{"id":781,"date":"2013-09-18T12:56:36","date_gmt":"2013-09-18T10:56:36","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=781"},"modified":"2013-09-18T20:34:04","modified_gmt":"2013-09-18T18:34:04","slug":"titelgeschichten-gary-dexters-why-not-catch-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/09\/18\/titelgeschichten-gary-dexters-why-not-catch-21\/","title":{"rendered":"Titelgeschichten: Gary Dexters \u201eWhy not Catch-21?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-782\" alt=\"cover why not catch21-225\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover-why-not-catch21-225.jpg\" width=\"158\" height=\"225\" \/>Richtig, warum eigentlich hei\u00dft es \u201eCatch-22\u201c und nicht \u201eCatch-21\u201c? Oder warum nennt man ein Buch \u00fcber einen Anzeigenverk\u00e4ufer, der am 14. Juni 1904 durch Dublin streift, \u201eUlysses\u201c? Wer denkt sich Titel wie \u201eWenn der Postmann zweimal klingelt?\u201c oder \u201eWer hat Angst vor Virginia Woolf?\u201c aus und warum warten Theaterbesucher seit \u00fcber 60 Jahren auf Godot und nicht auf einen Anderen? Antworten auf diese und \u00e4hnliche Fragen gibt der englische Literaturwissenschaftler Gary Dexter. In einem am\u00fcsanten Spaziergang durch die Literaturgeschichte.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/10a1f4e260b547998a8887226fca9512\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p><i>Why not Catch-21?<\/i> erschien 2007 im Londoner Verlag <a href=\"http:\/\/www.franceslincoln.com\/\" target=\"_blank\">Francis Lincoln<\/a> und versammelt 50 \u201eTitelgeschichten\u201c, die Gary Dexter in einer Kolumne f\u00fcr die britische Wochenzeitschrift <i><a href=\"http:\/\/www.spectator.co.uk\/\" target=\"_blank\">The Spectator<\/a><\/i> geschrieben hat. In den jeweils etwa vier bis f\u00fcnf Seiten langen Beitr\u00e4gen geht Dexter der Frage nach, wie einige der bekanntesten B\u00fccher der Literaturgeschichte zu ihren Titeln kamen, was diese Titel bedeuten und welche Geschichten sich hinter ihnen verbergen. Den Anfang macht Platos <i>Republic<\/i>, ein Werk, das wahrscheinlich um 380 vor Christus entstanden ist, die letzte Kolumne widmet sich dem Theaterst\u00fcck <i>Oleanna<\/i> des amerikanischen Dramatikers David Mamet, das 1992 Premiere feierte. Die Mehrzahl der Kolumnen besch\u00e4ftigt sich mit englischer und amerikanischer Literatur \u2013 was nicht weiter verwundert, denn schlie\u00dflich schrieb Dexter f\u00fcr den <i>Spectator<\/i>.<\/p>\n<p>Dem Vergn\u00fcgen tut das keinen Abbruch. Denn Dexter plaudert am\u00fcsant und mit unaufdringlicher Gelehrsamkeit \u00fcber Literaturgeschichte und die Entstehung ber\u00fchmter B\u00fccher. So erf\u00e4hrt man, dass Shakespeare mit 21 Jahren, als er noch am Anfang seiner Karriere als Dramatiker stand, und etwa 15 Jahre, bevor er \u201eseinen\u201c <i>Hamlet<\/i> schrieb, wom\u00f6glich bereits einen \u201eUr-Hamlet\u201c verfasst hatte. Mit \u00e4hnlicher Geschichte, den gleichen Figuren, aber zusammen mit dem englischen Dramatiker Thomas Kyd und einem vers\u00f6hnlicheren Ende.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-783\" alt=\"shakespeareCHANDOS3\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/shakespeareCHANDOS3.jpg\" width=\"250\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/shakespeareCHANDOS3.jpg 250w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/shakespeareCHANDOS3-232x300.jpg 232w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><br \/>\nDas sogenannte Chandos-Portr\u00e4t von William Shakespeare, um 1610 (<em>Foto: Wikipedia<\/em>)<\/p>\n<p>Wie so oft bei Shakespeare bleibt allerdings ein Rest Spekulation. Denn Quellen verweisen zwar auf einen \u201eUr-Hamlet\u201c, den Kyd und Shakespeare zusammen auf Grundlage einer etwa 1200 nach Christus entstandenen Erz\u00e4hlung des d\u00e4nischen Gelehrten Saxo Grammaticus verfasst haben, aber ganz sicher ist das nicht. Doch die Theorie eines \u201eUr-Hamlets\u201c hat biographischen und familiengeschichtlichen Reiz. Schlie\u00dflich hatte Shakespeare einen Sohn namens Hamnet und auch im Theaterst\u00fcck <i>Hamlet<\/i> spielen Familienkonflikte ja eine gewisse Rolle. Aber welches Verh\u00e4ltnis Shakespeare zu seinem Sohn hatte, wei\u00df man nicht. 1592 hatte Shakespeare die acht Jahre \u00e4ltere Anne Hathaway geheiratet, am 26. Mai 1583 wurde Tochter Susanna getauft, am 2. Februar 1585 die Zwillinge Hamnet und Judith.<\/p>\n<p>Doch trotz dreier Kinder entschied sich Shakespeare gegen ein Leben als Familienvater und f\u00fcr eine Karriere als Theatermann und verlie\u00df Frau, Kinder und seinen Geburtsort Stratford-upon-Avon, um nach London zu gehen und dort ins Theaterleben einzutauchen. Der um 1585 entstandene \u201eUr-Hamlet\u201c k\u00f6nnte so ein Geburtstaggeschenk an seinen Sohn Hamnet gewesen sein, der im gleichen Jahr geboren wurde. Ein langes Leben war Shakespeares Sohn allerdings nicht beschieden. Er wurde gerade einmal elf Jahre alt und starb 1596. M\u00f6glicherweise, so legt Dexter nahe, hat der fr\u00fche Tod seines Sohnes Shakespeare dazu gebracht, den Hamlet-Stoff noch einmal zu bearbeiten und vier Jahre sp\u00e4ter, 1600, in einer deutlich d\u00fcsteren Version auf die B\u00fchne zu bringen.<\/p>\n<p>Doch egal ob Shakespeare, Joyce, Virginia Woolf, James M. Cain oder die 46 anderen bedeutenden und weniger bedeutenden Schriftsteller: Immer wieder \u00fcberrascht Dexter mit h\u00fcbschen Entdeckungen und \u00fcberraschenden Einsichten. So erz\u00e4hlt er nebenbei, dass George Orwell einmal klagte, er w\u00fcnsche sich, er h\u00e4tte <i>Ulysses<\/i> nie gelesen, denn \u201eich bekomme dadurch Minderwertigkeitskomplexe. Wenn ich ein solches Buch lese und dann meine eigene Arbeit wieder aufnehme, f\u00fchle ich mich wie ein Eunuch, der Stimmtraining genommen hat\u201c (George Orwell 1933 in einem Brief an Brenda Salkeld; meine \u00dcbersetzung).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-784\" alt=\"George_Orwell_press_photo\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/George_Orwell_press_photo.jpg\" width=\"170\" height=\"236\" \/><br \/>\nGeorge Orwell, 1933 (<em>Foto: Wikipedia<\/em>)<\/p>\n<p>Oder man erf\u00e4hrt, dass Virginia Woolf einmal eine Kurzgeschichte mit dem Titel \u201eLappin und Lapinova\u201c geschrieben hat, deren Thema und Ende verbl\u00fcffende Parallelen zu Edward Albees Theaterst\u00fcck \u201eWer hat Angst vor Virginia Woolf?\u201c aufweisen. Albee behauptet allerdings, er h\u00e4tte diese Kurzgeschichte nie gelesen und die Inspiration zu dem ungew\u00f6hnlichen Titel seines ber\u00fchmtesten Theaterst\u00fccks sei auf den Besuch einer Bar in Greenwich Village zur\u00fcckzuf\u00fchren, wo jemand genau diese Frage auf einen gro\u00dfen Spiegel geschrieben h\u00e4tte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-785\" alt=\"220px-Virginia_Woolf_by_George_Charles_Beresford_(1902)\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/220px-Virginia_Woolf_by_George_Charles_Beresford_1902.jpg\" width=\"220\" height=\"296\" \/><br \/>\n<i>Portr\u00e4t Virginia Woolf<\/i>, 1902. Fotografie von <a title=\"George Charles Beresford\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_Charles_Beresford\" target=\"_blank\">George Charles Beresford<\/a>, (Foto: Wikipedia)<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne ist, dass Dexter all diese Informationen und Geschichten geschickt miteinander verkn\u00fcpft und ihre Bedeutung erl\u00e4utert. Zum Beispiel bei Joseph Hellers <i>Catch-22<\/i>. Das Buch basiert auf den Kriegserlebnissen Hellers, der im Zweiten Weltkrieg als Flieger in der amerikanischen Luftwaffe gedient hatte. Lange Zeit wollte Heller sein Buch \u201eCatch-18\u201c nennen, doch dann ver\u00f6ffentlichte Leon Uris, Autor einer Reihe von Bestsellern, <i>Mila 18<\/i>, ein Buch, das ebenfalls im Zweiten Weltkrieg spielte. Damit war \u201eCatch-18\u201c als Titel gestorben und Heller musste sich etwas Neues einfallen lassen. Nach einigem Hin- und Her einigte sich Heller mit seinem Lektor Robert Gottlieb schlie\u00dflich auf <i>Catch-22<\/i> \u2013 ein Titel, der im Nachhinein perfekt wirkt. So ist es kein Zufall, dass der Ausdruck \u201eCatch-22\u201c als Synonym f\u00fcr eine ausweglose Lage, ein Dilemma, eben eine \u201eCatch-22 Situation\u201c, in die englische Alltagssprache eingegangen ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-790\" alt=\"gary_dexter_-_credit_-_isambard_dexter\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/gary_dexter_-_credit_-_isambard_dexter.jpg\" width=\"400\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/gary_dexter_-_credit_-_isambard_dexter.jpg 400w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/gary_dexter_-_credit_-_isambard_dexter-290x300.jpg 290w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\nGary Dexter (<em>Foto: Isambard Dexter<\/em>)<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erf\u00fcllt der Titel, wie Dexter erl\u00e4utert, noch eine zus\u00e4tzliche Funktion: Er verweist auf das Motiv der Wiederholung und der Doppelung, der Doppelung und Wiederholung, das in Hellers Buch eine prominente Rolle spielt.<\/p>\n<p>Immer wieder gelingt Dexter in seinen Glossen so eine wunderbare Mischung aus Informationen, Geschichten, Anekdoten und literaturwissenschaftlichen Interpretationen und es macht Spa\u00df, ihn auf seinen 50 Ausfl\u00fcgen in die Welt der Literatur zu begleiten. Au\u00dferdem freut man sich auf den 2010 erschienenen Folgeband <i>Title Deeds<\/i> und wird neugierig auf Dexters ersten Roman, der 2009 unter dem Titel <i>The Oxford Despoiler<\/i> erschien. Die deutsche Version dieses Romans soll im September 2013 im Verlag <a href=\"http:\/\/www.diaphanes.net\/\" target=\"_blank\">Diaphanes<\/a> unter dem Titel <i>Der Marodeur von Oxford: und andere mysteri\u00f6se Geschichten aus der Fallsammlung von Henry St. Liver<\/i> erscheinen. \u00dcbersetzerin ist die bekannte Autorin und <a href=\"http:\/\/culturmag.de\/author\/zoe-beck\" target=\"_blank\">Bloggerin<\/a> <a href=\"http:\/\/www.zoebeck.net\/sites\/index.php\" target=\"_blank\">Zo\u00eb Beck<\/a>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-786\" alt=\"cover why not catch21-360\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover-why-not-catch21-360.jpg\" width=\"360\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover-why-not-catch21-360.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover-why-not-catch21-360-210x300.jpg 210w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Gary Dexter, <em>Why not Catch-21: The Stories Behind the Titles<\/em><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.franceslincoln.com\/\" target=\"_blank\">Francis Lincoln<\/a>, London 2007, 238 Seiten<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/homepage.ntlworld.com\/gdexter\/writing\/writing\/\" target=\"_blank\">Zur Webseite von Gary Dexter<\/a><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/09\/18\/titelgeschichten-gary-dexters-why-not-catch-21\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/09\/18\/titelgeschichten-gary-dexters-why-not-catch-21\/\" data-text=\"Titelgeschichten: Gary Dexters \u201eWhy not Catch-21?\u201c\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richtig, warum eigentlich hei\u00dft es \u201eCatch-22\u201c und nicht \u201eCatch-21\u201c? 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