Romananfänge – Ein literarischer Adventskalender (6)

Foto: Etienne Valois via flickr

Romananfang 6
Friedensrichter Trelawney, Doktor Livesey und die anderen Herren, die an unseren Abenteuern teilnahmen, haben mich damit beauftragt, die ganze Geschichte … aufzuzeichnen, mit allen Einzelheiten, und nichts geheimzuhalten …. So ergreife ich denn im Jahre des Heils 17.. die Feder und wandere im Geiste bis zu einer Zeit zurück, da mein Vater noch Wirt in der Schenke „Zum Admiral Benbow“ war und der braungebrannte alte Seemann mit der Säbelnarbe auf der Backe zu uns kam, um sich unter unserem Dache anzusiedeln.
Ich sehe ihn noch vor mir, als wäre es gestern gewesen, wie er schweren Schrittes auf die Schenkentür zuschaukelte, seine Seemannskiste auf einem Schiebkarren hinter sich: ein hochgewachsener, starker, schwerer, nußbraun gebrannter Mann: Sein Seemannszopf – Schweineschwanz nennen ihn die Wasserratten – baumelte ihm über die Schulter auf den fleckigen blauen Rock herab; seine Hände waren rissig und narbig, mit schwarzen, brüchigen Nägeln; und die Säbelnarbe auf seiner Backe leuchtete in einem schmutzigfahlen Weiß.

Ein Klassiker – aber welcher? Und wer hat ihn geschrieben?Romananfang 6 – Robert Louis Stevenson, Die Schatzinsel

Ja, das ist der Auftakt zu einem klassischen Abenteuerroman – Robert Louis Stevensons (13. November 1850 bis 3. Dezember 1894) Schatzinsel. Mit Piraten, Schatzsuche, skrupellosen Schurken, hinterhältigem Verrat, gefährlichen Abenteuern und einem jungen, naiven, unschuldigen Helden. Eine gute Mischung für einen Bestseller.

Treasure Island, wie der Roman im Original heißt, erschien zunächst vom 1. Oktober 1881 bis zum 28. Januar 1882 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Young Folks, die Buchausgabe folgte 1883, die erste deutsche Übersetzung kam 1897. Seitdem wurde Treasure Island immer wieder neu übersetzt und erschien in immer neuen Ausgaben. Man machte Hörspiele, Theaterstücke, Comics und in letzter Zeit auch Computerspiele aus dem Buch, verfilmt wurde es sowieso, das erste Mal 1912, zuletzt 2012.

Natürlich ist Die Schatzinsel kein moderner Roman mit gebrochenen Helden oder postmodernen Reflektionen über die Kunst des Erzählens, aber das Altmodische dieses Romans macht seinen Reiz aus. Denn gleich zu Beginn, mit dem Verweis auf die Abenteuer, die noch kommen werden und dem Porträt des Seemanns, zeigt Stevenson, dass er weiß, wie man Spannung erzeugt, und dass er genau beobachten und beschreiben kann. Damit verspricht der Anfang der Schatzinsel etwas, was die Menschen schon immer geschätzt haben: eine spannende, gut geschriebene Geschichte voller Spannung und Abenteuer. Dieses Versprechen hält der Roman, zuverlässig, immer wieder, erfolgreich, und schon seit mehr als hundert Jahren.


Robert Louis Stevenson, Die Schatzinsel

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