{"id":3278,"date":"2019-07-20T12:26:51","date_gmt":"2019-07-20T10:26:51","guid":{"rendered":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=3278"},"modified":"2019-07-20T12:26:51","modified_gmt":"2019-07-20T10:26:51","slug":"schachblindheit-im-archiv-geblaettert-und-immer-aktuell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2019\/07\/20\/schachblindheit-im-archiv-geblaettert-und-immer-aktuell\/","title":{"rendered":"Schachblindheit: Im Archiv gebl\u00e4ttert und immer aktuell"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3279\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/grischuk-caruana.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/grischuk-caruana.jpg 250w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/grischuk-caruana-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/>Die Diagrammstellung links stammt aus einer Partie zwischen Alexander Grischuk und Fabiano Caruana, die im Juni 2019 in der 6. Runde des Norway Chess Turniers gespielt wurde. Es war eine Armageddon-Partie, aber die verk\u00fcrzte Bedenkzeit ist keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das, was jetzt geschah. Grischuk, Blitzweltmeister 2006, 2012 und 2015, und zum Zeitpunkt des Turniers mit 2772 Elo die Nummer 9 der Welt, zog hier <strong>17.Lh6??<\/strong>, was Schwarz nach ganz kurzem Nachdenken mit <strong>17&#8230;Lxh6<\/strong> beantwortete, woraufhin Wei\u00df kopfsch\u00fcttelnd sofort aufgab. Offensichtlich litt Grischuk unter einem kurzen Anfall von Schachblindheit und hatte vergessen, dass die Dame auf c1 den L\u00e4ufer auf h6 nicht deckt, weil ein wei\u00dfer Springer auf d2 steht. Eine kuriose Niederlage, aber Schachblindheit ist eine Krankheit, die Schachspieler aller Spielst\u00e4rken schon seit Jahrhunderten plagt und gegen die noch kein wirklich wirksames Gegenmittel gefunden wurde.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Amaurosis Scacchistica: Anmerkungen zur Schachblindheit<br \/>\n<\/strong><em>Dieser Text erschien zuerst in <a href=\"https:\/\/karlonline.org\/2_05\/\">Karl 2\/2005<\/a>, S. 38-39 und wurde leicht bearbeitet.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3280\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/aljechin-euwe.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/aljechin-euwe.jpg 400w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/aljechin-euwe-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/aljechin-euwe-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\n<em>A. Aljechin &#8211; M. Euwe, 1937, Stellung nach 26.Sc3<\/em><\/p>\n<p>Das obige Diagramm zeigt eine Position aus der 16. Partie des Weltmeisterschaftskampfes 1937 zwischen Alexander Aljechin und Max Euwe, die eine der bekanntesten Partien des Blindspielk\u00fcnstlers Aljechin ist. Ihre Bekanntheit verdankt sie allerdings keiner spektakul\u00e4ren Kombination, sondern einer kuriosen Folge grober Fehler. Euwe spielte hier <strong>26&#8230;De5?<\/strong>, wobei er die einfache Kombination 27.Dh8+ Kxh8 28.Sxf7+ Kg8 29.Sxe5 mit f\u00fcr Wei\u00df gewonnenem Endspiel \u00fcbersah, die allerdings auch Aljechin entging. Statt mit 27.Dh8+ zu gewinnen, spielte er <strong>26.Lb2 Lc6 27.a3 Ld6<\/strong> und nach 65 Z\u00fcgen endete die Partie schlie\u00dflich mit Remis.<\/p>\n<p>Zuschauer dieser Geschehnisse waren unter anderem Spitzenspieler wie Erich Eliskases, Reuben Fine, Salo Flohr und Samuel Reshevsky, aber auch von ihnen sah keiner diese M\u00f6glichkeit, wahrscheinlich, weil in einer Partie zwischen Aljechin und Euwe nach primitiven Kombinationen Ausschau zu halten, in diesen Kreisen als unfein galt.<\/p>\n<p>Auf alle F\u00e4lle hatten sich die Gro\u00dfmeister, die der Partie zuschauten, von Aljechins und Euwes Schachblindheit anstecken lassen, einer Krankheit, der wohl fast alle Schachspieler schon einmal zum Opfer gefallen sind. Als studierter Mediziner, der er war, verlieh ihr Dr. Tarrasch den klangvollen lateinischen Namen <em>Amaurosis scacchistica<\/em>. (Vgl. Dr. Siegbert Tarrasch, \u201e\u00dcber Schachblindheit\u201c, in: <em>Die Moderne Schachpartie<\/em>, Z\u00fcrich: Edition Olms 2003 [1912], S. 451-453.) Mit der Schachblindheit verh\u00e4lt es sich wie mit dem Schnupfen: Jeder leidet gelegentlich darunter, aber warum er einen bef\u00e4llt und wie man sich dagegen sch\u00fctzen kann, wei\u00df niemand.<\/p>\n<p>Mit einer entspannten Sicht auf den Wunsch nach Perfektion und einer Portion Schadenfreude bildet die Schachblindheit jedoch einen nie versiegenden Quell der Heiterkeit. So stellte die satirische Zeitschrift <em>Not the British Chess Magazine<\/em>, deren erste und einzige Ausgabe 1984 erschien, in eben dieser Ausgabe nicht nur die Frage, ob Vegetariern der Killerinstinkt fehlt, sondern kr\u00f6nte auch den \u201eBlunder of the Year\u201c. Den Preis gewann eine 1983 in Australien von den Herren Sztern und Lundquist gespielte Partie.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3281\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/lundquist.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/lundquist.jpg 400w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/lundquist-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/lundquist-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\n<em>Sztern &#8211; Lundquist, Australien 1983<\/em><\/p>\n<p>In dieser Stellung war Lundquist mit Schwarz am Zug und bot Remis an, was man eigentlich nur machen darf, nachdem man seinen Zug ausgef\u00fchrt hat. Deshalb, oder auch weil er mehr als einen halben Punkt wollte, bat Sztern seinen Gegner, noch einen Zug zu machen. Lundquist lie\u00df sich nicht lumpen und warf <strong>1&#8230;Dxb2+<\/strong> aufs Brett \u2013 was nach <strong>2.Kxb2 Tb3 3.Ka2 Ta8+<\/strong> zu Matt f\u00fchrt. Diese unerwartete Wendung der Dinge schockierte Sztern so, dass er verga\u00df, das immer noch g\u00fcltige Remisangebot anzunehmen und sofort aufgab.<\/p>\n<p>Sollte irgendjemand auf die Idee kommen, den \u201eBlunder of the Year\u201c Wettbewerb regelm\u00e4\u00dfig zu veranstalten, dann braucht er sich \u00fcber einen Mangel an Kandidaten keine Sorgen zu machen. So versammelt Emil Gelenczeis <em>Little Book of Chess Blindness<\/em> 180 Beispiele grober Versehen und zeigt damit, wie Schachblindheit seit jeder ein Begleiter des Turnierlebens war. Und Klaus Trautmann trug in <em>Der letzte Fehler: 128 irrt\u00fcmlich aufgegebene Schachpartien<\/em> sogar zu einem Spezialgebiet der Schachblindheit genug Material zusammen, um ein ganzes Buch zu f\u00fcllen. Der Klassiker dieses Genres ist zweifelsohne die 1902 in Monte Carlo gespielte Partie zwischen Ignatz Von Popiel und Georg Marco:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3282\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/popiel-marco.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/popiel-marco.jpg 400w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/popiel-marco-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/popiel-marco-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\n<em>I. Von Popiel &#8211; G. Marco, Monte Carlo 1902, Stellung nach 35.Td1<\/em><\/p>\n<p>Wei\u00df hatte soeben <strong>35.Td1<\/strong> gezogen, und da Schwarz keine Rettung mehr f\u00fcr seinen gefesselten L\u00e4ufer sah, gab er die Partie auf. Mit dem h\u00fcbschen und \u00fcberraschenden taktischen Schlag <strong>35&#8230;Lg1!<\/strong> h\u00e4tte er allerdings sofort gewinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schachblindheit hat etwas Tragikomisches: umfassende Er\u00f6ffnungsvorbereitung, tiefe Strategien, gro\u00dfartige Opfer, die erwogen und wieder verworfen werden, originelle und pr\u00e4zise Variantenberechnung scheitern im entscheidenden Moment alle an der Unzuverl\u00e4ssigkeit des menschlichen Geistes. Aber wenn man der Schachblindheit nicht selbst zum Opfer f\u00e4llt, dann bleibt auch hier Schadenfreude oft die reinste Freude. Besonders gern gesehen werden dabei grobe Patzer der Gro\u00dfen des Schachs, die sich mit solchen Fehlern am unteren Ende des Leistungsspektrums mit dem gemeinen Schachvolk auf eine Stufe stellen. Besonders verbl\u00fcffend wirken solche Fehler, wenn sie Spielern unterlaufen, die f\u00fcr ihr sicheres Spiel ber\u00fchmt sind. So gelang Tigran Petrosian, dessen Verteidigungskunst legend\u00e4r ist, beim Kandidatenturnier in Amsterdam 1956 mit Wei\u00df gegen Bronstein eine Partie voller tiefer prophylaktischer Man\u00f6ver, die dann doch nur wegen eines groben Fehlers in die Geschichte einging:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3283\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/petrosian-bronstein.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/petrosian-bronstein.jpg 400w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/petrosian-bronstein-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/petrosian-bronstein-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\n<em>T. Petrosian &#8211; D. Bronstein, Amsterdam 1956, Stellung nach 35&#8230;Sf5<\/em><\/p>\n<p>Petrosian, der sich nicht in Zeitnot befand, spielte in dieser Stellung <strong>36.Sg5<\/strong>, wonach die einzige aktive Figur des Schwarzen die wei\u00dfe Dame vom Brett entfernte: nach <strong>36&#8230;Sxd6<\/strong> gab Wei\u00df sofort auf.<\/p>\n<p>Man kann nur vermuten, wie sich Petrosian nach dieser Partie gef\u00fchlt hat. Aber das Leben geht weiter: sieben Jahre sp\u00e4ter wurde Petrosian Weltmeister.<\/p>\n<p><strong>Siehe auch<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/03\/p-h-clarke-ueber-tigran-petrosian\/\">P.H. Clarke \u00fcber Petrosian<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/08\/10\/schachbegeisterung-the-most-instructive-games-of-chess\/\">Schachbegeisterung: The Most Instructive Games of Chess<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/Siehe%20auch%20P.H.%20Clarke%20\u00fcber%20Petrosian%20Schachbegeisterung:%20The%20Most%20Instructive%20Games%20of%20Chess\">Ein bemerkenswerter K\u00f6nigsmarsch: Tigran Petrosian gegen Jack Peters<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2018\/09\/27\/aus-aktuellem-anlass-tigran-petrosjan-als-olympiaspieler\/\">Tigran Petrosian als Olympiaspieler<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2019\/07\/20\/schachblindheit-im-archiv-geblaettert-und-immer-aktuell\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2019\/07\/20\/schachblindheit-im-archiv-geblaettert-und-immer-aktuell\/\" data-text=\"Schachblindheit: Im Archiv gebl\u00e4ttert und immer aktuell\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diagrammstellung links stammt aus einer Partie zwischen Alexander Grischuk und Fabiano Caruana, die im Juni 2019 in der 6. 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