Titelgeschichten: Gary Dexters „Why not Catch-21?“

cover why not catch21-225Richtig, warum eigentlich heißt es „Catch-22“ und nicht „Catch-21“? Oder warum nennt man ein Buch über einen Anzeigenverkäufer, der am 14. Juni 1904 durch Dublin streift, „Ulysses“? Wer denkt sich Titel wie „Wenn der Postmann zweimal klingelt?“ oder „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ aus und warum warten Theaterbesucher seit über 60 Jahren auf Godot und nicht auf einen Anderen? Antworten auf diese und ähnliche Fragen gibt der englische Literaturwissenschaftler Gary Dexter. In einem amüsanten Spaziergang durch die Literaturgeschichte.

Why not Catch-21? erschien 2007 im Londoner Verlag Francis Lincoln und versammelt 50 „Titelgeschichten“, die Gary Dexter in einer Kolumne für die britische Wochenzeitschrift The Spectator geschrieben hat. In den jeweils etwa vier bis fünf Seiten langen Beiträgen geht Dexter der Frage nach, wie einige der bekanntesten Bücher der Literaturgeschichte zu ihren Titeln kamen, was diese Titel bedeuten und welche Geschichten sich hinter ihnen verbergen. Den Anfang macht Platos Republic, ein Werk, das wahrscheinlich um 380 vor Christus entstanden ist, die letzte Kolumne widmet sich dem Theaterstück Oleanna des amerikanischen Dramatikers David Mamet, das 1992 Premiere feierte. Die Mehrzahl der Kolumnen beschäftigt sich mit englischer und amerikanischer Literatur – was nicht weiter verwundert, denn schließlich schrieb Dexter für den Spectator.

Dem Vergnügen tut das keinen Abbruch. Denn Dexter plaudert amüsant und mit unaufdringlicher Gelehrsamkeit über Literaturgeschichte und die Entstehung berühmter Bücher. So erfährt man, dass Shakespeare mit 21 Jahren, als er noch am Anfang seiner Karriere als Dramatiker stand, und etwa 15 Jahre, bevor er „seinen“ Hamlet schrieb, womöglich bereits einen „Ur-Hamlet“ verfasst hatte. Mit ähnlicher Geschichte, den gleichen Figuren, aber zusammen mit dem englischen Dramatiker Thomas Kyd und einem versöhnlicheren Ende.

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Das sogenannte Chandos-Porträt von William Shakespeare, um 1610 (Foto: Wikipedia)

Wie so oft bei Shakespeare bleibt allerdings ein Rest Spekulation. Denn Quellen verweisen zwar auf einen „Ur-Hamlet“, den Kyd und Shakespeare zusammen auf Grundlage einer etwa 1200 nach Christus entstandenen Erzählung des dänischen Gelehrten Saxo Grammaticus verfasst haben, aber ganz sicher ist das nicht. Doch die Theorie eines „Ur-Hamlets“ hat biographischen und familiengeschichtlichen Reiz. Schließlich hatte Shakespeare einen Sohn namens Hamnet und auch im Theaterstück Hamlet spielen Familienkonflikte ja eine gewisse Rolle. Aber welches Verhältnis Shakespeare zu seinem Sohn hatte, weiß man nicht. 1592 hatte Shakespeare die acht Jahre ältere Anne Hathaway geheiratet, am 26. Mai 1583 wurde Tochter Susanna getauft, am 2. Februar 1585 die Zwillinge Hamnet und Judith.

Doch trotz dreier Kinder entschied sich Shakespeare gegen ein Leben als Familienvater und für eine Karriere als Theatermann und verließ Frau, Kinder und seinen Geburtsort Stratford-upon-Avon, um nach London zu gehen und dort ins Theaterleben einzutauchen. Der um 1585 entstandene „Ur-Hamlet“ könnte so ein Geburtstaggeschenk an seinen Sohn Hamnet gewesen sein, der im gleichen Jahr geboren wurde. Ein langes Leben war Shakespeares Sohn allerdings nicht beschieden. Er wurde gerade einmal elf Jahre alt und starb 1596. Möglicherweise, so legt Dexter nahe, hat der frühe Tod seines Sohnes Shakespeare dazu gebracht, den Hamlet-Stoff noch einmal zu bearbeiten und vier Jahre später, 1600, in einer deutlich düsteren Version auf die Bühne zu bringen.

Doch egal ob Shakespeare, Joyce, Virginia Woolf, James M. Cain oder die 46 anderen bedeutenden und weniger bedeutenden Schriftsteller: Immer wieder überrascht Dexter mit hübschen Entdeckungen und überraschenden Einsichten. So erzählt er nebenbei, dass George Orwell einmal klagte, er wünsche sich, er hätte Ulysses nie gelesen, denn „ich bekomme dadurch Minderwertigkeitskomplexe. Wenn ich ein solches Buch lese und dann meine eigene Arbeit wieder aufnehme, fühle ich mich wie ein Eunuch, der Stimmtraining genommen hat“ (George Orwell 1933 in einem Brief an Brenda Salkeld; meine Übersetzung).

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George Orwell, 1933 (Foto: Wikipedia)

Oder man erfährt, dass Virginia Woolf einmal eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Lappin und Lapinova“ geschrieben hat, deren Thema und Ende verblüffende Parallelen zu Edward Albees Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ aufweisen. Albee behauptet allerdings, er hätte diese Kurzgeschichte nie gelesen und die Inspiration zu dem ungewöhnlichen Titel seines berühmtesten Theaterstücks sei auf den Besuch einer Bar in Greenwich Village zurückzuführen, wo jemand genau diese Frage auf einen großen Spiegel geschrieben hätte.

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Porträt Virginia Woolf, 1902. Fotografie von George Charles Beresford, (Foto: Wikipedia)

Das Schöne ist, dass Dexter all diese Informationen und Geschichten geschickt miteinander verknüpft und ihre Bedeutung erläutert. Zum Beispiel bei Joseph Hellers Catch-22. Das Buch basiert auf den Kriegserlebnissen Hellers, der im Zweiten Weltkrieg als Flieger in der amerikanischen Luftwaffe gedient hatte. Lange Zeit wollte Heller sein Buch „Catch-18“ nennen, doch dann veröffentlichte Leon Uris, Autor einer Reihe von Bestsellern, Mila 18, ein Buch, das ebenfalls im Zweiten Weltkrieg spielte. Damit war „Catch-18“ als Titel gestorben und Heller musste sich etwas Neues einfallen lassen. Nach einigem Hin- und Her einigte sich Heller mit seinem Lektor Robert Gottlieb schließlich auf Catch-22 – ein Titel, der im Nachhinein perfekt wirkt. So ist es kein Zufall, dass der Ausdruck „Catch-22“ als Synonym für eine ausweglose Lage, ein Dilemma, eben eine „Catch-22 Situation“, in die englische Alltagssprache eingegangen ist.

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Gary Dexter (Foto: Isambard Dexter)

Außerdem erfüllt der Titel, wie Dexter erläutert, noch eine zusätzliche Funktion: Er verweist auf das Motiv der Wiederholung und der Doppelung, der Doppelung und Wiederholung, das in Hellers Buch eine prominente Rolle spielt.

Immer wieder gelingt Dexter in seinen Glossen so eine wunderbare Mischung aus Informationen, Geschichten, Anekdoten und literaturwissenschaftlichen Interpretationen und es macht Spaß, ihn auf seinen 50 Ausflügen in die Welt der Literatur zu begleiten. Außerdem freut man sich auf den 2010 erschienenen Folgeband Title Deeds und wird neugierig auf Dexters ersten Roman, der 2009 unter dem Titel The Oxford Despoiler erschien. Die deutsche Version dieses Romans soll im September 2013 im Verlag Diaphanes unter dem Titel Der Marodeur von Oxford: und andere mysteriöse Geschichten aus der Fallsammlung von Henry St. Liver erscheinen. Übersetzerin ist die bekannte Autorin und Bloggerin Zoë Beck.

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Gary Dexter, Why not Catch-21: The Stories Behind the Titles
Francis Lincoln, London 2007, 238 Seiten

Zur Webseite von Gary Dexter

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