{"id":442,"date":"2013-06-04T17:19:54","date_gmt":"2013-06-04T15:19:54","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=442"},"modified":"2017-03-22T08:03:30","modified_gmt":"2017-03-22T07:03:30","slug":"bertolt-brechts-gedicht-radwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/06\/04\/bertolt-brechts-gedicht-radwechsel\/","title":{"rendered":"Bertolt Brechts Gedicht \u201eRadwechsel\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_443\" style=\"width: 165px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-443\" class=\"size-full wp-image-443\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/brecht.jpg\" alt=\"Bertolt Brecht (Foto: Wikipedia)\" width=\"155\" height=\"225\" \/><p id=\"caption-attachment-443\" class=\"wp-caption-text\">Bertolt Brecht (Foto: Wikipedia)<\/p><\/div>\n<p><em>Ein kurzer Streifzug durch das Internet<\/em><\/p>\n<p>Manche Gedichte begleiten einen das ganze Leben. Ob man sie mag oder nicht, ob man es will oder nicht, immer wieder dr\u00e4ngen sich in passenden und unpassenden Momenten die gleichen Gedichtzeilen ins Bewusstsein. Eines dieser Gedichte, das mich verfolgt, ist Bertolt Brechts \u201eRadwechsel\u201c. Vermutlich habe ich es irgendwann in der Schule das erste Mal gelesen, doch immer wieder kamen mir im Laufe der Jahre Bruchst\u00fccke des Gedichts in den Sinn, meist in Wartezimmern von \u00c4rzten und Beh\u00f6rden. \u201eIch bin nicht gerne, wo ich herkomme, ich bin nicht gerne, wo ich hinfahre, warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?\u201c Irgendwann beschloss ich der Sache bzw. dem Gedicht nachzugehen und machte mich im Internet auf die Suche.<!--more Radwechsel im Internet... --><\/p>\n<p><strong>Bertolt Brecht<br \/>\n<\/strong>Der Radwechsel<\/p>\n<p>Ich sitze am Stra\u00dfenhang.<br \/>\nDer Fahrer wechselt das Rad.<br \/>\nIch bin nicht gern, wo ich herkomme.<br \/>\nIch bin nicht gern, wo ich hinfahre.<br \/>\nWarum sehe ich den Radwechsel<br \/>\nmit Ungeduld?<\/p>\n<p>Ich hatte dieses Gedicht immer als Ausdruck einer inneren Unrast, einer prinzipiellen Ungeduld verstanden, als, wenn man so will, poetischen Ausdruck der Schwierigkeit, dem buddhistischen Ideal des heiteren und gelassenen Lebens im Moment gerecht zu werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/buddha-statue.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-444 alignnone\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/buddha-statue.jpg\" alt=\"buddha-statue\" width=\"480\" height=\"335\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/buddha-statue.jpg 480w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/buddha-statue-300x209.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zu naiv? Vielleicht. Brecht hat das Gedicht 1953 geschrieben, dem Jahr des Volksaufstands in der DDR und Prof. Dr. Jan Knopf, Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) am Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie KIT, hat zur Entstehung und Interpretation des Gedichts Folgendes zu sagen:<\/p>\n<p>\u201eDer Radwechsel entstand als eine der Buckower Elegien im Sommer 1953 nach den Ereignissen des 17. Juni und als Reaktion auf ihn, n\u00e4mlich in Erwartung des \u201aNeuen Kurses\u2018, den die Regierung Ulbricht versprochen hatte, nachdem sie sich schon geweigert hatte, die Verantwortung zu \u00fcbernehmen und zur\u00fcckzutreten, damit der versprochene \u201aSozialismus\u2018 endlich nicht als der \u201abefohlene\u2018, sondern als der \u201avon unten\u2018, mit der \u201eWeisheit des Volkes\u201c, wie Brecht formulierte, aufgebaut werden k\u00f6nnte. Wie wir jetzt wissen, war der \u201aNeue Kurs\u2018 eine leere Versprechung, und der Sozialismus, der eben nicht \u201aaufgebaut\u2018 wurde, musste am Ende \u201ereal existierend\u201c genannt werden, weil er nicht real existierte, sondern nur eine Missgeburt darstellte, f\u00fcr die heute niemand mehr die Verantwortung \u00fcbernehmen will. Aber das nur nebenbei.\u201c<br \/>\n<a href=\"http:\/\/abb.litwiss.uni-karlsruhe.de\/img\/content\/3GH_2010-2_Knopf.pdf\" target=\"blank\">Dreigroschenheft, 2\/2010<\/a><\/p>\n<p>Nun ja. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Im Gedicht jedenfalls ist von der \u201eWeisheit des Volkes\u201c nur mit viel gutem Willen, Einfallsreichtum und interpretatorischer Phantasie etwas zu erkennen und auch Worte wie \u201eNeuer Kurs\u201c oder \u201eSozialismus\u201c sucht man dort vergeblich.<\/p>\n<p>Stichwort \u00dcberinterpretation. Auf der Webseite der satirisch-literarischen <a href=\"http:\/\/www.fitzoblong.de\/\" target=\"blank\">Fitzoblongshow<\/a>, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Quasthoff\" target=\"blank\">Michael Quasthoff<\/a> und Dietrich zur Nedden in Hannover geleitet haben, st\u00f6\u00dft man unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.fitzoblong.de\/text_nedden\/nedden_5.htm\" target=\"blank\">Brechts Daimler<\/a> auf eine von Dietrich zur Nedden mit feiner Ironie geschriebene Warnung vor der \u00dcberinterpretation von Gedichten, die zugleich Brechts so gar nicht sozialistisches Verh\u00e4ltnis zu Autos und Geld deutlich macht. \u00dcber den \u201eRadwechsel\u201c schreibt zur Nedden:<\/p>\n<p>\u201eIn schier geni\u00f6ser Schlichtheit, haben wir vielleicht von der Deutschlehrerin vorgesagt bekommen, wird hier die Unbehaustheit des Menschen in der Moderne in eine Metapher gemei\u00dfelt, damit sich treffliche Aufs\u00e4tze dar\u00fcber schreiben lassen, wo man auch ganz viel von sich selbst, der eigenen Erfahrungswelt, dem eigenen Zerrissensein einbringen kann.<\/p>\n<p>Kaum bekannt sind aber die tieferliegenden Motive, die Brecht veranla\u00dft, ja getrieben haben m\u00fcssen, diese Zeilen 1953 zu schreiben. John Fuegis Buch &#8220;Brecht &amp; Co.&#8221; wirft mit einer Passage Licht ins Dunkel der Dichterwerkstatt, ohne da\u00df Fuegi selbst den auf der Hand liegenden Zusammenhang hergestellt h\u00e4tte. L\u00e4nger als zwei Jahrzehnte mu\u00df Brechts Unbewu\u00dftes beziehungsweise Unterbewu\u00dftsein mit einer Begebenheit besch\u00e4ftigt gewesen sein, die den Ledermann mit der Zigarre in einen Disput gezogen hatte, aus dem er, vertraut man Fuegis Darstellung, wie immer als Sieger, wenn auch nicht als<br \/>\nmoralischer, hervorgehen sollte.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/brecht1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-445\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/brecht1.jpg\" alt=\"Bertolt Brecht (Foto: Wikipedia)\" width=\"155\" height=\"225\" \/><\/a><\/p>\n<dl id=\"attachment_445\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"width: 165px;\">\n<dd class=\"wp-caption-dd\">Bertolt Brecht (Foto: Wikipedia)<\/dd>\n<\/dl>\n<p>Im Folgenden erf\u00e4hrt man, wie sich Brecht 1926 bei einem Herrn Otto M\u00fcllereisert, einem Bekannten Brechts aus Jugendtagen, Geld lieh, um sich einen gro\u00dfen Wagen zu kaufen, das Geld aber nicht zur\u00fcck zahlte und sich mit seinem Bekannten in der Folge wegen angeblicher technischer M\u00e4ngel des Autos zerstritt und das Geld schuldig blieb.<br \/>\nNach dieser biographischen Anekdote kommt zur Nedden mit einer Parodie psychoanalytisch inspirierter Interpretationen auf den \u201eRadwechsel\u201c zur\u00fcck:<\/p>\n<p>\u201eDer Gro\u00dfstadtlyriker schickte seinem Kumpel aus Jugendtagen ein Telegramm: \u201aWann kommt Auto \u2013 Brecht\u2019. Eine klare, eine deutliche Botschaft, und die aufmerksame Leserin hat l\u00e4ngst die Verbindungen hergestellt zum &#8220;Fahrer&#8221; des Gedichts, der nichts anderes sein kann als quasi eine, um es im Freudschen Terminus auszudr\u00fccken, Deckerinnerung an den Konflikt mit M\u00fcllereisert keine drei Jahrzehnte vorher und andererseits zum Schlu\u00dfwort des Gedichts, das hier in der Biographie des Autors mittelbar bereits an zentraler Stelle auftaucht und somit quasi zum Leitmotiv wird.\u201c<\/p>\n<p>Doch ob man Brechts \u201eRadwechsel\u201c parodiert oder ob man es politisch, psychologisch, allgemein menschlich oder buddhistisch versteht \u2013 das Gedicht setzt Energien frei. So verweist <a href=\"http:\/\/www.franzdobler.de\/\" target=\"blank\">Franz Dobler<\/a>, laut Selbstauskunft \u201eSchriftsteller, Journalist, DJ, H\u00f6rspielmacher und ein gro\u00dfer Kenner und Liebhaber von Country-Musik\u201c, in einer <a href=\"http:\/\/www.franzdobler.de\/artikel\/saam-schlaminger.htm\" target=\"blank\">Rezension<\/a> in der Jungen Welt auf einen der H\u00f6hepunkte des Augsburger Brechtfestivals 2006: Die Videoinstallation \u201eRadwechsel\u201c des Musikers <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saam_Schlamminger\" target=\"\">Saam Schlamminger<\/a>.<\/p>\n<div id=\"attachment_446\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/170px-Franz_Dobler_2008.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-446\" class=\"size-full wp-image-446\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/170px-Franz_Dobler_2008.jpg\" alt=\"Franz  Dobler (Foto: Wikipedia)\" width=\"170\" height=\"255\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-446\" class=\"wp-caption-text\">Franz Dobler (Foto: Wikipedia)<\/p><\/div>\n<p>Wie Dobler schreibt, bat Schlamminger mit Hilfe des Goethe-Instituts \u201ePersonen [aus allen Kontinenten], denen Brecht was bedeutet, [sie] m\u00f6gen ein Gedicht ihrer Wahl sprechen und sich dabei filmen (lassen) an einem allt\u00e4glichen oder f\u00fcr sie wichtigen Ort. 37 kurze Filme kamen zur\u00fcck und wurden zu einer 70-Minuten-Dokumentation verbunden. Schlammingers &#8220;Manipulation&#8221;, wie er es nennt, war die Reihung und das Angleichen oder vorsichtige \u00dcberblenden der vorhandenen Sounds. Ein Abenteuerfilm: die Gesichter, die Gedichte, die Sprachen, die Orte, die Sounds, die Styles, die Nicht- und die Inszenierung, die Bem\u00fchung, der Dilletantismus, das Professionelle, das Ernste und Komische. Es ist unglaublich, es ist wunderbar, spannend, anr\u00fchrend, umwerfend.\u201c<\/p>\n<p>Stimmt. Hier ist eine gek\u00fcrzte Fassung, die man bei youtube sehen kann.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/VAWIVpc1chE\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"kmhqurgautemxzxlghlo\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/9a2ac186c8b5463c97d143d20f03eca5\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/06\/04\/bertolt-brechts-gedicht-radwechsel\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2013\/06\/04\/bertolt-brechts-gedicht-radwechsel\/\" data-text=\"Bertolt Brechts Gedicht \u201eRadwechsel\u201c\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kurzer Streifzug durch das Internet Manche Gedichte begleiten einen das ganze Leben. Ob man sie mag oder nicht, ob man es will oder nicht, immer wieder dr\u00e4ngen sich in&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[44,47,45,48,46],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/442"}],"collection":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=442"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/442\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2003,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/442\/revisions\/2003"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=442"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=442"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=442"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}