KARL 4/2015: Genie und Wahnsinn

Paulmorphy_225Vor kurzem erschien die letzte KARL-Ausgabe des Jahres 2015, Schwerpunkt „Genie und Wahnsinn“. Viele Leute glauben ja, wer leidenschaftlich Schach spielt, sei schon auf halbem Weg in Richtung Nervenheilanstalt. Als Beleg für diese These beruft man sich gerne auf die Schicksale von Paul Morphy (Bild), Bobby Fischer und anderen Schachgrößen. Ohnehin scheint der Glaube, herausragende geistige Leistungen seien ohne psychische Schäden gar nicht möglich und Genie ohne Wahn nicht zu haben, noch immer weit verbreitet zu sein. Doch im neuen KARL-Heft hat Schachhistoriker Michael Ehn gute Nachrichten für Schachspieler und Hochbegabte.

In seinem sehr lesenswerten Aufsatz „Genie, Ruhm, Irrsinn: Über ein fragwürdiges populärwissenschaftliches Werk“ (KARL 4/2015, S. 31-37) verweist er auf das Marburger Hochbegabtenprojekt von 1987/1988 und die aktuelle Hochbegabtenforschung, die über das Verhältnis von Hochbegabung und psychischer Gefährdung nüchterner und anders urteilt:

„Hochbegabte sind in der Regel erfolgreich, sie verdienen gut und entsprechen eher dem Ideal des positiv angepassten Aufsteigers als dem des begabten Sonderlings. … Weder die weit verbreitete Vorstellung, Hochbegabte seien häufig Schulversager oder auch sonst im Leben oft schlechter angepasst, konnte gehalten werden.“

Diese Erkenntnis hat sich leider noch nicht durchgesetzt. Mitverantwortlich für das schlechte Image der Hochbegabten und Genies ist der deutsche Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum (1875-1949), Leiter psychiatrischer Anstalten in Berlin, Tübingen und Hamburg, sowie Verfasser des auch heute noch gern zitierten Buches Genie, Ruhm, Irrsinn. Über Bedeutung und Einfluss dieses Werks, das sich den „Psychopathographien berühmter Personen widmet“ schreibt Ehn:

„Das Buch wurde sofort nach seinem Erscheinen als Standardwerk eingestuft, das umfassend das Verhältnis von Genie und Irrsinn behandle. … Ursprünglich knapp 500 Seiten stark, wurde das Werk immer wieder neu aufgelegt und nachgedruckt. … Auch nach dem Tod des Autors erschienen immer neu bearbeitete Auflagen … bis zuletzt die 7.Auflage (1996) auf elf eigenständige Bände mit über 3000 Seiten angewachsen war.“

Über den Inhalt des Buches schreibt Ehn: „Die Arbeit entfaltet ein Panorama der Auffälligkeiten und Abnormitäten bekannter Künstler, Wissenschaftler und Philosophen. Die Biographien lassen wiederum nur einen Schluss zu: Fast keiner der Großen der Wissenschaft, des Geistes und der Politik war seelisch völlig gesund.“

Lange-Eichbaum kolportiert, verbreitet und festigt so den Mythos der Nähe von Genie und Wahn. Auch Schachspieler hat er untersucht. Seine „Diagnosen“ ruhen dabei allerdings auf mehr als tönernen Füßen. Dazu Ehn: „Im Kapitel über Schach bildet das wegen seines reichhaltigen Quellenstudiums so hoch gelobte Werk die fast ausschließlich benutzte Quelle [Jacques] Hannak.“

Nun gelten Hannaks Werke als notorisch unzuverlässig, denn für Drama, Pathos und Spannung opferte der Wiener Journalist bereitwillig Fakten und Wahrheit. Entsprechend vernichtend fällt Ehns Urteil über Lange-Eichbaums Werk aus:

„Wilhelm Lange-Eichbaum als Soziologen und sein Werk als soziologische Arbeit zu bezeichnen … ist stark beschönigend. Die Arbeiten … fußen auf anthropologisch-psychiatrischen Theorien der damaligen Zeit, die mit soziologischen Ansätzen angereichert sind. Die Pathologisierung von Personen, ihre vorschnelle Etikettierung, die Umschreibung von Biographien nach Krankheitsbildern gerät zur als Wissenschaft verbrämten Mythologisierung. … Es bleibt der bedenkliche Aspekt, dass die alten Genietheorien, die sich als Wissenschaft gerierten, außerhalb des Fachpublikums große Verbreitung fanden und finden. Diese Pseudowissenschaft … beruhte auf zeitbedingten kruden Vorurteilen und bediente sich journalistisch-literarischer Quellen. Es waren und sind ‚populärwissenschaftliche’ Bücher dieser Art, die die öffentliche Meinung beeinflussen und prägen, und zum Thema Schach tun sie das bis heute. … Und obwohl Wilhelm Lange-Eichbaums Werke nur als Literatur verstanden werden können, und im Fall des Schachspiels als schlechte Literatur, werden seine Theorien und somit die Legende vom kranken Schachgenie auch im 21. Jahrhundert weiterleben.“

Zurück zum praktischen Schach

Das Seelenleben der Schachspieler ist eine Sache, aber gibt es auch so etwas wie verrücktes Schach? Mit dieser Frage beschäftigt sich der rumänische Großmeister und Autor Mihail Marin im neuesten KARL in seinem Artikel „Aus den Fugen“, in dem er ungewöhnliche Motive und Kombinationen in Schachpartien betrachtet.

Eines seiner Beispiele ist eine Partie zwischen Lajos Portisch und Mihail Tal aus dem Interzonenturnier Amsterdam 1964. Tal spielte die Eröffnung optimistisch und großzügig, was Portisch eine Gewinnstellung und beträchtlichen Materialvorteil verschaffte, doch Tals irrationales Spiel schien ihn so zu verwirren, dass er die Partie nicht gewinnen konnte.

[Event „Amsterdam Interzonal“]
[Site „Amsterdam“]
[Date „1964.05.21“]
[Round „2“]
[White „Portisch, Lajos“]
[Black „Tal, Mihail“]
[Result „1/2-1/2“]
[ECO „E62“]
[PlyCount „77“]
[EventDate „1964.05.20“]
[EventType „tourn“]
[EventRounds „23“]
[EventCountry „NED“]
[Source „ChessBase“]
[SourceDate „1999.07.01“]

1. Nf3 Nf6 2. g3 d6 3. d4 g6 4. Bg2 Bg7 5. O-O O-O 6. c4 Bg4 7. Nc3 Qc8 8. Re1
Re8 9. Qb3 Nc6 10. d5 Na5 11. Qa4 b6 12. Nd2 Bd7 13. Qc2 c6 14. b4 Nxc4 15.
Nxc4 cxd5 16. Na3 d4 17. Bxa8 Qxa8 18. Ncb5 Rc8 19. Qd1 Ne4 20. f3 a6 21. Nxd4
Qd5 22. Be3 Rc3 23. Ndc2 Qf5 24. g4 Qe6 25. Bd4 h5 26. Bxg7 hxg4 27. Nd4 Qd5
28. fxe4 Qxe4 29. Nf3 Qe3+ 30. Kh1 Bc6 31. Rf1 Rxa3 32. Qc1 gxf3 33. Qxc6 Qxe2
34. Rg1 Kxg7 35. Rae1 Qd2 36. Rd1 Qe2 37. Rde1 Qd2 38. Rd1 Qe2 39. Rde1 1/2-1/2

(Im Heft hat Mihail Marin diese Partie ausführlich kommentiert.)

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Mihail Tal erweiterte die Grenzen schachlicher Vorstellungskraft

Der Zufall will es, dass Portisch elf Jahre später gegen Lubomir Kavalek noch einmal Ähnliches erlebte. Kavalek spielte die Eröffnung optimistisch und opferte seine Dame gegen nur eine Leichtfigur. Aber wie gegen Tal fand Portisch auch dieses Mal kein Rezept gegen das dynamische Spiel des Schwarzen.

[Event „Hoogovens“]
[Site „Wijk aan Zee“]
[Date „1975.01.27“]
[Round „11“]
[White „Portisch, Lajos“]
[Black „Kavalek, Lubomir“]
[Result „1/2-1/2“]
[ECO „E80“]
[WhiteElo „2635“]
[BlackElo „2555“]
[PlyCount „76“]
[EventDate „1975.01.14“]
[EventType „tourn“]
[EventRounds „15“]
[EventCountry „NED“]
[EventCategory „12“]
[Source „ChessBase“]
[SourceDate „1999.07.01“]

{Entdeckt habe ich diese Partie in einem meiner Lieblingsschachbücher, Jon
Speelmans „Best Chess Games 1970-80“. In seiner Einleitung schreibt Speelman:
„Gelegentlich begegnet einem eine Partie, die so wundersam ist, dass es beinah
kleinlich wirkt, sie allzu gründlich mit dem strengen Messer der Wahrheit zu
untersuchen. Die folgende Begegnung ist definitiv eine solche Partie! …
Doch vermutlich kann man der schrecklichen ‚War das alles korrekt?‘ nicht
entkommen. Und ich fürchte, im harten und traurigen Licht des Tages lautet
die Antwort auf diese Frage wahrscheinlich ‚Nein!‘. … Trotzdem ist dies eine
äußerst bemerkenswerte Partie – beinahe einzigartig in der Geschichte des
Schachs.“} 1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. e4 d6 5. f3 c6 6. Be3 a6 7. Bd3 {
Vorsichtiger war 7…Sbd7, womit Schwarz 8.e5 verhindert.} b5 8. e5 Nfd7 9. f4
O-O 10. Nf3 Nb6 11. b3 N8d7 12. a4 bxc4 13. bxc4 c5 {Die Eröffnung ist für
Schwarz nicht gut gelaufen. Wenn er passiv spielt, wird er einfach erdrückt.
Deshalb sucht Kavalek sein Heil in Komplikationen.} 14. a5 cxd4 15. Nxd4 dxe5
16. Nc6 Qe8 17. axb6 exf4 {Schwarz hat eine Figur weniger, aber der weiße
Läufer auf e3 und der Springer auf c3 hängen. Auf 18.Ld4 folgt …e5 und
Schwarz hat mehr als genug Kompensation und nach 18.Ld2 Sc5 19.Lc2 a5 gewinnt
Schwarz die Figur vorteilhaft zurück. Doch nach dem energischen Textzug des
Weiß scheint das schwarze Konzept gescheitert zu sein.} 18. Nd5 {Droht 19.Sc7
mit Damengewinn. Was soll Schwarz machen?} fxe3 $1 {Schwarz opfert die Dame.
Zwar bekommt er dafür nur eine Leichtfigur zurück, aber jede Menge aktives
Spiel – außerdem wird sein Bauer auf e3 plötzlich sehr, sehr stark.} 19. Nc7
Bc3+ 20. Kf1 Bb7 21. Nxe8 Bxc6 22. Nc7 Rad8 {Die forcierten taktischen
Abwicklungen sind vorbei und es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme: Schwarz
hat nur einen Läufer und zwei Bauern für seine Dame bekommen, aber die
weißen Figuren stehen unkoordiniert und Weiß hat Schwierigkeiten, sich zu
entwickeln und seinen König in Sicherheit zu bringen. Außerdem ist der
Läufer auf d3 gefährdet und auch der Springer auf c7 könnte leicht stranden.
Aber trotz dieser Schwierigkeiten sollte Weiß besser, wenn nicht sogar auf
Gewinn stehen – denn eine Dame ist schließlich eine Dame.} 23. Rc1 Bd2 24. Nd5
Bxd5 25. cxd5 Nxb6 {Wie gut die Kompensation des Schwarzen ist, zeigen die
Bewertungen der notorisch materialistischen Engines. Komodo 8 z. B. sieht
Weiß nur mit 1.43 Bauerneinheiten im Vorteil – obwohl Weiß eine Dame mehr
hat.} 26. Rc5 Nxd5 27. g3 Rd6 28. Kg2 Rfd8 29. Rxd5 $6 {Weiß wird ungeduldig
und versucht mit diesem Qualitätsopfer den gegnerischen Druck zu verringern.
Doch Schwarz hat immer noch genug Gegenspiel.} ({Geduldiger und genauer war}
29. Bc4 Nc3 30. Qb3 Rf6 31. Rf1 Rxf1 32. Kxf1 {und Schwarz gehen die Drohungen
aus.}) 29… Rxd5 30. Bc4 Rf5 31. Qb3 Rf2+ 32. Kh3 Rd6 33. Qb8+ Kg7 34. Qa7 g5
$1 {Mit diesem Zug sichert Schwarz das Remis.} 35. Qxe7 g4+ 36. Kxg4 Rg6+ 37.
Kh3 Rh6+ 38. Kg4 Rg6+ 1/2-1/2

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