Der Literaturwissenschaftler als Romanheld

cover_225Denke ich an mein Studium zurück, erinnere ich mich besonders gerne an das Seminar „Der Literaturwissenschaftler als Romanheld“. Ein schöner Titel, ein ergiebiges Thema. Dozent war Dirk Vanderbeke, mittlerweile Professor für Anglistik an der Universität von Jena. Wir besprachen so unterschiedliche Bücher wie den unterhaltsamen Campusroman Small World von David Lodge, Robert M. Pirsigs Klassiker Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten, den ich mit 16 begeistert verschlungen hatte, aber beim zweiten Lesen enttäuschend fand, Italo Calvinos elegantes und überaus witziges Wenn ein Reisender in einer Winternacht… oder Pale Fire von Vladimir Nabokov, ein schwer zugängliches elaboriertes literarisches Versteckspiel. Einmal auf das Seminarthema aufmerksam geworden, stößt man übrigens auf erstaunlich viele Bücher mit Literaten oder Literaturwissenschaftlerinnen als Hauptfigur. Ein aktuelles Beispiel liefert das vor kurzem erschienene Krimidebüt Die Akademiemorde des schwedischen Autors Martin Olczak.

Schweden, Akademiemorde, Literaturwissenschaft – man ahnt, hier spielt der Nobelpreis eine Rolle. Und hat richtig kombiniert. Ausgangspunkt des Romans ist eine Mordserie an den Mitgliedern des Nobelpreiskomitees, die über die Vergabe des bedeutendsten Literaturpreises der Welt entscheiden. Ermittelnde Kommissarin ist Claudia Rodriguez, eine Figur wie aus dem Modellbaukasten für Kriminalautoren. 1979 mit ihren Eltern aus Chile nach Schweden gekommen, eigensinnig, attraktiv und als Frau mit chilenischen Wurzeln eine Fremde in der schwedischen Polizei, dazu noch eine Einzelgängerin, die sich gerne über Regeln hinwegsetzt. Ein charakteristisches Merkmal, das ihr der Autor verleiht, besteht in ihrer Leidenschaft für Motorräder, die sie gut und gerne schnell fährt, das obligate tragische Erlebnis in ihrem Leben ist der Unfall ihres Freundes, der bei einer Polizeiaktion angeschossen wurde und seit über einem Jahr im Krankenhaus liegt und künstlich am Leben erhalten wird. Interessante Eigenschaften, die der Roman im weiteren Verlauf der Handlung jedoch nicht vertieft.

Denn in Die Akademiemorde geht es nicht um Charakterentwicklungen, sondern um Spannung und Literatur. So stößt Rodriguez bei ihrer Suche nach dem Mörder der Mitglieder des Nobelpreiskomitees bald auf jede Menge literarischer Verweise. Schon bald ist ihr klar, dass eine wichtige Person im Polizeiteam fehlt: ein Literaturwissenschaftler. Zufällig kennt sie eine solche Person, einen alten Liebhaber: Leo Dorfman, ein Antiquar, der so arm ist, dass er in seinem Laden schläft, immer mit der Angst, dabei von seiner Vermieterin entdeckt zu werden.

Doch Dorfman bleibt nicht lange im Fahndungsteam, denn durch interne Machtkämpfe in der Ermittlungskommission wird Claudia Rodriguez der Fall bald entzogen – mit der ausdrücklichen Anweisung, sich aus dem Fall herauszuhalten. Daran hält sie sich natürlich nicht, sondern verfolgt mit Dorfman weiter Spuren, die die Polizei nicht ernst nimmt. Eine gute Entscheidung der rebellischen Kommissarin, denn eine zentrale Rolle bei der Mordermittlung spielt eine bedeutende Figur der literarischen Welt: August Strindberg. So ereignen sich die Morde nicht zufällig im Mai 2012, unmittelbar vor dem 100-jährigen Todestag des schwedischen Dramatikers, der am 14. Mai 1912 in Stockholm gestorben ist. Strindberg gilt als einer der produktivsten, einflussreichsten und wichtigsten schwedischen Autoren gilt, trotzdem ging er wie so viele andere bedeutende Schriftsteller bei der Vergabe des Nobelpreises immer leer aus – was den streitbaren Dramatiker sehr erbittert hat.

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August Strindberg (Foto: Wikipedia)

Literaturwissenschaftler Dorfman weiß solche Dinge natürlich. Und während der Täter ein ums andere Mal beweist, wie raffiniert er ist und wie tief sein Zorn auf die Mitglieder des Nobelpreiskomitees sitzt, die er umbringt, obwohl sie unter starkem Polizeischutz stehen, kommt das verfemte Ermittlerpaar durch das enzyklopädische literarische Wissen von Antiquar Dorfman dem Mörder schneller auf die Spur als die Polizei. Die Mörderjagd auf den Spuren Strindbergs gipfelt schließlich im obligaten Showdown und einer weniger obligaten überraschenden Wendung am Schluss des Romans.

All das ergibt einen zwar konventionell konstruierten, aber spannenden und unterhaltsamen Krimi, bei dem man nebenbei viel über die Vergabe des Nobelpreises erfährt. Noch viel mehr jedoch über das Leben von Strindberg und die zahlreichen literarischen Fehden, die er im Laufe seines Lebens ausgefochten hat. Und das ist eigentlich spannender und interessanter als die Frage, wer denn nun der Mörder ist, oder ob und wie es Claudia Rodriguez gelingt, ihre Feinde im Polizeiapparat zu besiegen oder ob Leo Dorfman und Claudia Rodriguez trotz aller Gegensätze noch einmal zueinander finden. Die Chancen dafür stehen allerdings nicht schlecht, denn die beiden haben sowohl das Zeug zum Liebes- als auch zum Ermittlerpaar. Tatsächlich kann man ihnen eine gemeinsame glückliche und produktive Zukunft nur wünschen. Denn dann darf man sich auf weitere Krimis Olczaks mit einem Literaturwissenschaftler als Romanheld freuen.

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Martin Olczak
Die Akademiemorde
Roman
Originaltitel: Academi Morden
Originalverlag: Norstedts
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs

Deutsche Erstausgabe
Paperback, 480 Seiten
ISBN: 978-3-442-74729-0
12,99 Euro, [D]; 13,40 Euro [A]; 18,90 CHF

Verlag: btb

Klappentextinformationen über Martin Olczak

Martin Olczak, geboren 1973, wohnt in Stockholm. Er stöbert leidenschaftlich gerne in Archiven, wo er sich auf die Suche nach geheimnisvollen Geschichten und spannenden Geschehnissen macht. Er ist einer der bekanntesten Jugendbuchautoren Schwedens. Die Akademikermorde ist sein erster, in Schweden gefeierter Roman für Erwachsene.

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