Verbrechen lohnt sich: Garry Dishers Wyatt

wyattcover-kleinWyatt ist Experte, Profi, ein echter Könner. Er weiß, was er will, ist geduldig, einfallsreich, hartnäckig, klug, diszipliniert, aufmerksam, wach und detailbesessen. Und er ist Berufsverbrecher. Seine Spezialität sind Raubüberfälle, doch auch für Einbruch oder Diebstahl ist er zu haben, Hauptsache, er bleibt unentdeckt und es bringt Geld. Sein Debüt feierte er 1991 im Roman Kickback, dessen deutsche Übersetzung Gier 1999 erschien und im Jahr 2000 den Deutschen Krimipreis gewann. Bis 1997 veröffentlichte Garry Disher, der australische Autor dieser Reihe, fünf weitere Wyatt-Romane, dann gönnte er seinem Anti-Helden eine Pause. Erst 2010, nach 13 Jahren, taucht Wyatt wieder in der Unterwelt Melbournes auf. Was er dort tut, erzählt Disher in Wyatt, einem Roman, der vor kurzem unter dem nicht sehr deutschen Titel Dirty Old Town im Verlag Pulpmaster erschien. Er beginnt mit dem schönen Satz „Wyatt wartete darauf, einen Mann um fünfundsiebzigtausend Dollar zu erleichtern.“

Das geht jedoch schief, Wyatt muss fliehen und braucht Geld. Obwohl Wyatt vorsichtig bis zur Paranoia ist, niemandem außer sich selbst traut und ungern mit anderen zusammen arbeitet, lässt er sich in dieser Notlage darauf ein, mit zwei Komplizen ein Juweliergeschäft zu überfallen. Was Zusammenarbeit betrifft, lebt Wyatt nach einem klaren Kodex: Er ist loyal, aber wer ihn betrügt, zahlt mit dem Leben. Doch eigentlich hat Wyatt nur ein Ziel: seine Verbrechen so reibungslos durchzuführen, wie es geht. Wenn es sein muss, tötet er – aber Tote führen zu Komplikationen und die will Wyatt vermeiden.

Cover der englischen Ausgabe

Cover der englischen Ausgabe

Doch natürlich geht bei dem Überfall auf die Juweliere nicht alles glatt und so kann Wyatt in seinem siebten Auftritt beweisen, warum er zu den Besten seines Fachs gehört, nie verhaftet wurde und in der Unterwelt von Melbourne eine Legende darstellt. Wyatt flieht, raubt, rettet und rächt sich an seinen Feinden – einfallsreich, hart, allein, rücksichtslos. Das alles erzählt Disher in einer Sprache, die zu Wyatts Charakter passt: schnörkellos, sachlich, schnell, präzise und voller Action.

Schafft man es, sich mit Wyatt anzufreunden und sich mit dem Paradox zu arrangieren, dass man zu einer Figur hält, die kalt und gefühllos Menschen umbringt, Verbrechen begeht, nur wenig sympathische Eigenschaften aufweist und in einer Welt lebt, in der außer dem Anti-Helden Wyatt keine Figur zur Identifikation einlädt, nur das Recht des Stärkeren zählt und Gefühle Schwäche bedeuten, dann kann man Tempo und Spannung des Romans genießen und sich über die skrupellose Professionalität seiner Hauptfigur freuen.

Dabei erinnert Wyatt an einen anderen berühmten Verbrecher der Kriminalliteratur: Richard Starks Parker. Tatsächlich erweist Disher dem berühmten Kollegen mehrfach seine Reverenz: So begegnet Wyatt bei einem kurzen Aufenthalt im Gefängnis einem Mann namens Parker, dessen Identität er annimmt, um unerkannt zu bleiben, Wyatts Komplizin bei dem Überfall auf die Juweliere heißt Lydia Stark und Wyatt versteckt sich in den Westlake-Towers – wobei Donald Westlake bekanntlich mit Richard Stark, dem Autoren der Parker-Romane, identisch ist.

Doch Parker und Wyatt haben als perfekte Verbrecher und autonome Einzelgänger ein literarisches Problem: Sie können sich nicht entwickeln, sie bleiben als Charaktere eindimensional und Spannung entsteht in den Romanen allein durch die Handlung, denn menschliche Konflikte passen einfach nicht zu diesen Figuren. Vielleicht hat Disher Wyatt deshalb 1997 eine Pause gegönnt und 1999 den weniger eindimensionalen Inspector Challis in Dragon Man seinen ersten Fall lösen lassen.

Wyatt allerdings hat die lange Pause nicht geschadet. Denn auch der siebte Wyatt-Roman operiert zwar nach dem gleichen Muster wie die sechs vorherigen, aber Tempo, Spannung und das von Disher geschickt erzeugte, wunderbar ambivalente Gefühl, einem Verbrecher Erfolg bei seinen Untaten zu wünschen, machen Wyatt zu einem unterhaltsamen Wiedersehen mit einer Figur, der man im wirklichen Leben nicht begegnen möchte.

Englisch: Garry Disher, Wyatt, Soho Crime, NY 2010, 313 S., ca. 11 EUR.
Deutsch: Garry Disher, Dirty Old Town, Pulpmaster, Berlin 2013, EUR 13,80. (Übersetzung: Angelika Müller)

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