{"id":509,"date":"2013-06-19T00:05:44","date_gmt":"2013-06-18T22:05:44","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=509"},"modified":"2017-08-27T08:11:13","modified_gmt":"2017-08-27T06:11:13","slug":"keine-ethik-keine-moral-mit-dem-dolch-eines-anderen-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/06\/19\/keine-ethik-keine-moral-mit-dem-dolch-eines-anderen-toten\/","title":{"rendered":"Keine Ethik, keine Moral: \u201eMit dem Dolch eines anderen t\u00f6ten\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/6901786b10234b799674e0da77af386c\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-510\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/strategemecover.jpg\" alt=\"strategemecover\" width=\"167\" height=\"225\" \/>Fr\u00fcher waren sie geheim, doch mittlerweile kann man in zahlreichen B\u00fcchern und im Internet nachlesen, was es mit den 36 chinesischen Strategemen auf sich hat. Sie geben Ratschl\u00e4ge, wie man mit List und Raffinesse zu Erfolg und Wohlstand kommt. Ethische \u00dcberlegungen spielen dabei keine gro\u00dfe Rolle. Bei den Strategemen geht es um Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, nicht um Moral, wichtig ist, dass sie funktionieren. Dementsprechend klingt Strategem Nummer 3 \u201eMit dem Dolch eines anderen t\u00f6ten\u201c so gar nicht nach Fairplay. Trotzdem \u2013 oder gerade deshalb \u2013 wird diese List gern angewandt.<!--more Nicht nur in China... --><\/p>\n<p>Harro von Senger, der deutsche Sinologe, der die 36 chinesischen Strategeme als Erster einem breiten Publikum in Deutschland vorgestellt hat, nennt zwei grunds\u00e4tzliche Bedeutungen des Strategems Nummer 3:<\/p>\n<p>\u201eDas Gegen\u00fcber durch fremde H\u00e4nde ausschalten. Strohmann-Strategem.<br \/>\nJemanden auf indirekte Weise sch\u00e4digen, ohne sich selbst dabei zu exponieren. Alibi-Strategem, Stellvertreter-Strategem.\u201c<br \/>\n(Harro von Senger, <i>Strategeme Band I: Die ber\u00fchmten 36 Strategeme der Chinesen \u2013 lange als Geheimwissen geh\u00fctet, erstmals im Westen vorgestellt<\/i>, Scherz Verlag 2000, S.62)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-511\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/vonsengerstrategeme.jpg\" alt=\"vonsengerstrategeme\" width=\"360\" height=\"506\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/vonsengerstrategeme.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/vonsengerstrategeme-213x300.jpg 213w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><br \/>\nCover des ersten von zwei B\u00e4nden, in denen Harro von Senger die 36 Strategeme vorstellt.<\/p>\n<p>Der Italiener Gianluca Magi verweist auf eine \u201ealte chinesische Kriegslist\u201c, um dieses Strategem zu erl\u00e4utern \u201eWenn du etwas tun willst, lass es deinen Gegner f\u00fcr dich tun\u201c und f\u00e4hrt fort: \u201eBei diesem Strategem geht es um die Kunst, sich all das zu \u201aleihen\u2019, was auch dem Gegner helfen k\u00f6nnte, und so seine Ressourcen auszuh\u00f6hlen. Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich dieses Prinzip nicht nur auf dem Schlachtfeld sinnvoll einsetzen, sondern \u00fcberall dort, wo man Feindseligkeiten ausgesetzt ist. Je gr\u00fcndlicher wir dieses Prinzip studieren, desto leichter werden wir es bei den verschiedensten Gelegenheiten anwenden k\u00f6nnen.\u201c (Gianluca Magi, <i>36 Strategeme f\u00fcr Erfolg und Wohlstand: Die altbew\u00e4hrte chinesische Kunst der Strategie<\/i>, Kailash Verlag 2009, S.50)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-512\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/magistrategeme.jpg\" alt=\"magistrategeme\" width=\"360\" height=\"486\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/magistrategeme.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/magistrategeme-222x300.jpg 222w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Wie diese theoretischen \u00dcberlegungen in der Praxis aussehen, zeigt von Senger mit zahlreichen Beispielen aus Geschichte, Politik und Literatur. Dabei erf\u00e4hrt man, dass \u2013 zumindest in den Augen von Ma Senliang und Zhang Laiping, den Verfassern eines Hongkonger Strategembuchs \u2013 Stalin \u201ein bezug (sic) auf die Anwendung des Strategems Nr. 3 als un\u00fcbertroffen\u201c gilt. Als ein Beispiel f\u00fcr dieses Geschick des sowjetischen Diktators erz\u00e4hlen Ma Senliang und Zhang Laiping eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die von Senger nacherz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>\u201eIm Jahre 1944 habe die \u00fcber 40.000 starke polnische Untergrundarmee in Warschau die schwierige Lage der Deutschen nach Stalingrad und nach der Landung der Alliierten in der Normandie ausn\u00fctzen wollen \u2026 Am 31. Juli 1944 habe eine sowjetische Panzervorhut die Au\u00dfenbezirke Warschaus erreicht; die Zeit f\u00fcr einen Angriff auf die Deutschen in Warschau schien der polnischen Untergrundarmee g\u00fcnstig. \u2026 [Doch] gerade als die Warschauer Bev\u00f6lkerung ihren bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Armee startete, stoppte der sowjetische Vormarsch pl\u00f6tzlich, die Sowjets zogen sich sogar zur\u00fcck. \u2026 Die Deutschen gingen \u2026 gegen alle Widerstandsnester vor und verwandelten Warschau in eine nahezu tote Ruinenstadt. Erst als die polnische Untergrundarmee so gut wie ausgerottet war, hielt die Sowjetarmee den Augenblick f\u00fcr gekommen, in Warschau einzumarschieren. \u2026 Dies war \u2026 eine Anwendung des Strategems Nr. 3 durch Stalin, der die polnische Untergrundorganisation in Warschau als ein Hindernis f\u00fcr die kommunistische Machtergreifung ansah und sich die deutsche Armee zur Eliminierung dieses Feindes gleichsam auslieh.\u201c (Von Senger, <em>Strategeme, Band I<\/em>, S.79-80).<\/p>\n<p>Auch beim Schach ist Strategem Nr. 3 ein beliebtes Mittel. Man setzt die \u201eDolche\u201c des Computers ein, die dann von einem Helfer zum Schlachtfeld bef\u00f6rdert werden, man zeigt dem Gegner eines Konkurrenten Er\u00f6ffnungsneuerungen und verspricht ihm eine Belohnung, wenn er den Rivalen schl\u00e4gt. Oder man l\u00e4sst sich im Mannschaftskampf Z\u00fcge vorsagen.<\/p>\n<p>Von Ex-Weltmeister Anatoli Karpov wird behauptet, er h\u00e4tte immer wieder starke sowjetische Spieler zu sich ins Trainingslager eingeladen, um mit ihnen Er\u00f6ffnungen zu studieren. Er\u00f6ffnungen, die diese Meister gut kannten. Karpov oder die Kr\u00e4fte, die hinter ihm standen, lockten mit Einladungen zu Turnieren im Ausland oder drohten mit dem Verbot von Auslandsturnieren und die Meister zeigten Karpov die Geheimnisse ihrer Spezialvarianten und verrieten ihm, was sie ihm Laufe der Jahre in m\u00fchevollen Analysen entdeckt hatten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/200px-Karpow_anatoli_20100521_berlin_5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-430\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/200px-Karpow_anatoli_20100521_berlin_5.jpg\" alt=\"200px-Karpow_anatoli_20100521_berlin_5\" width=\"200\" height=\"265\" \/><\/a><br \/>\nEx-Weltmeister Anatoli Karpov &#8211; ein eifriger Sammler fremder Dolche? (<em>Foto: Wikipedia<\/em>)<\/p>\n<p>Aber meistens geht es bei der Er\u00f6ffnungsvorbereitung gerecht zu. Wer mehr arbeitet, ist besser vorbereitet und macht mehr Punkte. Doch manchmal braucht man einfach auch ein bisschen Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Wie der englische Gro\u00dfmeister Jonathan Speelman, der seinen Landsmann Nigel Short im Viertelfinale des Kandidatenturniers 1988 schlug und in einer wichtigen Partie Strategem Nummer 3 anwandte. Die ersten beiden Begegnungen des auf insgesamt sechs Partien angelegten Wettkampfs waren Remis ausgegangen, doch in der dritten Partie lockte Speelman seinen Gegner Short in eine Variante, in der Speelman durch Zufall auf eine wichtige Neuerung gesto\u00dfen war. In seinem Buch <i>Jon Speelman\u2019s Best Games<\/i> schildert Speelman Vorgeschichte und Umst\u00e4nde der Partie.<\/p>\n<p>\u201eNach einer ziemlich d\u00fcrftigen Vorstellung in meiner ersten Wei\u00dfpartie kam es uns ein gl\u00fccklicher Zufall zu Hilfe. Marianne, die Freundin meines Sekundanten Jonathan Tisdall, war kurz zuvor nach London gekommen und hatte unterwegs eine norwegische Zeitung gekauft. Die Schachkolumne enthielt eine Partie zwischen Michail Gurevich und Andrei Sokolov, die ein paar Wochen zuvor bei der Sowjetischen Meisterschaft in Moskau gespielt worden war: eine Partie mit einem theoretischen Knaller.\u201c (Jon Speelman, <i>Jon Speelman\u2019s Best Games<\/i>, Batsford 1997, S. 112).<\/p>\n\n\n<p class=\"rpbchessboard-spacerBefore\"><\/p>\n\n<div id=\"rpbchessboard-69e149cc5217b-1\" class=\"rpbchessboard-chessgame\">\n\t<noscript>\n\t\t\t\t<div class=\"rpbchessboard-noJavascriptBlock\">[Event &quot;Candidates qf4&quot;]\r\n[Site &quot;London&quot;]\r\n[Date &quot;1988.??.??&quot;]\r\n[Round &quot;3&quot;]\r\n[White &quot;Speelman, Jonathan S&quot;]\r\n[Black &quot;Short, Nigel D&quot;]\r\n[Result &quot;1-0&quot;]\r\n[ECO &quot;D37&quot;]\r\n[WhiteElo &quot;2645&quot;]\r\n[BlackElo &quot;2665&quot;]\r\n[PlyCount &quot;53&quot;]\r\n[EventDate &quot;1988.08.??&quot;]\r\n[EventType &quot;match&quot;]\r\n[EventRounds &quot;5&quot;]\r\n[EventCountry &quot;ENG&quot;]\r\n[Source &quot;ChessBase&quot;]\r\n[SourceDate &quot;1999.07.01&quot;]\r\n\r\n1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 d5 4. Nc3 Be7 5. Bf4 {In seinen Anmerkungen zu\r\ndieser Partie verr\u00e4t Speelman, wie aufgeregt er war, dass die vorbereitete\r\nNeuerung aufs Brett kommen k\u00f6nnte und wie er darauf bedacht war, diese\r\nAufregung zu verbergen, um Short nicht misstrauisch zu machen: &#8220;Ich erinnere,\r\nwie ich zwischen dem ersten und dem neunten Zug in einer Reihe von Sprachen\r\nbis 100 gez\u00e4hlt habe und vielleicht sogar innerlich Gedichte aufgesagt habe,\r\num ruhig zu bleiben und nicht \u00fcbereifrig zu wirken.&#8221;} O-O 6. e3 c5 7. dxc5 Nc6\r\n8. Qc2 Bxc5 9. a3 Qa5 {Nach neun Z\u00fcgen steht eine bekannte Variante des\r\nDamengambits mit 5.Lf4 auf dem Brett, die nach dem Stand der damaligen Theorie\r\nf\u00fcr Schwarz absolut spielbar war.} 10. O-O-O {Das war sie, die Neuerung, der\r\nDolch, den sich Speelman von Gurevich geliehen hatte.} Be7 ({Sokolov spielte\r\nhier stattdessen} 10... dxc4 {und verlor schnell:} 11. Bxc4 Be7 12. g4 b5 13.\r\nBxb5 Bb7 14. Nd2 Nb4 15. axb4 Bxb4 16. Nc4 Qa1+ 17. Kd2 Bxc3+ 18. Ke2 Qa2 19.\r\nRa1 {1-0 (19) Gurevich,M (2630)-Sokolov,A (2600) Moscow 1988}) 11. g4 Rd8 12.\r\nh3 a6 13. Nd2 e5 $2 {Speelman gibt diesem Zug ein Fragezeichen und empfiehlt\r\nstattdessen 13&#8230;Ld7 oder 13&#8230;b5. Nach der Partiefortsetzung kommt Wei\u00df in\r\nVorteil.} 14. g5 Ne8 15. Nb3 Qb6 16. Nxd5 Rxd5 17. cxd5 exf4 18. dxc6 fxe3 19.\r\nfxe3 {Speelman: &#8220;Wei\u00df hat eine volle Qualit\u00e4t mehr. Als Kompensation hat\r\nSchwarz das L\u00e4uferpaar und potenziell gewisses Spiel gegen den wei\u00dfen K\u00f6nig;\r\nund die wei\u00dfe Bauernstruktur ist arg zersplittert.&#8221;} Bxg5 20. Kb1 bxc6 {Hier\r\nempfiehlt Speelman 20&#8230;Lf6. Er sieht Wei\u00df zwar auch dann klar im Vorteil,\r\naber meint auch, dass Wei\u00df noch viel Arbeit vor sich hat.} 21. Bc4 Ra7 22. Rhf1\r\nBf6 $2 {Speelman: &#8220;Der Verlustzug.&#8221;} 23. Qe4 Kf8 24. Qxh7 g6 25. e4 c5 26. e5\r\nBg7 27. e6 {Mit diesem Sieg legte Speelman den Grundstein f\u00fcr den Sieg im\r\nWettkampf. Der Zug 10.0-0-0 brachte Speelman zwar nicht sofort eine\r\nGewinnstellung, aber diese Neuerung brachte Short aus dem Konzept und trug so\r\nwesentlich zum wei\u00dfen Sieg in dieser Partie bei.} 1-0<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"rpbchessboard-javascriptWarning\">\n\t\t\tSie m\u00fcssen JavaScript aktivieren, um die Notation zu verbessern.\t\t<\/div>\n\t<\/noscript>\n\t<div class=\"rpbchessboard-chessgameAnchor\"><\/div>\n\t<script type=\"text\/javascript\">\n\t\tjQuery(document).ready(function($) {\n\t\t\t\t\t\t$.chessgame.navigationButtonClass  = 'rpbchessboard-jQuery-enableSmoothness';\n\t\t\t$.chessgame.navigationFrameClass   = 'wp-dialog';\n\t\t\t$.chessgame.navigationFrameOptions = {\"squareSize\":40,\"showCoordinates\":true,\"colorset\":\"original\",\"pieceset\":\"cburnett\",\"animationSpeed\":200,\"showMoveArrow\":false};\n\t\t\tvar selector = '#' + \"rpbchessboard-69e149cc5217b-1\" + ' .rpbchessboard-chessgameAnchor';\n\t\t\t$(selector).removeClass('rpbchessboard-chessgameAnchor').chessgame({\"pgn\":\"[Event \\\"Candidates qf4\\\"]\\r\\n[Site \\\"London\\\"]\\r\\n[Date \\\"1988.??.??\\\"]\\r\\n[Round \\\"3\\\"]\\r\\n[White \\\"Speelman, Jonathan S\\\"]\\r\\n[Black \\\"Short, Nigel D\\\"]\\r\\n[Result \\\"1-0\\\"]\\r\\n[ECO \\\"D37\\\"]\\r\\n[WhiteElo \\\"2645\\\"]\\r\\n[BlackElo \\\"2665\\\"]\\r\\n[PlyCount \\\"53\\\"]\\r\\n[EventDate \\\"1988.08.??\\\"]\\r\\n[EventType \\\"match\\\"]\\r\\n[EventRounds \\\"5\\\"]\\r\\n[EventCountry \\\"ENG\\\"]\\r\\n[Source \\\"ChessBase\\\"]\\r\\n[SourceDate \\\"1999.07.01\\\"]\\r\\n\\r\\n1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. 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