Aus aktuellem Anlass: Tigran Petrosjan als Olympiaspieler

Im Moment findet in Batumi, Georgien, die 43. Schacholympiade statt. Schacholympiaden erinnern mich immer an Tigran Petrosjan, Schachweltmeister von 1963 bis 1969. Petrosjan gilt als sehr sicherer Spieler, aber Schacholympiaden brachten eine andere Seite von ihm zum Vorschein. Er spielte aggressiver, weniger vorsichtig und seine Remisquote war deutlich niedriger als in seinen anderen Wettkämpfen und Turnieren. Bei Olympiaden zeigte er immer wieder, wie attraktiv und einfallsreich er spielen konnte. Im Karl 04/2009, dessen Schwerpunkt Petrosjan gewidmet ist, habe ich in einem Artikel einen Blick auf Petrosjans Erfolge bei Olympiaden geworfen. Aus aktuellem Anlass – der Schacholympiade in Batumi – möchte ich diese Würdigung Petrosjans hier noch einmal veröffentlichen.

Gewohnt sicher, ungewohnt aggressiv: Petrosjan als Olympiaspieler

Die Schacholympiade 1958 in München war etwas Besonderes. Nicht zuletzt deshalb, weil hier zwei spätere Weltmeister und zwei der erfolgreichsten Olympiaspieler aller Zeiten ihr Debüt gaben: Mikhail Tal und Tigran Petrosjan, die Ersatzspieler im sowjetischen Team, feierten einen glanzvollen Einstand und trugen maßgeblich dazu bei, dass die Sowjetunion am Ende mit 5,5 Brettpunkten Vorsprung klarer Sieger wurde: Petrosjan holte 10,5 Punkte aus 13 Partien, Tal 13,5 aus 15. Auch in späteren Olympiaden erwiesen sich die beiden stilistisch so unterschiedlichen Weltmeister als zuverlässige Stützen ihrer Mannschaften. Berücksichtigt man nur die Spieler, die 50 oder mehr Olympiapartien absolviert haben, dann ist Mikhail Tal prozentual gesehen der erfolgreichste Olympiaspieler aller Zeiten. In acht Olympiaden spielte er 101 Partien, von denen er 65 gewann, 34 Remis spielte und nur 2 verlor. Damit kommt er auf eine prozentuale Ausbeute von 81,2%. Auf Platz dieser Rangliste folgt Anatoli Karpow, der in 68 Olympiapartien 43 Siege erzielte, 23 Mal Unentschieden spielte und wie Tal auch nur 2 Partien verlor, womit er 80,1% der möglichen Punkte holte.

Der erfolgreichste Olympiaspieler aller Zeiten?

Tigran Petrosjan rangiert mit 79,7% Prozent „nur“ auf Rang drei, aber es spricht einiges dafür, dass ihm der Titel des erfolgreichsten Olympiaspielers aller Zeiten gebührt. Petrosjan nahm von 1958 bis 1978 an zehn Olympiaden teil und spielte dabei 129 Partien, von denen er 78 gewann, 50 remisierte und nur eine einzige verlor. Neun Mal holte Petrosjan Gold mit der sowjetischen Mannschaft, ein Mal Silber. Damit liegt er zwar nach Anzahl der Mannschaftsmedaillen knapp hinter dem Jugoslawen Svetozar Gligoric (1 Mal Gold, 6 Mal Silber, 5 Mal Bronze), aber schlägt seine sowjetischen Teamkollegen Smyslow (9 Mal Gold), Kasparow (8 Mal Gold), Tal (ebenfalls 8 Mal Gold) und Keres (7 Mal Gold mit der Sowjetunion, 1 Mal, 1939, Bronze für Estland 1939). Außerdem gewann Petrosjan sechs Mal die Goldmedaille für das beste Einzelergebnis, wobei er in dieser Rubrik allerdings hinter Kasparow (7 Mal Gold, 2 Mal Silber, 2 Mal Bronze), Smyslow (4,2,2), Tal (5,2,0), Keres (5,1,1) und Kortschnoi (4,0,3) rangiert.

Aber ob Petrosjan nun der beste oder “nur” einer der besten Olympiaspieler aller Zeiten ist, so haben die Olympiaden offensichtlich den Ehrgeiz des sonst so vorsichtigen Petrosjans geweckt. Ging es um olympische Ehren, spielte er aggressiver und unternehmender als sonst und machte weniger oft und weniger schnell Remis. Seine erste Olympiade spielte Petrosjan 1958 in München, seine letzte 1978 in Buenos Aires. Schaut man sich die Turnier- und Wettkampfpartien Petrosjans aus dem gleichen Zeitraum an, sieht man, dass er (Olympiaden nicht mitgerechnet) auf 1.064 Partien (349 Siege, 642 Unentschieden, 72 Niederlagen) kommt. Das ergibt eine Remisquote von 62%. Und viele dieser Remispartien waren keineswegs ausgekämpft: 230 der 642 Remispartien endeten bereits im oder vor dem 20. Zug Unentschieden. Petrosjans Remisquote bei den Olympiaden liegt hingegen bei 40%. Ganz abstellen konnte Petrosjan die Neigung zum Kurzremis allerdings auch bei den Olympiaden nicht und 15 seiner 50 Remispartien folgten dem im Schach zweifelhaften Motto: “in der Kürze liegt die Würze” und dauerten nicht länger als 20 Züge.

Erfrischend aggressiv

Wie auch immer: Die Extraprise Aggression, mit der Petrosjan seinen positionellen Stil bei Olympiaden würzte, taten seinem Schach gut und gerade bei der Eröffnungswahl erlaubte er sich bei Olympiaden den Luxus kalkulierten Risikos. So entschied er sich in Leipzig 1960 beim Vorrundenkampf gegen die Philippinen für die zweischneidige Polugajewski-Variante im Najdorf-Sizilianer – das erste und einzige Mal, dass Petrosjan diese Variante in der Praxis probierte.

Doch nicht nur in der Eröffnungswahl, sondern auch im Mittelspiel zeigte sich Petrosjan bei Olympiaden ungewohnt aggressiv.

Diese Partie vermittelt einen Eindruck, wie Petrosjan in Leipzig 1960 bei seiner zweiten Olympiateilnahme mit seinen Gegnern umsprang: Als zweiter Ersatzmann holte er 12 Punkte aus 13 Partien.

Verteidigen konnte er sich natürlich weiterhin gut. So gelang ihm bei der Olympiade in Warna zwei Jahre später eine typische Petrosjan-Partie: Er sieht sich einem Königsangriff ausgesetzt, den er mit einer paradoxen Schwächung der Bauernstellung kontert. Es folgen ein defensives Qualitätsopfer und ein Königsmarsch in die gegnerische Stellung.

Auch bei der der Olympiade in Havanna 1966 untermauerte Petrosjan mit einem Ergebnis von 11,5 aus 13 an Brett eins seine Stellung als offizielle Nummer Eins der Welt. Ein prestigeträchtiger Sieg gelang ihm gegen den Dänen Bent Larsen, der damals einer der besten Turnierspieler der Welt war und im Jahre 1966 bereits zwei Mal gegen Petrosian gewonnen hatte.

Die noch prestigeträchtigere Begegnung zwischen Fischer und Petrosjan fiel politisch-religiösen-individuellen Streitigkeiten zum Opfer.

“Am 5. November wurden um 16 Uhr die Uhren angestellt, aber die amerikanische Mannschaft erschien nicht. Nach Ablauf einer Stunde wurde die UdSSR zum 4-0 Sieger erklärt. Grund war ein von den sowjetischen Offiziellen abgelehnter Antrag der amerikanischen Mannschaftsführung. Man wollte den Beginn der Partie Fischer-Petrosjan um zwei Stunden verschieben, da Fischer aus religiösen Gründen zwischen Freitag und Sonnabend 18 Uhr nicht spielen würde.” (Raj Tischbierek, Sternstunden des Schachs: 30x Olympia, Berlin: Sportverlag 1993, S.87).

Doch “am 14. November wurde die Begegnung nachgeholt und endete mit einem 2,5-1,5 Sieg der Sowjetunion. Zu der Paarung Fischer-Petrosjan kam es indes nicht, der Weltmeister pausierte und wurde durch Spasski ersetzt” (Tischbierek, S.87). Diese Partie endete Remis, wobei Spasski allerdings gute Gewinnchancen hatte.

Ob Fischer froh war, nicht gegen Petrosjan spielen zu müssen, weiß man nicht. Jedenfalls hatte er eine hohe Meinung von Petrosjans schachlichen Fähigkeiten. Wie Alexander Kotow berichtet, hat Fischer ihm einmal gesagt, „wenn Petrosjan mutiger spielen würde, dann wäre er der stärkste Spieler der Welt“ (Vgl. Garry Kasparov, My Great Predecessors, III, London: Everyman 2004, S.54).

1969 verlor Petrosjan seinen Weltmeistertitel an Boris Spasski und musste bei der Schacholympiade in Siegen 1970 mit Brett zwei hinter dem neuen Weltmeister vorlieb nehmen. Mit 10 aus 14 erzielte er ein hervorragendes Ergebnis, wobei er allerdings nicht ganz so deutlich dominierte wie in den Olympiaden zuvor. In Skopje 1972 durfte Petrosjan jedoch wieder am 1. Brett Platz nehmen, denn Spasski war nach seiner Niederlage gegen Fischer im Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavik bei der sowjetischen Führung in Ungnade gefallen und nicht ins Olympiateam berufen worden. Ob Petrosjan über diese Entscheidung im Nachhinein glücklich war, weiß man nicht. Denn in Skopje erzielte er für seine Verhältnisse bescheidene 10,5 aus 16, das schlechteste Olympiaergebnis seiner Laufbahn. Zugleich erlitt er gegen Dr. Robert Hübner seine erste und einzige Niederlage bei einer Olympiade – und zudem noch eine Niederlage, die unglücklich und umstritten war.

Mit seinem letzten Zug (37…Td8xd6) überschritt Petrosjan die Zeit. Nach 38.Txa5 Tb6 nebst 39…b3 ist die Stellung Remis. Raj Tischbierek schreibt:

“Bei dem in Skopje verwendeten Uhrentyp fiel das Blättchen scheinbar eine Minute vor Ablauf der Zeit. Als Petrosjans diesbezüglicher Protest vom Schiedsrichter abgewiesen wurde, warf er die Uhr empört auf das Brett.” (Tischbierek, S. 104)

Zwei Jahre später, bei der Schacholympiade in Nizza, spielte Petrosian nur noch am vierten Brett, wo er mit 12,5 aus 14 allerdings ein überragendes Ergebnis ablieferte. Doch allzu lange sollte Petrosjans Olympiakarriere nicht mehr dauern. Die Olympiade im israelischen Haifa 1976 boykottierte die Sowjetunion aus politischen Gründen, und die Olympiade 1978 in Buenos Aires 1978 erwies sich als schwere Enttäuschung für das sowjetische Team und für Petrosjan. Das erste Mal seit der Schacholympiade 1952 landete die Sowjetunion nicht auf dem ersten Platz, sondern musste die Goldmedaille den Ungarn überlassen. Petrosjan spielte an Brett zwei und riss mit 6 Punkten aus 9 Partien ebenfalls keine Bäume aus. Besonders bitter für die Sowjets – und auch für Petrosjan selbst – war die Tatsache, dass Sowjet-Dissident Viktor Kortschnoi, Petrosjans Intimfeind, der für die Schweiz spielte, mit 9 aus 11 das beste Einzelergebnis an Brett eins erzielte. Das schlechte Abschneiden in Buenos Aires hatte Folgen: Das gesamte sowjetische Olympiateam wurde ausgewechselt und keiner der Spieler, die 1978 zur Olympiade fahren durften, war bei der Schacholympiade 1980 in Malta dabei.

Sein letzter olympischer Sieg gelang Petrosjan immerhin gegen die US-Amerikaner. Er besiegte Walter Browne in einer typischen Partie: Im Mittelspiel gerät Petrosjan leicht unter Druck, den er jedoch neutralisiert, um dann allmählich die Oberhand zu gewinnen.

Walter Browne war ein schillernder Charakter. 1949 im australischen Sydney geboren, zog er mit seinen Eltern noch während seiner Kindheit in die USA. Mit 18 brach der junge Browne die Schule ab (Zitat: „Schule ist für die Massen, nicht für das Genie.“), um Schach- und Pokerprofi zu werden. Er behauptet, mehr offene Turniere gewonnen zu haben als jeder andere Mensch. Zu Anfang seiner Karriere spielte er bei Olympiaden für Australien, später für die USA und erzielte in beiden Teams gute Ergebnisse. Browne war nicht nur für sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, sondern auch für horrende Zeitnot bekannt. Und gerade gegen zeitnotanfällige Spieler, die lieber eine Stunde nachdenken, um den wirklich besten Zug zu finden, anstatt sich nach fünf Minuten Nachdenkens für eine pragmatische Lösung zu entscheiden, erweist sich die von Petrosjan in dieser Partie angewandte Taktik des Lavierens oft als effektiv.

Obwohl sie mit dem enttäuschenden Ergebnis von Buenos Aires endete, ist Petrosjans Olympiakarriere außerordentlich eindrucksvoll. Die Frage drängt sich auf, warum er bei Olympiaden aggressiver und erfolgreicher spielte als in herkömmlichen Turnieren. Da die Stimmung in der sowjetischen Mannschaft durch Rivalität und Konkurrenzkampf geprägt war – schließlich war nie auszuschließen, dass der Mannschaftskollege von heute einem in ein, zwei oder drei Jahren beim Kampf um die Weltmeisterschaft gegenüber sitzen würde – kann man wohl ausschließen, dass Petrosjan größere Risiken als sonst einging, weil er sich in einem harmonischen Team geborgen fühlte. Im Gegenteil: Da bei Olympiaden jeder Punkt entscheiden konnte und die Konkurrenz im sowjetischen Team so groß war, musste Petrosjan sich besonders ins Zeug legen, um auch bei der nächsten Olympiade ins Nationalteam berufen zu werden. Doch genau dieser Druck hat Petrosjan zu einigen der besten Leistungen seiner Karriere inspiriert.

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