Neal Cassady: Schach und andere Leidenschaften

Neal Cassady (links) und Jack Kerouac auf dem Cover von “On the Road”

„Das Schach, manisch – er redet nicht mit mir, außer irgendwie teilnahmslos.“ Das schrieb Allen Ginsberg an Jack Kerouac über einen Besuch bei ihrem alten Freund Neal Cassady. Ginsberg und Kerouac waren führende Vertreter der Beatniks, einer kleinen Gruppe von Dichtern, Intellektuellen und Aussteigern, die sich für Jazz, Buddhismus und Literatur begeisterten und in den 1950ern und 60ern mit Drogenexperimenten und rauschhaften Reisen quer durch die USA ein neues Bewusstsein schaffen wollten. Die Gruppe war klein, aber ihr kultureller Einfluss war groß und Cassady eine ihrer zentralen Figuren.

Er lieferte das Vorbild für Dean Moriartry, der Hauptfigur in Kerouacs Kultroman On the Road und Ginsberg erklärte „N.C.“ in Howl, seinem bekanntesten Gedicht, zum „geheimen Helden“ der Verse. Ken Kesey, Autor des berühmten Buches Einer flog über das Kuckucksnest, wählte für seinen Nachruf auf Cassady den bezeichnenden Titel „The Day After Superman Died“.

Cassady kam am 8. Februar 1926 in einem Krankenhaus für Arme in Salt Lake City zur Welt. Seine Eltern befanden sich gerade auf einer Fahrt von Iowa nach Hollywood, wo Cassadys Vater, ein alkoholkranker Friseur, ein Geschäft eröffnen wollte. Cassadys Mutter starb, als Neal zehn Jahre alt war und so wuchs Neal bei seinem Vater auf, den es mittlerweile nach Denver verschlagen hatte.

Der junge Neal geriet bereits früh mit dem Gesetz in Konflikt und kam immer wieder in staatliche Erziehungsheime. Als er 14 war, erwischte ihn die Polizei beim Autodiebstahl, später kamen Kaufhausdiebstähle und Hehlerei hinzu. Doch Cassady ging auch regelmäßig in die Bibliothek und las Autoren wie Schopenhauer, Nietzsche, Proust, Shakespeare und Dostojewski. Schon als Jugendlicher lebte er rauschhaft und leidenschaftlich. Manchmal, so behauptete er, hatte er zwei oder mehr Affären pro Tag, und später brüstete er sich damit, zwischen 1940 und 1947 etwa fünfhundert Autos gestohlen zu haben – aber nicht, um sie zu verkaufen, sondern um mit ihnen ziellos, aber schnell umher zu fahren.

1946, bei einem Besuch in New York, lernte Cassady Ginsberg und Kerouac kennen, die ihn wegen seiner natürlichen Intelligenz, seiner Energie und seiner Lebenslust bewunderten. Später reiste Cassady mit den beiden mehrfach durch die USA und diese Reisen inspirierten Kerouac zu seinem berühmten Buch On the Road.


Neal Cassady (links) und Jack Kerouac auf dem Cover der Penguin Ausgabe von “On the Road”

Doch all das lag zur Zeit des Besuchs, von dem Ginsberg im oben erwähnten Brief an Kerouac berichtet, schon eine Weile zurück.

Mittlerweile hatte Cassady eine zweijährige Haftstrafe wegen des Versuchs, Marihuana zu verkaufen, hinter sich, war verheiratet, hatte drei Kinder und ging arbeiten, um für seine Familie zu sorgen.

Wenn Cassady von der Arbeit nach Hause kam, wollte er sich anders als früher nicht Ginsbergs Gedichte anhören oder nächtelang über Philosophie, Jazzmusik und das Leben diskutieren, sondern vor allem mit seinem Nachbarn Schach spielen. Vielleicht empfand Cassady das Schach auch als Möglichkeit, latenten Spannungen mit seiner Ehefrau Carolyn, die er 1947 in Denver kennengelernt hatte, aus dem Weg zu gehen. Doch Ginsbergs Besuch verschärfte die Spannungen womöglich noch: denn der homosexuelle Ginsberg war in Cassady verliebt und hatte in den vergangenen Jahre immer wieder sexuelle Kontakte zu ihm unterhalten. Aber während seines Besuchs half er Carolyn im Haushalt, ging mit ihr ins Kino und spielte mit den Kindern.

Ein langes Leben war Cassady nicht vergönnt, er starb vier Tage vor seinem 42. Geburtstag, am 4. Februar 1968. Cassady wollte in Mexiko einen alten Freund besuchen und geriet auf dieser Reise zufällig in eine Hochzeitsfeier, auf der zahlreiche Drogen und viel Alkohol zu sich nahm. Doch trotzdem wollte er seine Reise unbedingt fortsetzen und nachts, zu Fuß und nur mit Jeans und T-Shirt bekleidet, zum nächsten Dorf marschieren. Den Weg in der Dunkelheit wollte er finden, indem er den Bahngleisen folgte. Doch das war selbst für Cassadys robuste Natur zu viel und er brach irgendwann im Laufe der Nacht auf den Bahngeleisen zusammen und fiel ins Koma. Als er am nächsten Morgen gefunden und ins Krankenhaus gebracht wurde, kam jede Hilfe bereits zu spät. Cassady starb noch am gleichen Tag, wahrscheinlich an Unterkühlung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.