Souverän: Hikaru Nakamura im ersten Halbjahr 2015

nakamura_teaserHikaru Nakamura Schach spielen zu sehen, ist ein Erlebnis. Er überrascht mit Eröffnungen wie 1.e4 e5 2.Dh5!? und spielt stets erfrischend kämpferisch, einfallsreich und auf Gewinn. Doch vor allem spürt man seinen Kampfgeist. Beim Blitz beeindruckt seine Schnelligkeit, beim klassischen Schach sein Mienenspiel. Am Montag, den 15. Juni 2015, gibt sich der in Japan geborene Amerikaner wieder die Ehre und tritt beim Norway Chess Turnier, einem der stärksten Turniere des Jahres, in den Ring. Nakamura geht als Vierter der Weltrangliste und damit als Vierter der Setzliste ins Rennen. Zugleich startet Nakamura das erste Mal in seinem Leben mit einer Elo-Zahl von über 2800 Punkten. Die verdankt er einer Reihe von Erfolgen in der ersten Hälfte des Jahres. Er wirkte dabei ruhiger und souveräner als je zuvor.

Allerdings hatte das Jahr 2015 gar nicht gut begonnen. Im Januar lag Nakamura mit einer Zahl von 2776 auf Platz neun der Weltrangliste und war damit auch die Nummer eins der USA. Doch das änderte sich im Februar, als Wesley So in der Weltrangliste an Nakamura vorbeizog. So, der aus den Philippinen stammt, aber 2014 zum amerikanischen Verband gewechselt war, hatte im Januar oft und erfolgreich gespielt und konnte sich so mit einer Elo-Zahl von 2788 im Februar plötzlich auf Rang eins der amerikanischen Rangliste katapultieren.

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Nakamura bei der Chess Challenge Zürich (Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite)

Aber nur kurz. Denn beim Gibraltar Open, das am 5. Februar zu Ende ging, zog Nakamura wieder an So vorbei. Nakamura gewann das stark besetzte Turnier mit 8,5 aus 10. Eine Woche später startete er bei der Zürich Chess Challenge, in der sechs der besten Spieler der Welt mit klassischer Bedenkzeit, im Schnellschach und im Blitz gegeneinander antraten. In Zürich musste Nakamura gegen Vishy Anand zwar seine bislang einzige Niederlage im klassischen Schach 2015 hinnehmen, aber am Ende entscheid Nakamura das Turnier für sich, weil in Zürich nicht die Wertung zählte, sondern eine Armageddon-Blitzpartie gespielt wurde. In der gewann Nakamura gegen Anand.

Im April wurde Nakamura dann in St. Louis nach 2005, 2009 und 2012 zum vierten Mal US-Meister. Ein schöner Prestigeerfolg, mit dem Nakamura seine Stellung als Nummer eins der USA bestätigte, doch das für Nakamura wichtigste Turnier des Jahres kam erst im Mai: der Grand Prix in Khanty-Mansiysk. Nakamura musste gut abschneiden, um in der Grand Prix Gesamtwertung auf Platz eins oder zwei zu kommen und sich für das Kandidatenturnier 2016 zu qualifizieren.

Beim Grand Prix präsentierte sich Nakamura professionell, gereift und souverän wie selten in seiner Karriere. Er verzichtete darauf, jede Partie auf Gewinn zu spielen, sondern sicherte sich mit neun Remis und zwei Siegen gegen die beiden Tabellenletzten Baadur Jobava und Maxime Vachier-Lagrave den geteilten ersten bis dritten Platz. Das reichte für Platz zwei in der Grand Prix Gesamtwertung und die Qualifikation für das Kandidatenturnier 2016. Außerdem übersprang Nakamura durch den Erfolg in Khanty-Mansiysk erstmals die Marke von 2800 Elo-Punkten.

Mit dem Gewinn der US-Meisterschaft, der Qualifikation für das Kandidatenturnier und dem Sprung über die Marke von 2800 Elo hat Nakamura in der ersten Hälfte des Jahres eine Reihe von Karrierezielen erreicht. Vielleicht befreit ihn das beim Norway Chess Tournament von allem Druck und er spielt noch stärker, als er es dieses Jahr bereits getan hat. Dann wird sich zeigen, ob er Carlsen wirklich gefährlich werden kann.

Die folgende Partie hat Nakamura bei der US-Meisterschaft gegen Daniel Naroditsky gespielt. Vielleicht gibt es unter den 18 Siegen im klassischen Schach, die Nakamura 2015 bislang erzielt hat, Partien, die spektakulärer, gehaltvoller oder umkämpfter sind. Aber mir gefällt, wie Schwarz in dieser Partie eine Qualität opfert, danach die Damen tauscht und dann „einfach“ seinen Springer auf ein besseres Feld – das in diesem Fall am Brettrand liegt – überführt und Weiß danach zusammenbricht.

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