Partie des Monats: September 2015

karjakinIm September stand die Schachwelt ganz im Zeichen des World Cups, der vom 10.9. bis 5.10. in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, stattfand. 128 Teilnehmer, darunter fast die gesamte Weltelite, kämpften im K.O.-System um den Turniersieg, einen Platz im Kandidatenturnier 2016 und eine Menge Preisgeld. Dem Sieger winkten 120.000 US-Dollar – abzüglich Steuern. Gewonnen hat sie der 25-jährige Sergey Karjakin, der im August 2002 im Alter von zwölf Jahren und sieben Monaten jüngster Großmeister aller Zeiten wurde – ein Rekord, den er immer noch hält.

Karjakin setzte sich in einem dramatischen Finale im Tiebreak am Ende im Blitzen gegen Peter Svidler durch. Es war ein Finale, das sowohl Kritikern als auch Befürwortern des K.O.-Systems reichlich Argumente für ihre jeweiligen Positionen gab. Denn der Tiebreak bot zwar Spannung und Drama und war für Zuschauer, die die Partie live im Internet verfolgten, ein aufregendes Schachspektakel, aber die meisten Partien wurden nicht durch gutes Spiel, sondern durch Nervosität, Müdigkeit und grobe Fehler entschieden. Als Spektakel mag das in Ordnung sein, doch die Frage, wer der beste Schachspieler der Welt ist, sollte man anders beantworten.

Aber dennoch hat Karjakin den World Cup verdient gewonnen – obwohl er viel Glück hatte und andere Teilnehmer souveräner spielten. So kam Karjakin in Baku in 16 Partien mit klassischer Bedenkzeit auf eine Gesamtbilanz von 6 Siegen, 3 Niederlagen und 7 Remis. Pavel Eljanov hingegen verlor keine einzige Partie mit klassischer Bedenkzeit und kommt in 12 Partien auf eine Bilanz von 7 Siegen und 5 Remis.

Aber Karjakin hatte in den entscheidenden Momenten die besten Nerven.

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Sergey Karjakin (Foto: Turnierseite Baku)

In mehr als einem Wettkampf lag er zurück, doch immer, wenn er eine Partie gewinnen musste, schaffte er das auch, nicht zuletzt im Finale, als er schon 0:2 zurück lag und sich nur mit zwei Siegen in Folge in den Tiebreak retten konnte.

Doch die erste dieser Krisen für Karjakin kam schon viel früher, in Runde zwei, beim Wettkampf gegen Alexander Onischuk. Karjakin war als Favorit in dieses Match gegangen, aber in der ersten Partie hatte er mit Schwarz allzu energisch auf Gewinn gespielt und verloren. In der zweiten Partie musste er also mit Weiß unbedingt gewinnen, um nicht vorzeitig auszuscheiden. Dieses Mal wählte er eine andere Strategie als in der ersten Partie.

Anstatt eine riskante, zweischneidige Stellung anzustreben, in der beide Seiten Fehler machen können, begnügte sich Karjakin mit dem angenehmeren Spiel in einer objektiv ausgeglichenen Stellung mit hoher Remistendenz. In dieser Stellung setzte er Onischuk allmählich immer stärker unter Druck – und bekam nach einer Ungenauigkeit des Schwarzen plötzlich Gewinnchancen, die er im weiteren Verlauf der Partie souverän nutzte.

Eine bemerkenswerte Partie. In einer fast ausgeglichenen und auf den ersten Blick harmlos wirkenden Stellung verschaffte sich Karjakin durch zielstrebiges Spiel Gewinnchancen, obwohl Schwarz keinen offensichtlichen Fehler gemacht hat. Diese Partie ist typisch für Karjakins Spiel im World Cup. Wenn er gewinnen musste, blieb er geduldig und suchte nicht panisch nach Komplikationen, sondern nach Möglichkeiten, seinen Gegner unter Druck zu setzen. Karjakins ausgezeichneten Fähigkeiten im Endspiel, seine gute Technik und seine Ruhe in kritischen Situationen brachten ihm gegen Onischuk den notwendigen Punkt – und später auch den Sieg im World Cup.

Siehe auch: Partie des Monats: August 2015

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