Romananfänge – Ein literarischer Adventskalender (5)

Der Bahnhof von Antwerpen, Foto: Tuxyso via Wikimedia Commons

Romananfang 5
In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bin ich, teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, mir selber nicht recht erfindlichen Gründen, von England aus wiederholt nach Belgien gefahren, manchmal bloß für ein, zwei Tage, manchmal für mehrere Wochen. Auf einer dieser belgischen Exkursionen, die mich immer, wie es mir schien, sehr weit in die Fremde führten, kam ich auch, an einem strahlenden Frühsommertag, in die mir bis dahin nur dem Namen nach bekannte Stadt Antwerpen. Gleich bei der Ankunft, als der Zug über das zu beiden Seiten mit sonderbaren Spitztürmchen bestückte Viadukt langsam in die dunkle Bahnhofshalle hineinrollte, war ich ergriffen worden von einem Gefühl des Unwohlseins, das sich dann während der gesamten damals von mir in Belgien zugebrachten Zeit nicht mehr legte.

Wer schreibt solche Sätze? Und in welchem Roman?

Romananfang 5 – W.G. Sebald, Austerlitz

Austerlitz von W.G. Sebald erzählt die Lebensgeschichte des fiktiven Kunstwissenschaftlers Jacques Austerlitz, und er erzählt, wie der Titelheld seine Lebensgeschichte erzählt und erforscht. Wie Geschichte geschrieben und erinnert wird ist ein zentrales Thema des Romans.

Austerlitz, die Titelfigur, wurde 1934 in Prag geboren, beide Eltern fielen den Nationalsozialisten zum Opfer, ihr genaues Schicksal bleibt jedoch unbekannt. Die Mutter kam 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt und wurde von dort aus 1944 in ein Konzentrationslager im Osten verschleppt und ermordet. Von seinem Vater weiß Austerlitz, dass er in einem Lager in den Pyrenäen interniert war, danach verliert sich seine Spur. Austerlitz selbst hat überlebt, weil ihn seine Mutter 1939 mit einem Kindertransport von Prag nach England geschickt hat.

In England kam Austerlitz zu einer Pflegefamilie, in der er unglücklich war. Über seine Herkunft weiß er kaum etwas, bis er sich eines Tages, nach einer plötzlichen Eingebung, auf Spurensuche begibt, und anfängt, seine Geschichte und die Geschichte seiner Eltern und Vorfahren zu erforschen.

Der Ich-Erzähler und Austerlitz sind sich das erste Mal 1967, kurz nach der zu Beginn des Romans beschriebenen Bahnfahrt nach Belgien, zufällig auf dem Bahnhof von Antwerpen begegnet, und bis zum endgültigen Verschwinden von Austerlitz treffen sich die beiden auch in den nächsten fast 30 Jahren immer wieder in verschiedenen europäischen Städten, zufällig und gezielt, und bei diesen Treffen erzählt Austerlitz seine Geschichte, deren Grauen und Tragik sich so im Laufe des Buches Schritt für Schritt enthüllt.

Schon in den ersten Sätzen, mit denen der Roman beginnt, fällt das eigenwillige, stilistisch brillante Deutsch, in dem Sebald schreibt, ins Auge, seine langen, melancholischen Sätze, die eine eigenartige Spannung erzeugen und einen faszinierenden Sog ausüben, wobei dieser sprachliche Rhythmus voller Einschübe mit immer neuen Fakten und Ergänzungen zu der Art passt, wie Austerlitz versucht, die Einzelheiten der eigenen Lebensgeschichte Stück für Stück zu rekonstruieren, in Erinnerung zu rufen und zu erzählen.

Austerlitz erschien 2001 und war das letzte Buch von Sebald, der am 14. Mai in Wertach im Allgäu geboren wurde, 1966 nach England emigrierte, wo er 1967 seine Freundin aus der Schulzeit heiratete und 1988 nach einer akademischen Karriere schließlich Professor für Neuere Deutsche Literatur an der University of East Anglia in Norfolk wurde. Sebald starb am 14. Dezember 2001, nachdem er bei einer Autofahrt einen Herzinfarkt erlitten hatte.

2015 kam Austerlitz auf Platz 14 der BBC-Rangliste der 20 besten Romane, die zwischen 2000 und 2014 erschienen sind.


W. G. Sebald, Austerlitz, Hanser 2001

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