Carlsen kann auch kreativ

Manchmal kann Magnus Carlsen (Foto: © Lennart Ootes) einem fast Leid tun. Im Juni 2010 war der 1990 geborene Norweger erstmals die Nummer eins der Schachwelt, als jüngster Spieler aller Zeiten. Seit Juli 2011 führt Carlsen die Weltrangliste ohne Unterbrechung an, 2013 wurde er Weltmeister, seitdem hat er den Titel zwei Mal verteidigt. Aber Kritiker finden immer wieder ein Haar in der Suppe.

Allerdings machen sich im Moment auch Carlsen-Fans Sorgen um die Form des Meisters. Denn seit einem Jahr dominiert der Norweger nicht mehr so wie früher. Sein letztes Turnier gewann Carlsen im Juli 2016 in Bilbao. Dann folgte im November in New York der Weltmeisterschaftskampf gegen Sergey Karjakin, in dem Carlsen am Anfang zwar deutlich besser spielte, aber am Ende froh sein musste, mit einem 6-6 in den Tie-Break zu kommen. Da allerdings ließ er seinem Herausforderer Karjakin nicht den Hauch einer Chance.

Im Januar 2017 musste Carlsen dann beim Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee mit Platz zwei hinter Wesley So vorlieb nehmen, und im April teilte er sich bei den Grenke Classic in Baden Baden die Plätze zwei und drei mit Fabiano Caruana, während Levon Aronian das Turnier souverän gewann.

Richtig schlimm für Carlsen wurde es dann im Juni beim Norway Chess Turnier. Carlsen landete auf dem neunten Platz und erstmals seit langer Zeit war sein Platz als Nummer eins der Weltrangliste in Gefahr. In der aktuellen Weltrangliste vom 1. Juli liegt er nur noch zehn Punkte vor Vladimir Kramnik und zwölf Punkte vor Wesley So, so nahe waren die Verfolger schon lange nicht.

Doch mit verkürzter Bedenkzeit ist Carlsen nach wie vor eine Klasse für sich. Das bewies er Mitte Juni und Anfang Juli bei den Blitz- und Schnellschachturnieren der Grand Chess Tour in Paris und im belgischen Leuven. Carlsen gewann beide Turniere, in Paris im Stichkampf gegen Maxime Vachier-Lagrave, in Leuven souverän mit großem Vorsprung.

Doch wenn Carlsen erfolgreich spielt, bemängeln Kritiker gerne die Art, wie diese Erfolge zustande kommen: er spiele einfallslos, trocken und technisch und warte nur auf Fehler des Gegners. Angesichts der vielen schönen Siege Carlsens eine schwer nachvollziehbare Kritik. Und beim Blitzturnier in Leuven zeigte Carlsen einmal mehr, wie kreativ er spielen kann – vor allem in einer denkwürdigen Partie gegen Maxime Vachier-Lagrave.

Ich glaube, jeder Schachspieler der Welt wäre stolz, wenn er diese Partie mit langer Bedenkzeit gespielt hätte. Dass solche Partien auf Top-Niveau bei langer Bedenkzeit selten sind, steht auf einem anderen Blatt.

Siehe auch:

Aus aktuellem Anlass: Wie inspiriert spielt Carlsen?

Eine Antwort auf Carlsen kann auch kreativ

  1. Gerhard sagt:

    Diese Partie ist sicher eindrucksvoll.
    Erstaunlich für mich, daß er neuerdings nicht mehr so stark von sich selbst überzeugt zu sein scheint. Aronian und andere spielen jetzt um einiges selbstbewusster gegen ihn auf als früher.
    Fürs Schach ist das gut, denn wie kann man selbst als starker Spieler gegen jemand antreten, den man für unfehlbar und allwissend hält.

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