab auf. Er verliert Haus und Hof und das Matt ist
nah.} 1-0

 

Siehe auch

Partie des Monats: Januar 2016

Partie des Monats: März 2016

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