Entdeckungen: „Die stille Saison eines Helden“

Die stille Saison eines Helden ist eine Anthologie mit den „besten amerikanischen Sportgeschichten“, herausgegeben und übersetzt von Dominik Fehrmann. Der Band präsentiert neun Artikel über Sport und Sportler und lädt dazu ein, Entdeckungen zu machen. So hatte ich noch nie von Ricardo Alonso Gonzalez gehört, dem „Einsamen Wolf des Tennis“ über dessen Karriere und Leidenschaft für schnelle Autos der amerikanische Sportjournalist Dick Schaap berichtet. Gonzalez war, so steht es in der Wikipedia, „über einen Zeitraum von 25 Jahren (1948 bis Ende 1972) … ein Weltklassespieler, und galt seit Anfang 1954 bis Mitte 1960 als der beste Spieler der Welt, länger als jeder andere zuvor und danach. Insofern darf er“, so die Wikipedia, „neben Bill Tilden, Rod Laver, Pete Sampras, Roger Federer und Rafael Nadal zu den besten Tennisspielern aller Zeiten gezählt werden.“

In der Titelgeschichte Die stille Saison eines Helden entwirft Gay Talese ein Porträt der amerikanischen Baseball-Legende Joe DiMaggio, in dem man erfährt, dass DiMaggio nicht nur mit Marilyn Monroe verheiratet war, sondern nach seinem Rückzug vom Baseball auch Karriere als Geschäftsmann machte.

Woody Allen ist nicht als Sportjournalist, sondern als Filmregisseur berühmt geworden, aber in diesem Band verrät er seine Bewunderung für den Basketballspieler Earl „The Pearl“ Monroe, eine Legende der New York Knicks. Eigentlich wollte Allen für sein Porträt auch ein ausführliches Interview mit seinem Idol führen, was aber daran scheiterte, dass Monroe zum vereinbarten Termin einfach nicht gekommen ist –Allen interviewte stattdessen Monroes Ehefrau.

Warum der Basketballer das Interview mit Allen verpasst hat, erklärt Monroe in einem anrührenden anderen Interview, das man bei youtube findet, und in dem Monroe unter Tränen auch von dem letzten Treffen mit seiner Mutter berichtet, die in seinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Monroe als Basketballer kann man bei youtube natürlich auch bewundern.

Neben Tennis, Baseball und Basketball versammelt Die stille Saison eines Helden auch Geschichten über Boxen, Football und Pferderennen. Doch wie der Klappentext zu Recht verspricht, „sind die Texte … keine schnöde Spielberichtserstattung, sondern … reich an lebendigen Figuren und spannenden Geschichten. Hier geht es … vor allem aber um Menschen und ihre Träume, um Triumphe und Tragödien, gefallene Helden und enttäuschte Hoffnungen. Um all das also, wovon gute Literatur handelt“.

Besonders gelungen sind solche Reportagen, wenn sie über Sport berichten und zugleich von Mentalität, Geschichte und Kultur eines Landes erzählen. Wie in Gary Smith’ „Schatten eines Volkes“, einem brillanten Bericht über das Schicksal der Crow-Indianer und ihrer Leidenschaft für Basketball. Gary Smith, so weiß ich jetzt, gilt vielen als einer der besten amerikanischen Sportjournalisten und als einer der besten Zeitschriftenjournalisten überhaupt – für mich war er eine Entdeckung, eine der vielen in Die stille Saison eines Helden.


Die stille Saison eines Helden
Herausgegeben und übersetzt von Dominik Fehrmann
200 Seiten, erschienen bei Steidl, 1. Auflage 10/2017, Preis: €18,00

Siehe auch
Mehr als Sport: David Foster Wallace über Roger Federer
Radfahren literarisch: Elmar Schenkels „Cyclomanie“
Radfahren extrem: Juliana Buhring „Mein Weltrennen“

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