Zu viel des Guten: Robert Wilsons „Stirb für mich“

cover_225Eigentlich sind die Romane Robert Wilsons ein Garant für spannende Unterhaltung, wenn auch fast immer mindestens fünfzig Seiten zu lang. Mein Wilson-Debüt war Tod in Lissabon, 2002 auf Deutsch erschienen, ein komplizierter, gut konstruierter Thriller um portugiesische und deutsche Geschichte und eine echte Entdeckung. Wirklich Furore machte Wilson dann wenig später mit Der Blinde von Sevilla (2003), dem ersten Band einer vierbändigen Reihe um Chefinspektor Javier Falcon aus Sevilla. Vor kurzem erschien jetzt Wilsons neuestes Buch Stirb für mich, das es im Oktober auf Platz 7 und im November auf Platz 4 der Krimibestenliste der ZEIT schaffte. Auch in diesem Roman zeigt Wilson die Stärken seiner früheren Bücher. Aber trotzdem.

Held des Buches – zumindest zeitweise – ist Charles Boxer, ehemaliger Soldat, ehemaliger Polizist, jetzt jedoch Vermittler bei Entführungen und Geiselnahmen, „Spezialist für die ganz harten Fälle“, wie es im Klappentext heißt. Boxer verhandelt mit Erpressern, betreut die Erpressten, hält Verbindung zur Polizei und sorgt für reibungslose Geldübergabe und Geiselaustausch. Später versucht er dann, die Entführer aufzuspüren und für das zu sorgen, was er für Gerechtigkeit hält.

Boxer bekommt Arbeit, als Alyshia D’Cruz entführt wird, die Tochter des überaus charismatischen indischen Unternehmers und Milliardärs Frank D’Cruz. Ein heikler Fall, denn der ehemalige Gangster, Filmstar und Goldschmuggler hat nicht nur viel Geld und viele Feinde, sondern auch viele Verbindungen zu einflussreichen Menschen aus Politik und Unterwelt.

Als wären das nicht genug tatsächliche und potenzielle Probleme verliebt sich Boxer, der als Unterhändler eigentlich zu strikter Neutralität verpflichtet ist, in Isabel Marks, die Mutter der Entführten und Ex-Frau von Frank D’Cruz. Außerdem gibt es noch Mercy, die Ex-Frau von Boxer. Sie ist Polizistin und soll, wie es der Zufall so will, mit ihrem Ex-Mann zusammenarbeiten, um das Entführungsopfer heil nach Hause zu bringen und die Entführer dingfest zu machen. Eine in mehr als einer Hinsicht prekäre Situation. Vor allem, da Boxer und Mercy noch Probleme mit ihrer eigenen Tochter Amy haben, die sich in kriminelle Geschäfte verstrickt.

Denn Amy fühlt sich von ihren Eltern vernachlässigt, vor allem von ihrem Vater, der sich in ihrer Kindheit und Jugend kaum um sie gekümmert hat, weil er zu beschäftigt war, in den weniger appetitlichen Ecken der Welt wochen- und monatelang mit Entführern zu verhandeln und Geiseln zu befreien.

Doch all diese schönen Dramen werden in dem Roman nur angerissen, aber nicht vertieft. Dazu ist auch trotz der 528 Seiten, über die sich die Handlung von Stirb für mich erstreckt, gar keine Zeit, denn der Plot des Romans verästelt und verzweigt sich in viele Richtungen – von denen nicht jede logisch und überzeugend wirkt.

Einer der Erzählstränge des Romans widmet sich dem Entführungsopfers Alyshia, die von ihrem Entführer gezwungen wird, in langen Gesprächen Seelenforschung zu betreiben und dabei viel über sich und ihre Eltern erkennt und verrät , darunter so manch dunkles Geheimnis ihres Vaters. Im Verlauf der Befragung Alyschias erfährt der Leser allerdings auch, dass die junge Dame – intelligent, attraktiv und reich wie sie ist – natürlich jede Menge Verehrer hat, die ihr allerdings alle nicht gefallen haben. Bis auf einen, der sie wirklich liebt und sich im späteren Verlauf des Romans ganz besonders ins Zeug legt, um Alyschia zu retten.

Ein weiterer Erzählstrang schildert den Versuch der beiden Kleinkriminellen Dan und Skin, die bei der Entführung geholfen haben, sich noch engagierter an der Entführung zu beteiligen, um auf diesem Wege schnell und richtig reich zu werden, was im kriminellen Milieu bekanntlich nur selten ohne Risiko und Kollateralschäden möglich ist.

Und natürlich darf auch die Politik nicht fehlen. So hat Frank D’Cruz jede Menge Freunde und Feinde, darunter Leute, die früher Gold geschmuggelt haben, um sich später darauf zu verlegen, Heroin aus Afghanistan zu schmuggeln, was natürlich nicht ohne die Beteiligung von Terrororganisationen wie Al Qaida et al funktioniert – und alle mischen sich irgendwann und irgendwie in die Entführung ein und wollen davon profitieren oder sich einfach nur an Frank D’Cruz rächen. So wundert es nicht, dass der Roman bis zum dramatischen Finale immer neue Wendungen nimmt und alle beteiligten Parteien und Personen sich gegenseitig zu hintergehen, zu erpressen, zu betrügen oder zu bekämpfen scheinen.

Erstaunlich ist, dass es Wilson schafft, viele Figuren dieses doch recht bunten Ensembles interessant zu gestalten. Ja, all das, was ihn zu einem so guten Krimiautor macht, sieht man auch in Stirb für mich. Glaubwürdig zeichnet er gebrochene und ambivalente Figuren mit vielen Facetten, sorgt mit überraschenden Wendungen für Spannung und Tempo, beherrscht die Kunst des Dialogs und der treffenden Beschreibung. Aber in Stirb für mich ist Wilson so beschäftigt damit, immer neue Figuren und Konstellationen zu entwickeln, dass der Roman sich schließlich im Knäuel seines Plots verirrt und Schwung und Spannung verliert.

So wünscht man sich irgendwann, Wilson hätte all die vielen guten Ideen nicht in einen einzigen Roman gepackt, sondern Plot und Personal reduziert, um seinen Qualitäten als Krimiautor mehr Raum zu geben. Weniger wäre wirklich mehr gewesen.

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Robert Wilson, Stirb für mich
Page & Turner, 544 Seiten, 14,99 Euro
Deutsch von Kristian Lutze

Über den Autor verrät der Klappentext Folgendes:

Robert Wilson, 1957 in England geboren, studierte an der Universität von Oxford. Zusammen mit seiner Frau lebt er abwechselnd in England, Spanien und Portugal. Spätestens seit dem Roman „Tod in Lissabon“, für den er den Gold Dagger Award und den Deutschen Krimi-Preis erhielt, wird er als „einer der besten Thrillerautoren der Welt“ (The New York Times) gefeiert.

Mehr zum Autor und seinen Büchern unter www.robert-wilson.eu.

Interview mit Robert Wilson über Stirb für mich

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