{"id":746,"date":"2013-09-03T15:08:07","date_gmt":"2013-09-03T13:08:07","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=746"},"modified":"2013-09-03T21:18:06","modified_gmt":"2013-09-03T19:18:06","slug":"starkes-debuet-dominique-manottis-hartes-pflaster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/09\/03\/starkes-debuet-dominique-manottis-hartes-pflaster\/","title":{"rendered":"Starkes Deb\u00fct: Dominique Manottis \u201eHartes Pflaster\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-758\" alt=\"dominique_manotti_hartes_pflaster\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/dominique_manotti_hartes_pflaster.jpg\" width=\"166\" height=\"225\" \/>Dominique Manotti gilt als eine der interessantesten Krimiautorinnen der heutigen Zeit. Ihre B\u00fccher haben in Frankreich, in Deutschland und in der englischsprachigen Welt Preise gewonnen und Auszeichnungen erhalten. Auf Deutsch erschien zuletzt <i><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/07\/09\/duster-und-brillant-dominique-manottis-zugellos\/#more-549\">Z\u00fcgellos<\/a><\/i>, im August 2013 auf Platz eins der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/32\/zeit-krimibestenliste-august\" target=\"blank\">Krimibestenliste der <i>Zeit<\/i><\/a>. Ihr Deb\u00fct feierte die Franz\u00f6sin, die eigentlich Marie No\u00eblle Thibault hei\u00dft und am 24. Dezember 1942 geboren wurde, 1995 mit dem Roman <i>Sombre Sentier<\/i>, der in Frankreich gleich zum Krimi des Jahres 1995 avancierte. 2004 erschien die deutsche \u00dcbersetzung unter dem Titel <i>Hartes Pflaster<\/i>. Ein starkes Deb\u00fct.<!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Manottis erster Roman beginnt mit dem Mord an einem Kind, einer minderj\u00e4hrigen Prostituierten aus Thailand, die in Paris f\u00fcr einen M\u00e4dchenh\u00e4ndlerring arbeitet. Die Polizei findet ihre Leiche in einer Werkstatt, die Stoffe f\u00fcr die franz\u00f6sische Modeindustrie herstellt. Die meisten Arbeiter dort sind illegale Immigranten, die ohne Papiere in Frankreich leben und arbeiten. Damit nicht genug: Bei der Durchsuchung der Werkstatt entdeckt die Polizei zudem noch Spuren von Heroin.<\/p>\n<p>Das macht diesen Fall zu einer Aufgabe f\u00fcr Kommissar Th\u00e9odore Daquin, Leiter einer speziellen Polizeigruppe zur Drogenbek\u00e4mpfung und auch \u201eHeld\u201c von Manottis zweitem Roman, <i><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/07\/09\/duster-und-brillant-dominique-manottis-zugellos\/#more-549\">Z\u00fcgellos<\/a><\/i>. Auf der Suche nach dem M\u00f6rder des jungen M\u00e4dchens und der Drahtzieher des Drogenhandels st\u00f6\u00dft Daquin auf korrupte Polizisten, Waffen-, Drogen- und M\u00e4dchenh\u00e4ndler, Beamte, die lukrative Gesch\u00e4fte mit gef\u00e4lschten Papieren f\u00fcr illegal in Frankreich lebende Immigranten machen, sowie auf Verd\u00e4chtige, die sich in den h\u00f6chsten Kreisen der franz\u00f6sischen Politik- und Gesch\u00e4ftswelt bewegen und Kontakte zum CIA und zur Regierung anderer Staaten unterhalten.<\/p>\n<p><b>Geschichte<br \/>\n<\/b>Den historischen Hintergrund des Romans bildet ein Streik im Pariser Viertel Sentier, mit dem illegal in Frankreich lebende Immigranten 1980 um eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis gek\u00e4mpft haben. In einem ausf\u00fchrlichen Interview am Ende der deutschen Ausgabe von <i>Hartes Pflaster<\/i> verr\u00e4t Manotti, wie dieser Streik sie inspiriert hat: \u201e<i>Hartes Pflaster<\/i> war die Fortsetzung meiner politischen Arbeit. Ich war als Gewerkschafterin direkt in den Streik des Sentier 1980 verwickelt. Als ich mich entschlossen hatte, einen Roman noir zu schreiben, kam das Thema wie von selbst. Er musste w\u00e4hrend dieses Streikes spielen, ich musste eine geschriebene Spur dieses Streikes hinterlassen.\u201c (Elfriede M\u00fcller, \u201eZumindest Zeuge sein: Interview mit Dominique Manotti\u201c, in <i>Hartes Pflaster<\/i>, Assoziation A, Berlin 2013, S. 309).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-552\" alt=\"Dominique_Manotti_(2006)_200\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Dominique_Manotti_2006_200.jpg\" width=\"200\" height=\"294\" \/><br \/>\nDominique Manotti (<em>Foto:<\/em> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dominique_Manotti\">Wikipedia-Eintrag zu Dominique Manotti<\/a>)<\/p>\n<p>In diesem aufschlussreichen <a href=\"http:\/\/www.argument.de\/ak\/manotti_interview.html\" target=\"blank\">Interview<\/a>, das auch im Internet ver\u00f6ffentlicht wurde, spricht Manotti ausf\u00fchrlich \u00fcber ihre politische Entwicklung und schildert ihre Sicht auf die franz\u00f6sische Gesellschaft. Au\u00dferdem verr\u00e4t sie, wie sie zum Schreiben gekommen ist und welche Rolle James Ellroy dabei gespielt hat. \u00dcber ihre Figuren sagt Manotti: \u201eMeine Pers\u00f6nlichkeiten sind aktiv, Hoffnungstr\u00e4ger, aber auch verzweifelt. Aber die positiv gezeichneten Personen sind eher Zeugen als Akteure. Das entspricht sicherlich meiner eigenen aktuellen Position, zumindest Zeuge zu sein.\u201c (<i>Hartes Pflaster<\/i>, S.310)<\/p>\n<p><b>Gebrochene Helden<\/b><br \/>\nDoch auch Manottis \u201epositiv gezeichnete Personen\u201c sind ambivalente und gebrochene Figuren. Allen voran die Hauptperson des Romans, Kommissar Th\u00e9odore Daquin. In <i>Hartes Pflaster<\/i> stellt sich Daquin sch\u00fctzend vor einen seiner Mitarbeiter, der eine Zeugin vergewaltigt hat und wendet bei Verh\u00f6ren ohne Z\u00f6gern Gewalt an. Er schl\u00e4gt und erpresst Verd\u00e4chtige, um sie zur Zusammenarbeit zu bewegen und kennt auch sonst wenig Skrupel.<\/p>\n<p>So setzt er den jungen T\u00fcrken Soleiman, der aus der T\u00fcrkei fliehen musste, weil er bei politischen Aktionen zwei Menschen umgebracht hat und in Paris zum Sprecher der streikenden Arbeiter geworden ist, mit einer Akte der t\u00fcrkischen Polizei unter Druck, um ihn als Informant zu nutzen und sexuelle Gef\u00e4lligkeiten von ihm zu erpressen. Au\u00dferdem bricht Daquin im Laufe der Ermittlungen illegal in die Wohnung einer Verd\u00e4chtigen ein, und ist dabei von der Aura der Frau so begeistert, dass er sie sp\u00e4ter, als er sie als Zeugin kennenlernt, verf\u00fchrt und ihr hilft, weitgehend ungestraft davon zu kommen.<\/p>\n<p>Doch bei aller Brutalit\u00e4t und zielstrebigen Skrupellosigkeit ist Daquin zugleich ein aufmerksamer, einf\u00fchlsamer Zuh\u00f6rer und sehnt sich nach Liebe und Zuneigung. So erkennt er w\u00e4hrend eines Verh\u00f6rs, was eine Zeugin verschweigt und entlockt ihr mit Sensibilit\u00e4t und dem Schweigen im richtigen Moment wertvolle Hinweise. Auch seinen Informanten Soleiman erpresst er zwar, aber hilft ihm auch, als Soleiman von einem hochrangigen Pariser Polizisten zusammengeschlagen wird.<\/p>\n<p>Aber wie Manotti sagt, sind ihre Hauptpersonen tats\u00e4chlich vor allem Zeugen. Denn obwohl Daquin am Ende herausfindet, wer das thail\u00e4ndische M\u00e4dchen umgebracht hat und wer in den Drogenhandel verstrickt ist, bleiben das doch nur vereinzelte und kurzfristige Erfolge im Kampf gegen das Verbrechen in einer Gesellschaft, in der Geld und Macht regieren, und in der die Menschen von ihrer Gier nach Sex, Lust, Macht und Genuss getrieben werden und keine Skrupel kennen, um diese Gier zu befriedigen.<\/p>\n<p><b>Erz\u00e4hlerisch brillant<br \/>\n<\/b>Diesem Grundmotiv aller Romane Manottis entspricht die bereits in ihrem Deb\u00fct ausgereifte erz\u00e4hlerische Form: kurze Beschreibungen einzelner Szenen, schnelle Schnitte, neutrale, rasante Beobachtungen dessen, was geschieht, von der Erz\u00e4hlerin nicht kommentierte Einblicke in die Gef\u00fchls- und Gedankenwelt der Figuren, all das lediglich durch kurze Angaben von Ort, Datum und Uhrzeit in eine gewisse Ordnung und Reihenfolge gebracht.<\/p>\n<p>Diese Erz\u00e4hltechnik, die schnell von Szene zu Szene springt, die beobachtet, jedoch nicht wertet und die in Stil, Neutralit\u00e4t und Komplexit\u00e4t an die Fernsehserie <i>The Wire<\/i> erinnert, macht es Leserin und Leser nicht immer leicht. Doch Manottis Virtuosit\u00e4t, ihr Geschick, mit nur wenigen Strichen Personen und Handlungen zu beschreiben, sorgt zugleich f\u00fcr Spannung und macht ihre Romane so \u00fcberaus lesenswert.<\/p>\n<p>So ist <i>Hartes Pflaster<\/i> nicht nur ein starkes Deb\u00fct, sondern zugleich auch ein stilistisch innovatives und literarisch brillantes Portr\u00e4t der modernen westlichen Gesellschaft. In ihren nachfolgenden Romanen hat Manotti diese Beschreibungen moderner westlicher Demokratien fortgesetzt und vertieft. Beschreibungen und gesellschaftliche Kritik, die um so beunruhigender wirken, wenn man wei\u00df, dass Manotti lange Jahre politisch aktiv war und als Gewerkschaftsf\u00fchrerin Zeit und Gelegenheit genug hatte, Zeugin des politischen Betriebs zu werden.<\/p>\n<p align=\"left\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-747\" alt=\"cover_hartes_pflaster\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover_hartes_pflaster.jpg\" width=\"120\" height=\"180\" \/><br \/>\nManotti, Dominique<br \/>\n<i>Hartes Pflaster<br \/>\n<\/i>Erstauflage 2004, Neuauflage 2012<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.assoziation-a.de\/\" target=\"blank\">Assoziation A<\/a><br \/>\nAus dem Franz\u00f6sischen von Ana Rhukiz<\/p>\n<p align=\"left\">312 Seiten, Paperback, 14.00 \u20ac<\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Links:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.argument.de\/ak\/manotti_interview.html\" target=\"blank\">Elfriede M\u00fcller: \u201eZumindest Zeuge sein: Interview mit Dominique Manotti\u201c\u2026<br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/07\/09\/duster-und-brillant-dominique-manottis-zugellos\/#more-549\">D\u00fcster und brillant: Dominique Manottis \u201eZ\u00fcgellos\u201c\u2026<br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dominique_Manotti\" target=\"blank\">Wikipedia-Eintrag zu Dominique Manotti\u2026<br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/www.assoziation-a.de\/autoren\/Manotti_Dominique.htm\" target=\"blank\">Dominique Manotti beim Verlag Assoziation A\u2026<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.argument.de\/ak\/1188.html#Autorin\" target=\"blank\">Dominique Manotti beim Argument Verlag&#8230;<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.dominiquemanotti.com\/\" target=\"blank\">Webseite von Dominique Manotti (franz\u00f6sisch)\u2026<br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/05\/05\/the-king-stay-the-king-schach-in-the-wire\/\">Schach in The Wire\u2026<\/a><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/09\/03\/starkes-debuet-dominique-manottis-hartes-pflaster\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/09\/03\/starkes-debuet-dominique-manottis-hartes-pflaster\/\" data-text=\"Starkes Deb\u00fct: Dominique Manottis \u201eHartes Pflaster\u201c\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominique Manotti gilt als eine der interessantesten Krimiautorinnen der heutigen Zeit. Ihre B\u00fccher haben in Frankreich, in Deutschland und in der englischsprachigen Welt Preise gewonnen und Auszeichnungen erhalten. Auf Deutsch&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[55,81,80],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746"}],"collection":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=746"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":760,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746\/revisions\/760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}