{"id":78,"date":"2013-03-15T23:44:37","date_gmt":"2013-03-15T22:44:37","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=78"},"modified":"2013-04-21T08:53:52","modified_gmt":"2013-04-21T07:53:52","slug":"ein-bisschen-mehr-enthusiasmus-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/03\/15\/ein-bisschen-mehr-enthusiasmus-bitte\/","title":{"rendered":"Schulmeisterliche Kritik: Wie man starkes Schach zern\u00f6rgelt"},"content":{"rendered":"<p>Eine Besprechung von Adrian Michaltschischins und Oleg Stetskos, <em>K\u00e4mpfen und Siegen mit Magnus Carlsen<\/em>, Edition Olms, Z\u00fcrich 2012, 312 Seiten.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsencoverw3601.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-113\" title=\"carlsencoverw360\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsencoverw3601-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsencoverw3601-217x300.jpg 217w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsencoverw3601.jpg 360w\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a>:<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/f74b866c5fad466eae0326cdbe84e274\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><br \/>\nGeht man nur nach der Elo-Zahl, dann ist Magnus Carlsen der beste Schachspieler aller Zeiten. Jetzt, wo er nach seinem Sieg im Kandidatenturnier in London 2013 gute Chancen hat, auch Schachweltmeister zu werden, bietet es sich an, einen Blick auf Carlsens Laufbahn zu werfen. Das haben Adrian Michaltschischin und Oleg Stetsko vorsorglich 2012 in ihrem Buch <em>K\u00e4mpfen und Siegen mit Magnus Carlsen<\/em> getan, in dem sie sich 64 Partien Carlsens anschauen, um dem Geheimnis des norwegischen Schachph\u00e4nomens auf die Spur zu kommen. Den Anfang dieser Sammlung macht ein Angriffssieg gegen H.K. Harestad aus dem Jahre 2003, den Abschluss bildet Carlsens verbl\u00fcffend einfach wirkender positioneller Gewinn gegen Liviu-Dieter Nisipeanu beim Turnier in Medias 2011. Doch Heldenverehrung betreiben Michaltschischin und Stetsko nicht. Im Gegenteil.<!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie analysieren die Partien des norwegischen Ausnahmetalents gr\u00fcndlich und kritisch, ja, sehr kritisch. Tats\u00e4chlich h\u00e4tten mehr Begeisterung, weniger F\u00f6rmlichkeit, weniger Steifheit und vor allem weniger Kritiksucht dem Buch nicht geschadet. Das gilt vor allem f\u00fcr die Texte, die Carlsens Schachkarriere nachzeichnen. Eine trockene Nacherz\u00e4hlung eines Turniers folgt der n\u00e4chsten \u2013 nette Geschichten, Humor und Witz sind Mangelware. Daf\u00fcr finden die Autoren selbst bei den gr\u00f6\u00dften Erfolgen Carlsens mindestens ein Haar in der Suppe. 2010 gewann Carlsen im rum\u00e4nischen Bazna ein doppelrundiges Sechserturnier der Kategorie 20 mit 7,5 aus 10 und zwei Punkten Vorsprung, doch wie Stetsko und Michaltschischin einen wissen lassen, &#8220;\u2026 war [Carlsens] \u00dcberlegenheit im Laufe des Turniers nicht so eindeutig. In einem bestimmten Moment h\u00e4tte er von Gelfand herausgefordert werden k\u00f6nnen. In der Partie gegen den Israeli musste der Norweger sich buchst\u00e4blich mit einzigen Z\u00fcgen verteidigen. Und auch der Start mit drei Unentschieden war wenig \u00fcberzeugend f\u00fcr den 19-j\u00e4hrigen Norweger.&#8221; (S.282) Mit anderen Worten: Carlsen kann sich z\u00e4h verteidigen und hat aus den letzten sieben Runden gegen ein Feld der absoluten Weltklasse 6 aus 7 geholt.<\/p>\n<p>Zu dieser Haltung der N\u00f6rgelei und Kritiksucht passt, dass die Autoren gleich in der Einleitung 13 Endspiele anf\u00fchren, die Carlsen fehlerhaft behandelt hat. Nat\u00fcrlich dient das einer guten Sache. So schreiben Michaltschischin und Stetsko: &#8220;Wohl bekannt ist, dass Endspiele, insbesondere unter den Bedingungen der heutigen verk\u00fcrzten Bedenkzeitregelungen, f\u00fcr junge Akteure eine Schwierigkeit darstellen k\u00f6nnen. \u2026 Daf\u00fcr gibt es verschiedene Gr\u00fcnde: fehlende Kenntnis der Standardpositionen, der typischen Man\u00f6ver und selbstredend die Ignoranz gegen\u00fcber den klassischen Partiebeispielen. Diese L\u00fccken sind nicht leicht ohne die fundierte Hilfe eines hochqualifizierten Trainers zu schlie\u00dfen. Daher wird es f\u00fcr die Lernenden von Interesse sein zu sehen, welche Fehler Magnus als blutjunger Spieler gemacht hat, wie er diese ausmerzen konnte und woran er heute immer noch arbeitet.&#8221; (S.15)<\/p>\n<p>Nun, ich zumindest will nicht wissen, welche Standardpositionen im Endspiel der junge Carlsen nicht kannte, und schon gar nicht interessiert mich das am Anfang eines Buches \u00fcber ein Schachph\u00e4nomen wie Carlsen. Da will ich wissen, was den Norweger zu einem Ausnahmespieler macht, ich will nicht seine Schw\u00e4chen sehen, sondern seine St\u00e4rken. Und ich m\u00f6chte Begeisterung oder doch zumindest Wohlwollen, Anerkennung und Respekt f\u00fcr seine Leistung und sein Talent, aber keine humorlosen Ermahnungen, ja nicht \u00fcberm\u00fctig zu werden, immer h\u00fcbsch flei\u00dfig zu sein, auf die Ratschl\u00e4ge &#8220;hochqualifizierter Trainer&#8221; zu h\u00f6ren und die &#8220;klassischen Partiebeispiele&#8221; nicht zu ignorieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsen-london2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-116\" title=\"carlsen-london\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsen-london2.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsen-london2.jpg 480w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/carlsen-london2-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><em>Foto: Anastasiya Karlovich, <a title=\"London 2013\" href=\"http:\/\/london2013.fide.com\/en\/main-page\">Turnierseite Kandidatenturnier London 2013<\/a><\/em><\/p>\n<p>Nicht nur hier w\u00fcnscht man dem Buch mehr Leichtigkeit, aber Michaltschischin und Stetsko scheinen von der B\u00fcrde sowjetischer Schachtradition niedergedr\u00fcckt zu werden. Typisch ist ihre Anmerkung zu Carlsens Niederlage gegen Gelfand \u2013 &#8220;eine wahre Lehrstunde in punkto Strategie&#8221; \u2013 beim Tal-Memorial 2006 in Moskau: &#8220;&#8216;Genau wie Tschigorin&#8217;, kommentierte Juri Rasuwajew die Gelfandschen Springerman\u00f6ver, mit denen der Absolvent der Sowjetischen Schachschule die gegnerischen L\u00e4ufer ausschaltete.&#8221; (S.106).<\/p>\n<p>Stichwort Moskau. Drei Jahre sp\u00e4ter besucht Carlsen die russische Hauptstadt erneut und wie Michaltschischin und Stetsko wissen, ist &#8220;die Teilnahme am 4. Tal-Memorial im November 2009 \u2026 f\u00fcr Magnus Carlsen von besonderer Bedeutung. Denn er kann hier nicht nur das Kr\u00e4ftemessen mit den besten Spielern der Welt fortsetzen, sondern auch die Gelegenheit nutzen, mit den reichen schachlichen und kulturellen Traditionen Moskaus in Ber\u00fchrung zu kommen.&#8221; (S.262)<\/p>\n<p>Vorz\u00fcge, \u00fcber die andere europ\u00e4ische Hauptst\u00e4dte anscheinend nicht verf\u00fcgen, denn acht Seiten sp\u00e4ter hei\u00dft es lapidar. &#8220;Das letzte Turnier im Jahr 2009 war das London Chess Classic (8.-15. Dezember) mit acht Gro\u00dfmeistern, die eine FIDE-Kategorie 18 konstituierten.&#8221; (S.270)<\/p>\n<p>W\u00e4re es zu viel verlangt gewesen, darauf hinzuweisen, wie die London Chess Classic die Darstellung des modernen Schachs bereichert haben, unter anderem mit Live-Kommentaren und im Internet \u00fcbertragenen Analysen der Spieler direkt nach der Partie? Zumal man diese Analysen immer noch auf youtube findet, und man dem Leser so verraten k\u00f6nnte, wie er Carlsen bei der Analyse zuschauen kann?<\/p>\n<p>Apropos youtube. Dort gab es einmal einen &#8211; mittlerweile entfernten &#8211; Clip, in dem zu sehen war, wie Carlsen im norwegischen Fernsehen im Februar 2012 eine Blitzpartie gegen Outdoor-Ikone, Abenteurer und Hobbyspieler <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lars_Monsen\">Lars Monsen<\/a> spielt. Carlsen hat 30 Sekunden f\u00fcr die ganze Partie, Monsen drei Minuten, das Brett steht auf einem niedrigen Tisch, Carlsen hockt davor, Monsen kniet, unbequem wirken beide Stellungen. Schachlich ist die Partie keine Offenbarung, aber sie verr\u00e4t etwas \u00fcber Carlsens Nervenst\u00e4rke. Die ganze Partie \u00fcber zieht Carlsen mit rechts, seine linke Hand liegt auf dem Tisch vor dem Brett \u2013 und zittert nicht ein einziges Mal.<\/p>\n<p>Mihail Botvinnik, der Patriarch der Sowjetischen Schachschule, blitzte nicht gern und ein solcher Fernsehauftritt w\u00e4re ihm wahrscheinlich zu frivol gewesen. Carlsen ist da lockerer und zeigt, wie Schach Spa\u00df bringen kann, wenn man nicht alles ganz so ernst nimmt. Diesen Spa\u00df sollte man sich durch N\u00f6rgelei und Kritiksucht nicht nehmen lassen.<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/03\/15\/ein-bisschen-mehr-enthusiasmus-bitte\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/03\/15\/ein-bisschen-mehr-enthusiasmus-bitte\/\" data-text=\"Schulmeisterliche Kritik: Wie man starkes Schach zern\u00f6rgelt\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Besprechung von Adrian Michaltschischins und Oleg Stetskos, K\u00e4mpfen und Siegen mit Magnus Carlsen, Edition Olms, Z\u00fcrich 2012, 312 Seiten. : Geht man nur nach der Elo-Zahl, dann ist Magnus&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[10,11,217],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78"}],"collection":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions\/81"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}