Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 8

carlsen-anand-partieAm 7. November beginnt im indischen Chennai der WM-Kampf zwischen Vishy Anand und Magnus Carlsen. Carlsen gilt als Favorit. Mit einer Elo-Zahl von aktuell 2870 Punkten liegt er unangefochten auf Platz eins der Weltrangliste und hat ganze 95 Elo-Punkte mehr als Anand. Auch in den Turnieren der letzten Jahre spielte Carlsen erfolgreicher als der Weltmeister und während Anands Siege gegen Carlsen schon vergessen scheinen, wissen viele Schachspieler noch, wie überzeugend Carlsen 2012 gegen den Weltmeister gewonnen hat.

Das geschah beim Grand Slam Finale, einem doppelrundigen Turnier mit sechs Teilnehmern (Anand, Aronian, Carlsen, Caruana, Karjakin und Vallejo Pons). Die Hinrunde fand vom 24. bis 29. September 2012 im brasilianischen Sao Paulo statt, die Rückrunde vom 8. bis 13. Oktober in Bilbao im spanischen Baskenland. In der Hinrunde in Sao Paulo dominierte Fabiano Caruana, der das Glück hatte, dass Carlsen gegen ihn unbedingt gewinnen wollte und am Ende verlor.

Doch in der Rückrunde konnte Carlsen den Schaden wieder gut machen. Er holte Caruana auf der Zielgeraden ein und am Ende des Turniers lagen die beiden gleichauf an der Spitze. Den anschließenden Blitzwettkampf um den Turniersieg gewann Carlsen klar mit 2:0.

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Was das Duell Anand gegen Carlsen betrifft, so endete die Hinrundenpartie in Sao Paulo mit einem umkämpften Remis.

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Doch in der Rückrundenpartie gelang Carlsen eine Glanzpartie und kam damit zu seinem insgesamt zweiten Sieg gegen Anand im klassischen Schach.

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Eine schmerzhafte Niederlage für Anand. Die Partie wurde wahrscheinlich in fast jeder Schachzeitschrift der Welt abgedruckt und auch im Internet immer wieder kommentiert. Denn abgesehen davon, dass Carlsen stark gespielt hat und mit unerwarteten Manövern glänzte, schien die Partie symbolische Bedeutung zu haben. Schließlich hatte die Nummer eins der Welt den amtierenden Weltmeister mit einer harmlosen Eröffnung aus ausgeglichener Stellung heraus in wenigen Zügen überspielt. Viele Schachspieler fühlten sich dadurch in ihrer Überzeugung bestätigt, dass Anand zwar Weltmeister war, aber seine besten Zeiten hinter sich hatte, nicht mehr der „alte Anand“ war, seine Motivation verloren hatte und mit Carlsen nicht mehr mithalten konnte.

Damit nicht genug. Die Partie illustrierte auch die unterschiedlichen Einstellungen Anands und Carlsens zum Schach und zum Eröffnungsstudium. Anand hatte im 2012 in Moskau seinen Weltmeistertitel knapp gegen Boris Gelfand verteidigt, allerdings erst im Tie-Break, denn nach den regulären zwölf Partien stand es 6:6 Unentschieden. Zwölf der zehn Partien waren Remis ausgegangen, etliche davon ziemlich schnell. Hatten sie in der Eröffnung nichts erreicht, so schienen sowohl Gelfand als auch Anand einem Remis nicht abgeneigt und gelegentlich konnte man den Eindruck gewinnen, die Eröffnungsvorbereitung wäre den beiden wichtiger als das Spielen selbst.

Ganz anders Carlsen: Er schien nicht viel Wert auf Eröffnungstheorie oder den Kampf um Eröffnungsvorteil zu legen, aber dafür kämpfte er in jeder Partie bis zum Ende und suchte auch in scheinbar harmlosen und ausgeglichenen Endspielen immer wieder nach Möglichkeiten, um den Gegner unter Druck zu setzen. Mit Erfolg.

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Magnus Carlsen bei den London Chess Classic 2012 (Foto: Pascal Simon)

2012 gewann Carlsen ein Turnier nach dem anderen und schraubte seine Elo-Zahl in immer neue Höhen. Der krönende Abschluss des Jahres gelang Carlsen bei den London Chess Classic 2012. Er gewann das Turnier ungeschlagen mit 5 Siegen und 3 Unentschieden, eine Leistung, die ihm einen Elo-Zuwachs von 13 Punkten bescherte. Damit brach Carlsen einen 13 Jahre alten Rekord Kasparovs und kam mit 2861 Elo-Punkten auf die höchste bis dahin erreichte Elo-Zahl.

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Doch dieser Elo-Rekord schien Carlsens Erfolgshunger nicht gestillt zu haben. In der letzten Runde der London Classic spielte er mit Weiß gegen Anand, und da Kramnik und Adams sich in der letzten Runde schnell Remis getrennt hatten, stand Carlsen als Turniersieger bereits fest – egal, wie seine Partie gegen Anand ausgehen würde. Viele Spieler hätten sich in dieser Situation mit einem Remis zufrieden gegeben, doch Carlsen spielte eine komplizierte Stellung gegen Anand hartnäckig auf Gewinn. Aber Anand konnte sich verteidigen und die Partie endete mit Remis.

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Daniel King analysiert die Partie zusammen mit Anand und Carlsen

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Schach macht Spaß: Anand und Carlsen in London 2012 (Foto: Pascal Simon)

Nach dem Erfolg in London lag Carlsen in der Weltrangliste vom Januar 2013 mit 2861 Punkten ganze 51 Punkte vor Vladimir Kramnik, mit 2810 Punkten Nummer Zwei der Weltrangliste. Ganze 89 Punkte Vorsprung hatte Carlsen auf Weltmeister Anand, der auf Platz sieben der Weltrangliste zurückgefallen war.

Doch für viele Schachspieler waren es weniger die Zahlen, sondern der Verlauf der drei Partien, die Anand und Carlsen 2012 gegeneinander gespielt hatten, der zu belegen schien, dass Anands Tage als Weltmeister gezählt waren. In den beiden Remispartien war es Carlsen, der bis zum Ende auf Gewinn spielte, und in der Gewinnpartie schien Carlsen Anand zu signalisieren, dass er eigentlich mit jeder Eröffnung gewinnen kann. Doch ob Carlsen Anand wirklich so gut im Griff hat, wird sich beim WM-Kampf zeigen.

Die erste Partie des Wettkampfs spielen die beiden am 9. November. Ihre erste Begegnung im Jahr 2013 ist das jedoch nicht. Wie die vorherigen Partien 2013 zwischen den beiden ausgegangen sind, erfährt man im nächsten Blogbeitrag über das Duell zwischen Vishy Anand und Magnus Carlsen.

Was bislang geschah:

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 1

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 2

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 3

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 4

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 5

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 6

Anand gegen Carlsen: Das Duell, Teil 7

Siehe auch: Schulmeisterliche Kritik: Wie man starkes Schach zernörgelt: Eine Besprechung von Adrian Michaltschischins und Oleg Stetskos Kämpfen und Siegen mit Magnus Carlsen

Offizielle Seite zum Weltmeisterschaftskampf in Chennai

 

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