Schüttelreim und Schachgedicht

Erich Mühsam (Foto: Wikipedia)

Erich Mühsam (Foto: Wikipedia)

“Wer dichten will, der täte gut, er macht’ es so, wie Goethe tut!” lautet ein Schüttelreim des deutschen Dichters, Anarchisten und politischen Aktivisten Erich Mühsam (geboren am 6. April 1878 in Berlin, gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg). Ob Mühsam mit diesen Zeilen seinen eigenen Rat befolgt, ist nicht wirklich wichtig, denn Schüttelreimer wollen vor allem mit der Sprache spielen. Sie mögen leichte oder auch nicht so leichte Bonmots und waghalsige Wort- und Satzkonstruktionen sind ihnen lieber als lähmend schwerer Inhalt. Bereitwillig opfern sie dem geliebten Reimschema Sinn und Tiefe. Das sieht man auch in dem folgenden Schachgedicht von Curt Peiser, einem großen Virtuosen der Gattung.

Schachmeisterschaft
Berliner Illustrierte Zeitung 1925

Das Schachspiel, das vom Brette winkt,
uns Freuden um die Wette bringt:
man kommt sich dran als Herr vor!
Dem einen beut das Schieben Lohn,
und and’re wieder lieben schon
den Kampf um Burg und Sperrfort.

Man schiebt mit raschem Finger dort
die hübsch geschnitzten Dinger fort,
indem man klug den Stein lenkt;
doch als der größte Meister gilt,
wer seines Heeres Geister mild
nach Kampf zum Siege einlenkt.

Das schönste Spiel uns Lasker bot,
der feurig wie ein Basker loht,
ihm lacht der Menge Beifall;
spielt nicht der Meister Rubinstein
so sauber und so stubinrein,
daß man in Schwärmerei fall’?

Am Schachbrett auch der Sämisch hängt
und alle Gegner hämisch senkt
er in den Grund – wie Rheinlachs!
Stets rang der wack’re Spielmann zäh,
wie zu des Sieges Ziel man späh’,
spielt er auch mal zum Schein lax.

Man staunt, wie sich der Reti plagt
der über Krethi-Plethi ragt
wie übers Haus der Luftschacht:
Wenn er durchs Brett den Springer zwängt
und seines Feindes Zwinger sprengt,
vergnügt sogar der Schuft lacht!

Ein jeder auf der Lauer bebt,
wie lang ihm Turm und Bauer lebt,
kühn kämpft er wie die Rothaut;
bis vis-à-vis der starke Held
ihm zeigt, wie man ‘ne Harke stellt
und auf dem Brett ihn tothaut!

Natürlich sind diese Zeilen ziemlich sinnfrei. Aber es macht Spaß zu sehen, wie Peiser dem Thema Schach unverdrossen und gut gelaunt Zeile um Zeile immer neue Schüttelreime abringt und wie ihm dabei das Kunststück gelingt, bekannte Schachmeister ins Spiel zu bringen.

Entdeckt habe ich dieses nette Gedicht auf der Seite Schüttelreis von Jürgen Rehm, die sich ausführlich und mit sichtlichem Vergnügen dem Schüttelreim widmet. Gleich auf der Startseite gibt Rehm einen guten Rat im Duktus seiner Zunft:

Wenn dich deine Plagen kratzen,
und dir alle Kragen platzen,
schimpf’ doch nicht so hitzig weiter,
bleib’ gelassen, witzig, heiter!

Über Curt Peiser, den Verfasser des oben zitierten Schachgedichts, weiß man nur wenig. Er nannte sich selbst  „Tom der Schüttelreimer“ und Manfred Hankes Buch Die Schüttelreimer, aus dem Rehm auf seiner Seite zitiert, macht über ihn die folgenden knappen biographischen Angaben:

„‚Tom der Schüttelreimer’ war der Breslauer Kaufmann Curt Peiser vom Jahrgang 1877, ein vielseitig begabter, sprachverspielter Mann, der uns auch einige der besten deutschen Limericks schenkte, die „Tante aus Tehuantepec“ in der frühesten Fassung zum Beispiel. Manch Aufgezeichnetes von ihm ist überkommen, seine Schüttelreime sind es, als Sammlung zumindest, nicht. … Peiser war … Jude; sein Auskommen bezog er aus einem Großhandel mit Büroartikeln in Breslau. Jahrelang hatte Peiser alle Warnungen der Freunde in den Wind geschlagen; der in literarischen Zirkeln hochangesehene Mann hielt sich für ungefährdet, obgleich er schon seit 1932 geschäftlich boykottiert wurde. Sein Hauptlieferant saß im thüringischen Zella-Mehlis, wo die Nationalsozialisten damals bereits das Heft in der Hand hatten. Er mußte verstummen und wurde schließlich ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. In letzter Minute gelang es bürgenden Freunden doch noch, eine Auswanderung einzuleiten. 1939 zog der herzkranke Mann über die Schweiz und Italien nach Indien. Er starb in Bombay am 10. März 1942.“

Manfred Hanke, Die Schüttelreimer – Bericht über eine Reimschmiedezunft, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1968, S.43-45.

Weitere, teilweise sehr gelungene, Schüttelreime findet man bei Wikiquote.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.