Romananfänge – Ein literarischer Adventskalender (3)

Foto: Günter Weber via flickr

Romananfang 3
Meyruis, Lozère, 26. Juni 1977. Warm, bewölkter Himmel. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und setze mein Fahrrad zusammen. Von Straßencafés aus schauen Touristen und Einwohner zu. Nicht-Rennfahrer. Die Leere in ihrem Leben schockiert mich.
Der Ort voller Autos mit Geweihen aus Rädern und Rahmen. Ein paar Teilnehmer fahren bereits herum. Lächeln, grüßen. Es sind Unbekannte darunter. Klasse? Versager? Gute Fahrer haben charakteristische Köpfe und schlechte Fahrer haben charakteristische Köpfe – aber das gilt nur für Fahrer, die man schon kennt.
Ich hole in einer Kneipe meine Rückennummer ab, schüttle auf dem Rückweg eine Hand.
„In Form?“
„Das wird sich beim Rennen zeigen.“
„Haha, ja.“

Wer will sich hier aufs Fahrrad schwingen? Und in welchem Roman?

Romananfang 3 – Tim Krabbé, Das Rennen

Meyruis, Lozère, 26. Juni 1977. Mit dieser knappen Orts- und Datumsangabe beginnt das Buch Das Rennen des holländischen Autors Tim Krabbé. Es gilt als eines der besten, wenn nicht als das beste Buch über das Radfahren. Auf jeden Fall ist es das beste Buch über das Radfahren, das ich kenne. Krabbé schildert darin Kilometer für Kilometer den Verlauf eines Radrennens für Amateure und schreibt dabei über das Radfahren, Wettkampf, Schach und warum man im Leben tut, was man tut. Packend, spannend, mit einem gesunden Schuss Selbstironie, voller interessanter Geschichten und Einsichten über Wettkampf und Sport.


Tim Krabbé, Das Rennen, Buchcover der 2006 bei Reclam erschienenen deutschen Ausgabe. Das holländische Original De Renner erschien 1978 im Prometheus Verlag, Amsterdam.

Siehe auch

Radfahren extrem: Julia Buhrings „Mein Weltrennen“
Radfahren literarisch: Elmar Schenkels „Cyclomanie“
Zufällige Zitate: David Byrnes „Biclyle Diaries“

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