Erinnerungen an Sotschi: Ein Potemkinsches Turnier

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Foto: Wikipedia-Eintrag “Sotschi”

Sotschi liegt am Schwarzen Meer, auf dem gleichen Breitengrad wie Nizza, gilt als einer der beliebtesten Bade- und Kurorte Russlands und muss im Februar mit Durchschnittstemperaturen von 10,8 Grad leben. Dort beginnen heute, am 7. Februar 2014, die XXII. Olympischen Winterspiele. Das weckt Erinnerungen. An ein Schachturnier, das ich 1990 in Sotschi gespielt habe. Ein Erlebnis, das mir manche Einsicht in die Funktionsweise des sowjetischen Schachsystems und vielleicht auch der sowjetischen und russischen Gesellschaft beschert hat. Unvergesslich war es auf jeden Fall.

EIN POTEMKINSCHES TURNIER

1990 reiste ich in den russischen Kurort Sotschi am Schwarzen Meer, um mein erstes und einziges Turnier in der Sowjetunion zu spielen. Dass ich als deutscher Spieler mit einer Elo-Zahl von 2325 an diesem Kategorie 7 Turnier teilnehmen konnte, verdankte ich meinem Schachverein. Die Schachfreunde Schöneck, bei denen ich damals spielte, besuchten regelmäßig einen befreundeten Schachklub in Jaroslawl in der Sowjetunion, und die Verantwortlichen in Jaroslawl baten die Organisatoren des Turniers, einen Schönecker Spieler zu ihrem Turnier einzuladen. Unterkunft und Verpflegung übernahm der Veranstalter, die Anreise zahlte ich.

So flog ich Anfang Oktober 1990 über Belgrad und Moskau ans Schwarze Meer. Das Turnier fand in einem großen Kurhotel statt, in dem wir auch wohnten. Ich war zusammen mit dem holländischen IM Rudy Douven in der so genannten Generalssuite im 17. Stock untergebracht. Rudy sprach ausgezeichnet Deutsch, war freundlich, hilfsbereit und strahlte Ruhe aus. Jeder von uns bekam ein Einzelzimmer mit Bad, das luxuriös eingerichtete Wohnzimmer nutzten wir gemeinsam. Vom Balkon der Suite blickte man direkt aufs Meer.

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Rudy Douven 1988 (Foto: Anefo / Croes, R.C., Wikipedia)

Das Turnier verlief ungewöhnlich. Es begann damit, dass wir nicht pünktlich anfangen konnten, weil zwei Spieler kurzfristig abgesagt hatten und die Organisatoren daraufhin möglichst schnell einen Großmeister und einen ausländischen Teilnehmer auftreiben mussten, damit Normen erzielt werden konnten. Man fand die fehlenden Teilnehmer schließlich in Moskau: GM Witali Zeschkowski, 1978 und 1986 Sieger der sowjetischen Meisterschaften, und Olivier Touzane, ein junger französischer Spieler, der in der russischen Hauptstadt studierte und elf Jahre später, bei der FIDE-K.O. Weltmeisterschaft 2001, kurzfristig im Rampenlicht stand, als er in der ersten Partie der ersten Runde überraschend gegen Vishy Anand gewann. Der vierte nicht-sowjetische Teilnehmer war der Erfurter Thomas Luther, der damals noch am Anfang seiner Karriere stand und heute zu den besten Spielern Deutschlands zählt.

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In Ehren ergraut: Thomas Luther (Foto: ChessBase)

Zeschkowski und Touzane trafen zwar nicht mehr rechtzeitig zu Beginn der ersten Runde in Sotschi ein, aber spielten gleich nach ihrer Ankunft gegeneinander. Denn Zeschkowski hatte nicht viel Zeit. Wie wenig, erfuhren Rudy und ich am Vormittag des nächsten Tages, als uns der Organisator und Hauptschiedsrichter zu einem Gespräch bat. Er erklärte uns, dass Zeschkowski schon am nächsten Tag zu einem Turnier nach Wladiwostok weiter reisen müsste. Das wäre aber kein Problem, denn Zeschkowski hatte sich bereit erklärt, alle noch ausstehenden Partien an einem Tag zu spielen – was natürlich nur möglich war, wenn jede einzelne dieser zehn Partien nicht allzu lange dauern würde. Dann betonte der Veranstalter noch, wie wichtig unser Entgegenkommen in dieser Sache für das Turnier sei, und deutete an, wir könnten froh sein, dass Zeschkowski uns Remis anbietet. Wir wollten das Turnier nicht gefährden, stimmten dem faulen Kompromiss zu, Zeschkowski absolvierte zehn Runden an einem Tag und flog weiter zum nächsten Turnier.

Auch später nahm uns der Schiedsrichter immer wieder beiseite, um uns über den aktuellen Turnierverlauf zu informieren. In der Regel beschränkte sich das auf die Ankündigung einer kurzfristigen Rundenverlegung, die meist ohne Erklärung oder Begründung erfolgte: „Morgen Du nicht spielen gegen Ruban, morgen Du spielen gegen Cholmow.“ Die vielen Verlegungen führten dazu, dass auch ohne Zeschkowski während des gesamten Turniers niemals alle Teilnehmer gleichzeitig im Turniersaal anwesend waren. Ernsthaft zu spielen schienen ohnehin nur die vier ausländischen Teilnehmer und der Elo-Favorit Wadim Ruban. Traten die anderen sowjetischen Teilnehmer gegeneinander an, einigten sie sich fast immer schnell auf Remis.

Ablenkungen und Zerstreuungen vom Turnier gab es wenig, Kontakt zu Einheimischen kaum. Wurde man angesprochen, dann ging es um Sex oder Geld oder beides. Der Pizzabäcker in der Nähe eines Jahrmarktkarussells wollte D-Mark oder Dollar günstig gegen Rubel tauschen, ein junger Mann, mit dem Rudy und ich ins Gespräch gekommen waren, bot an, uns Sotschi zu zeigen, um uns nach nur kurzer Zeit in eine Homosexuellen-Bar einzuladen und bei einem abendlichen Besuch in einer Hoteldisco, die auch für westliche Besucher geöffnet war, kam eine Russin zu Thomas Luther, Rudy und mir an den Tisch und meinte, wer Interesse hätte, könnte für 20 D-Mark die Nacht mit ihr verbringen.

Der Versuch, abends mit einem oder mehreren sowjetischen Turnierteilnehmern in ein Restaurant zu gehen, scheiterte. „Zu gefährlich“, winkte der Dolmetscher ab und meinte, „in jedem dieser Restaurants gibt es eine Menge Gangster, die nur darauf warten, Besucher aus dem Westen auszurauben.“

Einmal hörten wir, in der Bar unseres Sanatoriums könnte man an diesem Tag Eis bekommen. Rudy und ich gingen hin und bestellten zwei Portionen. Während wir unser Eis aßen, krabbelte plötzlich eine Kakerlake über den Tresen. Ohne eine Miene zu verziehen oder ein Wort zu sagen, griff die Bedienung nach einem Handtuch, fing die Kakerlake und zerquetschte sie.

Später entdeckten wir eine kleine Bäckerei, in der man Mokka und Gebäck bekam. Der Mokka wurde in kleinen Kupferkannen in heißem Sand erhitzt, war stark und süß und schmeckte wunderbar nach Kaffee.

In Ermangelung anderer Alternativen spielten Rudy und ich deshalb vor allem Schach. Morgens bereiteten wir uns auf unsere Partien vor oder schauten uns Informator-Partien an, mittags stand die Runde auf dem Programm und abends analysierten wir unsere Partien. Im Laufe der Zeit steigerten wir uns so in einen wahren Schachrausch hinein und beschäftigten uns am Ende des Turniers 12 bis 14 Stunden am Tag mit Schach. Ein einzigartiger Genuss.

Was das Turnier betrifft, so zeigte sich schnell, dass Ruban zu Recht Favorit war. Er gewann mit 9 aus 11, holte eine GM-Norm und hatte am Ende zwei Punkte Vorsprung auf Wjatscheslav Ikonnikow und Awigdor Bychowski, die auf Platz zwei und drei landeten. Von den ausländischen Teilnehmern spielte Thomas Luther hervorragend. Er behauptete sich gut gegen die sowjetische Phalanx, erzielte eine IM-Norm und belegte mit 6,5 aus 11 den geteilten vierten bis sechsten Platz. Rudy verlor ein paar Mal unglücklich und wurde mit 4 aus 6 Neunter. Ich gewann keine einzige Partie, schaffte sechs Remis und verlor in der Schlussrunde noch gegen Touzane, der bis dahin erst einen halben Punkt auf dem Konto hatte. Diesen verdankte er Ikonnikow, der gegen Touzane vorsichtshalber Remis gemacht hatte, denn hätte Touzane alle Partien verloren, wäre sein Ergebnis annulliert worden und eventuelle Normen ungültig gewesen. Gerüchten zufolge hatte Ikonnikow für das Remis gegen Touzane im Gegenzug von Ruban ein Remis bekommen.

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Bis zum Schluss sorgte das Turnier für Überraschungen. So fanden Siegerehrung und Abschlussfeier am Abend vor der letzten Runde statt. Ruban stand bereits als Sieger fest, doch aus sowjetischer Sicht war noch eine andere Sache erfreulich. Juri Schabanow hatte mit seinem Sieg gegen Alexander Pantschenko in der letzten Runde eine IM-Norm erzielt. Um angemessen feiern zu können, hatten beide Spieler keine Mühe gescheut, die Partie bereits vor der letzten Runde zu spielen, auch wenn sie so unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand und die anderen Spieler den armen Schabanow, der unbedingt gewinnen musste, gar nicht unterstützen konnten. Doch Schabanow bewies starke Nerven und gewann. Wenn man die Ergebnisse von Ruban, der deutlich stärker als die anderen sowjetischen Teilnehmer war, und von Beschukow, der deutlich schwächer war, nicht berücksichtigt, war dies übrigens die einzige Partie zwischen zwei sowjetischen Spielern, die nicht Remis endete.

Auch Rudy gelang in der letzten Runde ein Erfolg, den er allerdings im Turniersaal erzielte. Er überrannte den Grünfeld-Inder Sergei Beschukows mit kraftvollem Spiel, was wiederum das Missfallen des Vaters von Beschukow, der das Turnier maßgeblich gefördert hatte, erregte. Als Rudy und ich während der letzten Runde kurz miteinander plauderten, drohte uns der Schiedsrichter mit Partieverlust. „Absprachen“, erklärte er, „sind unfair und gegen die Regeln.“

Dieser Artikel erschien zuerst im KARL-Heft 1/2013, das sich dem Thema „Betrug“ widmet.

Siehe dazu auch den auf dem Blog veröffentlichten Beitrag Betrug: Ein viel zu aktuelles Thema

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