Zufällige Zitate: Aus Karen Duves „Taxi“

teaser_cover„Der Trendforscher hatte sich mit der zunehmenden Vereinzelung der Westeuropäer beschäftigt und vorausgesagt, dass sich in den Großstädten demnächst nach Geschlechtern getrennte Stadtteile herausbilden würden, in denen entweder nur noch Single-Frauen oder Single-Männer leben würden. Die Single-Frauen würden in schnuckeligen kleinen Stadtteilen wie Eppendorf oder Eimsbüttel wohnen. Sie würden Rüschengardinen an den Fenstern ihrer Altbauten anbringen, und es würde Cafés und Buchläden geben und Geschäfte, in denen man hübschen sinnlosen Krimskrams kaufen konnte. In den Männer-Stadtteilen würden Zweckbauten stehen – ohne Rüschengardinen. Statt Buchläden und Cafés würde es Kneipen und Fast-Food-Ketten geben und mindestens eine Sportarena. Was der Trendforscher bei seinen Prognosen aber noch nicht berücksichtigt hatte, war, dass die Männerstadtteile unter einer fortschreitenden Verslummung zu leiden haben würden. Ich dachte das für ihn zu Ende: Der Dreck bei den Männern würde kniehoch in den Straßen liegen. Bei den Frauen würde sogar das Laub zusammengeharkt, in kleine Stoffbeutel gefüllt und mit Samtschleifen in den neuesten Herbstmodefarben zugebunden und an den Straßenrand gestellt. Die Frauen würden auch große Plüschtiere auf die Verkehrsinseln setzen und niemand würde sie wegnehmen, außer wenn zufällig einmal ein randalierender Mann herüberkäme. Wahrscheinlich würden die Frauen das Elend in den Männerslums irgendwann nicht mehr mit ansehen können und sie würden freiwillige Putzkolonnen hinüberschicken. Die Putzkolonnen müssten dann weiße Sicherheitsanzüge tragen wie nach einem Reaktorunfall, und wenn sie aus den Männerstadtteilen zurückkämen, müssten sie zuerst durch eine Schleuse mit Desinfektionsduschen. Diese Desinfektionsschleusen zwischen den Stadtteilen wären überhaupt wichtig, damit die Männer nicht ihr ganzes Ungeziefer und ihre Bakterien mit in die kleine pastellfarbene Welt der Frauen trügen. Ich überlegte, in welchen Stadtteilen das Leben grässlicher wäre, und konnte mich nicht entscheiden.“
Karen Duve, Taxi, Frankfurt am Main, Eichhorn 2008, S. 76-77.

Karen Duve wurde 1961 in Hamburg geboren und zählt zu den erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. In Taxi erzählt sie mit viel schwarzem Humor und äußerst unterhaltsam von den Erlebnissen einer Taxifahrerin in Hamburg. Duve weiß wovon sie schreibt. Sie arbeitete selbst 13 Jahre als Taxifahrerin in der Hansestadt.

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