Romananfänge – Ein literarischer Adventskalender (1)

Pierre Auguste Renoir, Lesendes Mädchen

Romananfang 1
Am 15. September 1840, gegen sechs Uhr früh, lag die „Stadt Montereau“ fahrbereit am Quai Saint-Bernard. Dicke Rauchwolken entwälzten sich ihrem Schlot.
Passagiere liefen in überstürzter Hast. Fässer, Taue, Reisekörbe versperrten den Durchgang. Die Schiffsmannschaft gab niemandem Auskunft. Man wurde herumgestoßen. Die Frachtkisten schwebten zwischen den beiden Radkästen, und das Gepolter ward übertönt vom Zischen des Dampfes, der durch Ventile von Eisenblech sich Luft machte und alles in weißgrauen Neben hüllte. Dazu läutete unaufhörlich vorn am Bug die Glocke.
Endlich schwankte das Schiff; und die Ufer mit ihrer Speichern, Werften und Fabriken begannen wie breite Bänder, die aufgerollt werden, vorüberzuziehen.
Ein junger Mann von achtzehn Jahren, der das Haar lang trug und unter seinen Arm ein Skizzenbuch geschoben hatte, stand, ohne sich zu regen, in der Nähe des Steuerrades. Durch die Schleier des Morgendunstes blickte er auf die Kirchtürme und Gebäude, deren Namen er nicht kannte. Er umfaßte ein letztes Mal die Ile Saint-Louis, die Cité und Notre Dame. Nun sah er mit einem tiefen Seufzer Paris entschwinden.
Wer schrieb hier über eine Abreise aus Paris – und Literaturgeschichte?

Romananfang 1 – Gustave Flaubert, Lehrjahre des Gefühls

Lehrjahre des Gefühls oder L’Éducation sentimentale wie der Roman im Original heißt, erschien 1869 und war nach Madame Bovary (1857) und Salammbô (1862) der dritte veröffentlichte Roman Flauberts. L’Éducation sentimentale erzählt die Geschichte eines jungen Mannes aus der Provinz, der in Paris sein Glück sucht und von Erfolg in Liebe, Beruf und Kunst in der Großstadt träumt. Geschichten von jungen Männern, die dem Ruf des Schicksals folgen und sich ins Ungewisse aufmachen, um nach vielen Abenteuern und Krisen gereift und geläutert ihren Platz im Leben zu finden, folgen dem klassischen Erzählmuster der Heldenreise, das von vielen Schreibratgebern empfohlen wird, wenn man einen „verdammt guten Roman“ schreiben will. Aber Flauberts „Held“ Frederic Moreau ist kein Held, sondern zögert und zaudert unentwegt und entwickelt sich im Laufe des Romans immer mehr zu einem abgestumpften Durchschnittsbürger.

Mit dieser Abkehr von romantischen Erzählmustern veränderte Flaubert die Literaturgeschichte nachhaltig. In den Worten des US-amerikanischen Literaturkritikers, Essayisten und Autors James Wood, dessen Wertschätzung Flauberts auf diesem Blog schon einmal zitiert wurde:

Romanautoren sollten Flaubert danken wie Dichter dem Frühling: mit ihm fängt alles wieder an. Tatsächlich gibt es eine Zeit vor Flaubert und eine Zeit nach ihm. Flaubert bestimmte maßgeblich, was die meisten Leserinnen und Autoren unter moderner realistischer Erzählung verstehen, und sein Einfluss ist fast zu vertraut, um ihn noch zu bemerken. Bei guter Prosa bemerken wir selten, dass sie das vielsagende und brillante Detail mag; dass sie ein hohes Maß visueller Erkenntnis bevorzugt; dass sie eine unsentimentale Fassung bewahrt und weiß, wann sie sich, wie ein guter Diener, überflüssiger Kommentare enthalten muss; dass sie gut und schlecht neutral bewertet; dass sie nach der Wahrheit sucht, auch auf die Gefahr hin uns abzustoßen; und dass der Fingerabdruck des Autors bei all dem paradoxerweise Spuren hinterlässt, aber nicht sichtbar ist. Manches davon kann man bei Defoe, Austen oder Balzac finden, aber vor Flaubert nicht all das.

James Wood, How Fiction Works, 2009, S. 32 (meine Übersetzung).


Gustave Flaubert (Foto: Wikipedia)

Natürlich sind diese Erzähltechniken Flauberts heute nicht mehr modern. Aber auch fast 150 Jahre nach Erscheinen der L’Éducation sentimentale machen sie den Roman vielschichtig, spannend und immer noch und immer wieder zu einem Genuss.

Der hier zitierte Romananfang stammt aus der 1981 erschienenen „insel taschenbuchausgabe 276“. Übersetzt hat Paul Wiegler.

Siehe auch
Zur Erinnerung an Gustave Flaubert (12. Dezember 1821 bis 8. Mai 1880)

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Eine Antwort auf Romananfänge – Ein literarischer Adventskalender (1)

  1. Birgit Eckert sagt:

    Hey Hr.Fischer,
    dieser Anfang gefällt mir schonmal u ich kriege Lust auf mehr…
    Danke

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