Leone und Ganghofer: Thomas Willmanns „Das finstere Tal“

dasfinsteretal_coverDas finstere Tal, der Debütroman des in München lebenden Kulturjournalisten und Übersetzers Thomas Willmann, erschien 2010, die Verfilmung von Regisseur Andreas Prochaska kam im Februar 2014 in die Kinos und ist einer von sechs „abendfüllenden Spielfilmen“, die für den Deutschen Filmpreis 2014 nominiert wurden. Der wird am 9. Mai im Berliner Tempodrom verliehen und Prohachaskas Film hat gute Chancen auf den ersten Platz. Vielleicht kommt Das finstere Tal dann noch einmal in die Kinos und verleitet den einen oder die andere auch dazu, das Buch zu lesen. Und das ist großartig und spannend.

Hauptfigur der Erzählung ist Greider, ein junger Mann, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts in ein abgelegenes Tal kommt, um dort, wie er sagt, zu malen. Zunächst wollen die Dorfbewohner davon nichts wissen, doch er überzeugt sie durch gute Bezahlung und selbstbewusstes Verhalten. In einem langsamen Beginn schildert der Roman dann zunächst, wie Greider das Dorf erkundet, Bilder malt, die Dorfbewohner kennenlernt und Teil des dörflichen Lebens wird.

Doch man ahnt, dass Greider ein Geheimnis verbirgt. Ein düsteres Geheimnis, das wahrscheinlich mit dem alten Gutsherrn Brenner und seinen Söhnen zu tun hat, der Familie, die das Dorf beherrscht. Vielleicht auch mit dem finsteren, intelligenten Priester Breiser, dessen Predigten die Dorfbewohner jeden Sonntag in ihren Bann ziehen und ihnen Furcht einjagen. Oder der Witwe Gader und ihrer jungen Tochter Luzi, bei denen Greider Quartier gefunden hat. Doch was genau den jungen Maler antreibt und wie schrecklich das ist, erfährt man erst in einem furiosen Mittelteil, der schließlich in einen spannenden Schlussteil übergeht, in dem es zum Showdown zwischen Gut und Böse kommt.

Mit nur wenigen, sparsam eingesetzten, Dialogen schildert Willmann dieses Geschehen in einer Sprache, die an Romane des 19. Jahrhunderts erinnert, und die in ihrer Wucht und reizvollen Altertümlichkeit einen eigenartigen Sog entwickelt. Zugleich macht sie die in die Erzählung eingeflochtenen Reflexionen über Liebe, Gier, Neid, Rache und Menschlichkeit überzeugend.

Diese Reflexionen des Erzählers über Gut und Böse verhindern zugleich, dass der Roman in ein plattes Rachedrama abgleitet, in dem der übermenschliche Held Unrecht sühnt. So bleibt der Held Greider bis zum Ende geheimnisvoll und seine Handlungen moralisch zwiespältig.

Sein Setting macht Das finstere Tal zu einem Heimatroman, die Geschichte erinnert jedoch an zahllose Westernfilme, in denen ein geheimnisvoller Fremder in eine Stadt kommt, um dort vergangenes oder aktuelles Unrecht zu sühnen. So wundert es nicht, dass Willmann in seiner Danksagung am Ende des Buches einem „etwas seltsamen Paar“ die Reverenz erweist: „Und schließlich ziehe ich wahlweise den Tiroler- oder Cowboyhut vor jenen beiden, denen dieses Buch als … Schutzheiligen anempfohlen sei: Ludwig Ganghofer und Sergio Leone.“ (Das finstere Tal, S. 318).

Eine ungewöhnliche, reizvolle Mischung – die zu einem spannenden, vielschichtigen und großartigen Roman geführt hat.

Thomas Willmann, Das finstere Tal

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320 Seiten, Ullstein, 9,99 Euro

Ein Interview mit und mehr über Thomas Willmann bietet die Krimi-Couch.

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