Kritik in Kürze: Anne Goldmann „Lichtschacht“

cover_lichtschacht_teaserLena ist vor kurzem nach Wien gezogen und lebt in der Wohnung ihrer Freundin Steffi. Eines Abends schaut sie aus dem Fenster und beobachtet einen Mann und zwei Frauen, die auf dem Dach des Hauses gegenüber sitzen. Plötzlich ist eine der Frauen verschwunden. Mord, Unfall oder nur Einbildung? Das erinnert an Alfred Hitchcocks Fenster zum Hof und ist Ausgangslage für Anne Goldmanns Roman Lichtschacht.

Hauptpersonen und Helden
Hauptperson ist Lena, eine klassische Heldin ist sie nicht. Sie ist jung, kurzsichtig, neu in Wien, die Mutter früh gestorben, ihr Vater reist mit immer neuen Projekten und jungen Liebhaberinnen durch die Welt. Um seine Tochter kümmert er sich kaum. In Wien hütet Lena die Katzen fremder Leute und arbeitet als Aushilfe, um Geld zu verdienen. Sie verliebt sich in Georg, einen lässigen und unzuverlässigen jungen Mann. Bei all dem erinnert Lena an eine Märchenfigur, die lernen muss, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, um ihren Weg zu finden. Dabei helfen Goran, ein weiser Nachbar, und Iveta, eine kluge Frau, die durch blinde Liebe schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Handlung
Natürlich geht es um den Mord und die Suche nach dem Mörder, aber vor allem um Lenas Suche nach Antworten: Hat sie wirklich einen Mord gesehen? Oder war das nur Einbildung,  weil sie getrunken und einen Joint geraucht hat? Doch wenn es keine Einbildung war, wo ist dann die Leiche? Und generell: Wie soll es mit ihr weitergehen, wie will sie leben, arbeiten, Geld verdienen, aber vor allem – wem kann Lena trauen, wem nicht?

Denn Goldmann schildert das Geschehen auch aus der Perspektive des ungenannt bleibenden Mörders, und so wissen Leser und Leserin, dass Lena sich den Mord nicht eingebildet hat, der Mörder ihr ganz nahe ist und vor nicht zurückschreckt, um seine Spuren zu verwischen.

Hintergrund
In Lichtschacht geht es natürlich um die Aufklärung eines Mordes, doch eigentlich dreht sich alles um Schein und Sein und die Frage, inwieweit man sich selbst und anderen vertrauen kann. Es geht um Einsamkeit, Betrug, Verrat, Freundschaft, Gier nach Geld, Sehnsucht nach Liebe und vor allem um Blindheit, sehr viel und sehr große Blindheit.

Bemerkenswert…
… ist eine ganze Menge in diesem Roman: zum Beispiel die Spannung, die Goldmann aufbaut, die von ihr erzählten Abgründe des Alltagsleben, die liebenswerte Heldin und natürlich der Wiener Tonfall des Buches.

Bilanz
Ein abgründiger, gut geschriebener und lesenswerter Roman.

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Argument Verlag, Hamburg 2014
ISBN 9783867542203
Kartoniert, 256 Seiten, 12,00 EUR

Über die Autorin (Covertext)

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Anne Goldmann (Foto © Erich Leonhard)

Anne Goldmann, geboren 1961, jobbte als Kellnerin, Küchenhilfe und Zimmermädchen, um sich die Ausbildung zur Sozialarbeiterin zu finanzieren. Einige Jahre arbeitete sie in einer Justizanstalt, derzeit betreut sie Häftlinge nach der Haft. Anne Goldmann begann früh zu schreiben, veröffentlichte ein paar Texte, verwarf dann alles und entdeckte erst spät das Schreiben wieder neu. Für ihre aktuellen Romane Das Leben ist schmutzig und Triangel erhielt sie hymnische Kritiken.

Webseite von Anne Goldmann

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