Romananfänge – Ein literarischer Adventskalender (4)

Foto: Mark Hougard Jensen via Flickr

Romananfang 4
Du schickst dich an, den neuen Roman [Romantitel] von [Name] zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Laß deine Umwelt im ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. Sag es den anderen gleich: „Nein, ich will nicht fernsehen!“ Heb die Stimme, sonst hören sie’s nicht: „Ich lese! Ich will nicht gestört werden!“ Vielleicht haben sie’s nicht gehört bei all dem Krach; sag’s noch lauter, schrei: „Ich fange gerade an, den neuen Roman von [Name] zu lesen!“ Oder sag’s auch nicht, wenn du nicht willst; hoffentlich lassen sie dich in Ruhe.

Wer lädt hier nachdrücklich, aber umständlich zum Lesen ein? Und in welchem Roman?Romananfang 4 – Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Der Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht des italienischen Autors Italo Calvino (1923 bis 1985) beginnt mit einem literarischen Spiel, einem Verweis auf das eigene Buch und der direkten Ansprache des Lesers oder der Leserin. Auch im weiteren Verlauf der Handlung bleibt der Leser die Hauptfigur des Buches. Schon das macht Wenn ein Reisender in einer Winternacht ungewöhnlich und zu einem der seltenen Romane, die in der „Du-Form“ oder, grammatikalisch vornehmer, in der zweiten Person Singular geschrieben sind.

Den Leser zur Hauptfigur des eigenen Romans zu machen, ist jedoch nur eines der vielen literarischen Kabinettstückchen Calvinos, mit denen er über das Erzählen, die Literatur und das Lesen philosophiert. Dazu gehört auch die Form des Romans: Er besteht aus zehn miteinander verknüpften Geschichten, von denen aber keine zu Ende erzählt wird. Wenn sie spannend werden, bricht der Autor die Geschichten ab und fängt mit einer neuen an, die bald darauf das gleiche Schicksal ereilt.

Eine Geschichte in Wenn ein Reisender in einer Winternacht hat jedoch ein Happy End. Die Liebesgeschichte zwischen der Du-Figur, dem Leser, und Ludmilla, die der Leser in einer Buchhandlung kennengelernt hat, in die er gegangen ist, um zu erfahren, wie der von ihm angefangene Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino, der so plötzlich abbrach, eigentlich weiter geht. Doch auch das Happy End zwischen dem Leser und Ludmilla am Ende des Romans wird zu einem Spiel mit der Fiktion und einem Spiel mit Leser und Leserin:

„Leser und Leserin, nun seid ihr Mann und Frau. Ein großes Ehebett empfängt eure parallelen Lektüren. Ludmilla klappt ihr Buch zu, macht ihr Licht aus, legt ihren Kopf auf das Kissen, sagt: ,Mach du auch aus. Bist du nicht lesemüde?’ Und du: ,Einen Moment noch. Ich beende grad Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino.’“

Seine eigenwillige Form, die vielen literarischen Anspielungen, Parodien und Zitate, die bunte Mischung aus unterschiedlichen Genres und Stilen und nicht zuletzt der fortgesetzte Hinweis darauf, dass die im Roman präsentierte Fiktion Fiktion ist, machen Wenn ein Reisender in einer Winternacht zu einem klassischen postmodernen Roman.

So habe ich den Roman auch während meines Anglistik-Studiums in Frankfurt gelesen, als die Postmoderne noch sehr modern war, und ich habe mich damals auch wunderbar amüsiert. Heute wirken die vielen literarischen Kunststückchen des Romans nicht mehr ganz so modern, aber die Frische, die spielerische Leichtigkeit, die Lebendigkeit und die Intelligenz, mit der Calvino über die Faszination von Erzählungen und Literatur und die Lust am Lesen nachdenkt, haben immer noch gewinnenden Charme.


Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Das italienische Original erschien 1979, die deutsche Übersetzung 1983.

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Eine Antwort auf Romananfänge – Ein literarischer Adventskalender (4)

  1. Gerhard sagt:

    Krabbé schätze ich sehr, leider gibt es nur wenige Bücher von ihm auf Deutsch!

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