50 Mal KARL

rubinstein-teaserVor Kurzem erschien der neue KARL. Ein kleines Jubiläum. 2001 verwandelte sich KARL von einer Vereinszeitschrift in ein überregionales Magazin, das vier Mal im Jahr über Schach und Kultur berichten wollte. Jede Ausgabe sollte einem eigenen Schwerpunkt gewidmet sein, treibende Kraft hinter dem Projekt war Harry Schaack, die erste Ausgabe beschäftigte sich mit dem Thema „Tempo!“, Leseproben des ersten sowie aller folgenden Hefte stehen noch im Internet. 49 Ausgaben später trägt das Konzept immer noch und die Jubiläumsausgabe 50 beschäftigt sich mit Akiwa Rubinstein, vor dem Ersten Weltkrieg einer der besten, wenn nicht der beste Spieler der Welt, Endspielkünstler, Schachlogiker und tragische Gestalt. Die KARL-Seite bietet Leseproben des Hefts, meine Kolumne „Ein Wort zum Schluss“ kann man gleich hier lesen.

EIN WORT ZUM SCHLUSS
Im Internet, auf youtube, kann man sehen, wie Kasparow blitzt und analysiert. Beim Blitzen beugt er sich über das Brett, schneidet wie in Trance Grimassen, rutscht auf dem Stuhl hin und her, um dann den Kopf in beide Hände zu nehmen und sich mit einem Ruck in die Stellung zu vertiefen, bis er schließlich mit einer schnellen, energischen, doch eleganten Bewegung zieht, wobei er die Figuren eigentlich gar nicht anschaut. Bei der Analyse bewegen sich König, Dame, Turm, Läufer, Springer und die Bauern noch schneller, souverän und sicher vom Meister gelenkt, der dabei die Gelegenheit nutzt, seinem Gegner mit energischen Gesten die Partie zu erklären.

Bobby Fischer warf seine Figuren schwungvoll, mit Genuss und kaum verhohlener, doch spielerischer Aggression aufs Brett, Kramnik verblüfft in der Analyse immer wieder mit präzisen positionellen Urteilen und überraschenden Varianten, die er selbst in den ruhigsten Stellungen entdeckt. Wenn er nicht weiß, ob Weiß oder Schwarz besser steht oder die Stellung ausgeglichen ist, verzieht er das Gesicht und macht eine abwägende Geste mit der Hand. Carlsen wirkt bei der Analyse oft mürrisch, sagt am liebsten „I don’t know“, um dann komplexe Varianten vorzuführen, von denen niemand etwas ahnte.

Wie Rubinstein analysiert hat, verrät kein Video im Internet. Angeblich hat er bei manchen Turnieren tagelang kein Wort gesagt, da wird er auch bei der Analyse schweigsam gewesen sein. Hatte er gewonnen, zeigte er seinem Gegner mit zurückhaltenden Gesten vielleicht wortlos ein paar Ideen. Ich stelle mir vor, dass er die Figuren dabei langsam, leise, sorgfältig und behutsam, mit beinahe religiöser Andacht gesetzt hat. Dass Rubinstein gern geblitzt hat, glaube ich nicht.

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Cover der aktuellen KARL-Ausgabe

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