{"id":2019,"date":"2017-04-09T16:57:46","date_gmt":"2017-04-09T14:57:46","guid":{"rendered":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=2019"},"modified":"2017-04-09T16:59:41","modified_gmt":"2017-04-09T14:59:41","slug":"im-archiv-geblaettert-der-ultimative-schachfilm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/04\/09\/im-archiv-geblaettert-der-ultimative-schachfilm\/","title":{"rendered":"Im Archiv gebl\u00e4ttert: &#8220;Der ultimative Schachfilm&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2020\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/cover-109_g.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"319\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/cover-109_g.jpg 225w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/cover-109_g-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/>Der <a href=\"http:\/\/karlonline.org\/home.htm\">KARL<\/a> hat viele sch\u00f6ne Seiten. Sch\u00f6n ist zum Beispiel, dass viele KARL-Artikel zeitlos sind. So fiel mir vor kurzem ein altes Heft in die H\u00e4nde und Erinnerungen an \u201eSchach im Film\u201c, dem Schwerpunkt dieses Heftes, wurden geweckt. Ich habe in der Ausgabe einen Beitrag \u00fcber zwei Filme geschrieben, in denen Schach eine Rolle spielt. \u201eKnight Moves\u201c, ein schrecklicher Film mit Christopher Lambert in der Hauptrolle, und \u201eFresh\u201c mit Sean Nelson, meiner Ansicht nach einer der besten Filme mit dem Thema Schach \u00fcberhaupt. Hier noch einmal der ganze Artikel.<!--more Zum ultimativen Schachfilm...--><\/p>\n<p><strong>DER ULTIMATIVE SCHACHFILM &#8211; ODER WARUM SCHACH NICHT SEXY IST<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, Sie sind Drehbuchautor und Regisseur und wollen einen Krimi drehen. Eine Hommage an Humphrey Bogart, Raymond Chandler und die schwarze Serie in Hollywood. Ihr Held tr\u00e4gt Trenchcoat, trinkt viel Whisky, wird oft verpr\u00fcgelt, f\u00e4llt korrupten Politikern und Polizisten zum Opfer, was ihn jedoch nicht davon abh\u00e4lt, f\u00fcr wenig Geld den Fall zu l\u00f6sen, was zu einer sch\u00f6nen Schie\u00dferei und vielen Toten f\u00fchrt. Aber daf\u00fcr, traurig, traurig, muss er all die vielen Frauen, die sich in ihn im Laufe des Films verlieben, verlassen. Wenn er das tut, nimmt er sanft ihr Kinn in seine H\u00e4nde und sagt: \u201eIch schau Dir in die Augen, Kleines.\u201c Dieses sch\u00f6ne Drehbuch bieten Sie einem Produzenten an, der es jedoch \u00fcberraschenderweise ablehnt und meint, all das sei schon Hundert Mal gemacht worden, Sie sollten etwas Originelles machen, \u00fcber ein Gebiet, in dem Sie sich auskennen. Sie beschlie\u00dfen, die Zeit ist gekommen, endlich einen Film zu drehen, der Schach angemessen repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Ihr neuer Held ist Schachmeister auf dem Weg zur Weltmeisterschaft. Er nimmt an einem Qualifikationsturnier zur Weltmeisterschaft teil und in dem kleinen Ort, in dem dieses Turnier stattfindet, trifft er seine gro\u00dfe Jugendliebe wieder, die damals, als sie noch gemeinsam zur Schule gingen, pl\u00f6tzlich mit ihren Eltern die Stadt verlassen musste. Jetzt arbeitet sie als Kommissarin bei der Polizei und ermittelt in einem Mordfall, der die kleine Stadt ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Ihr Held nutzt seinen Charme, seinen Humor und eine etwas linkische H\u00f6flichkeit, um die Dame wieder f\u00fcr sich zu gewinnen, und seinen Scharfsinn und seine Kombinationsgabe, um ihr zu helfen, den M\u00f6rder zu finden, was zu einer sch\u00f6nen Schie\u00dferei und vielen Toten f\u00fchrt. Wie Zufall und Drehbuch es wollen, ist einer davon der smarte, korrupte Anwalt, der ebenfalls ein Auge auf die Kommissarin geworfen hat. \u00dcber M\u00f6rdersuche, romantischen Verwicklungen und Schie\u00dfereien vergisst unser Held fast das Schachspielen, aber eine dramatische Autofahrt bringt ihn letzter Sekunde in den Turniersaal, wo er die entscheidende Partie und das Turnier gewinnt. Umarmung, Kuss, Geigen, Abspann, alle sind gl\u00fccklich \u2013 der Zuschauer verl\u00e4sst beschwingt und heiter das Kino. Auch die Hauptrollen haben Sie innerlich schon besetzt: J\u00fcrgen Vogel brilliert als Schachspieler, als Kommissarin gl\u00e4nzen entweder Heike Makatsch, Franka Potente oder Natalia W\u00f6rner. Im f\u00e4lligen Hollywood Remake sehen Sie Leonardo DiCaprio die Figuren ziehen, w\u00e4hrend Kate Winslet M\u00f6rder f\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wieder gehen Sie zum Produzenten und als er das Drehbuch kauft, tr\u00e4umen Sie von einem Oscar f\u00fcr den ultimativen Schachfilm. Eine Zeitlang passiert nichts, dann endlich, kaum zu glauben, kommt die gute Nachricht: Hollywood hat angebissen und will den Stoff verfilmen, allerdings mit ein paar kleinen \u00c4nderungen am Drehbuch \u2013 und auch die Regie \u00fcbernimmt jemand anders. Heraus kommt dann vielleicht ein Werk wie <em>Knight Moves<\/em>, einer der bekanntesten und kommerziell erfolgreichsten Filme, in dem Schach zentrales Thema ist, 1993 gedreht und von Regisseur Carl Shenkel zu verantworten.<\/p>\n<p><strong>KNIGHT MOVES<\/strong><\/p>\n<p>Hauptfigur ist Peter Sanderson, ein Schachspieler auf dem Weg zur Weltmeisterschaft. Er nimmt an einem Qualifikationsturnier zur Weltmeisterschaft teil und in dem kleinen Ort, in dem das Turnier stattfindet, lernt er eine Psychologin namens Kathy kennen, die der Polizei auf der Suche nach einem Serienm\u00f6rder hilft. Allerdings ist Sanderson selbst in den Fall verwickelt, weil er mit einem der Opfer eine Aff\u00e4re hatte und der M\u00f6rder Kontakt zu Sanderson sucht, um ihn zu einem \u201eSpiel\u201c einzuladen.<\/p>\n<p>Sanderson gewinnt die Psychologin f\u00fcr sich, weil er aussieht wie Christopher Lambert, das Drehbuch es will und er so in sich gefangen ist, dass man in ihm einen tiefen und tragischen Charakter vermuten kann. Aber sie hat Zweifel: Vielleicht ist er doch der M\u00f6rder und sie das n\u00e4chste Opfer? Und \u00fcberhaupt: Er scheint nur aufs Schach fixiert, wirkt arrogant und unnahbar und nicht wie ein Mann, der einen oder den man lieben kann. Wie auch seine erste Ehefrau feststellen musste. Aus Verzweiflung, Sanderson nicht n\u00e4her kommen zu k\u00f6nnen, brachte sie sich um. Das erz\u00e4hlt Sanderson der Psychologin, zeigt sich damit offen f\u00fcr Ver\u00e4nderungen und einen zweiten romantischen Versuch. Anders als die Polizei, die Sanderson f\u00fcr den M\u00f6rder h\u00e4lt, glaubt die Psychologin dem Schachmeister und hilft ihm bei der Suche nach dem M\u00f6rder. Der entpuppt sich als ein ehemaliger Rivale Sandersons: Als Jugendliche hatten die beiden gegeneinander gespielt und als Sanderson den Serienm\u00f6rder in spe Matt setzte, st\u00fcrzte sich der so Gedem\u00fctigte auf den zugegeben arrogant wirkenden Sieger der Partie. Solche Reaktionen kommen in Filmen \u00fcber Schach h\u00e4ufiger vor als in Schachturnieren und sind kein Zeichen stabiler Psyche \u2013 was zu veranschaulichen ja auch der Sinn dieser Szene ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2027\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/knight-moves.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"541\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/knight-moves.jpg 380w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/knight-moves-211x300.jpg 211w\" sizes=\"(max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/p>\n<p>Dass der Vater des Besiegten kurze Zeit nach diesem Vorfall die Familie verl\u00e4sst und die Mutter sich die Pulsadern aufschneidet, um anschlie\u00dfend malerisch drapiert auf ihrem Bett zu verbluten, liefert uns weitere Einblicke in die nicht allzu heile Innenwelt des sp\u00e4teren M\u00f6rders. Erneut kommt hier das Schach ins Spiel: Als der Junge die Leiche seiner Mutter entdeckt, geht er scheinbar unger\u00fchrt in die K\u00fcche, holt ein Glas Milch aus dem K\u00fchlschrank, setzt sich ans Schachbrett und f\u00fchrt den Springerzug (englisch \u201eKnight Move\u201c) Sf3 aus. Wohin diese Flucht ins Schachspiel f\u00fchrt, sieht man im weiteren Verlauf der Geschichte. Wohin die Enttarnung des M\u00f6rders f\u00fchrt, sieht man am Schluss des Films: zu einer unsch\u00f6nen Schl\u00e4gerei mit vielen Toten. Die \u00dcberlebenden fallen sich in die Arme, Tr\u00e4nen, Schreie, Abspann \u2013 keiner ist gl\u00fccklich, der Zuschauer verl\u00e4sst verst\u00f6rt das Kino oder macht den Fernseher aus und hofft, dass es nie ein Remake dieses Films geben wird.<\/p>\n<p><strong>SCHACH ALS ZEICHEN<\/strong><\/p>\n<p>Warum? Warum sind Schachspieler in Filmen oder B\u00fcchern wie in Stefan Zweigs <em>Schachnovelle<\/em> und Nabokovs <em>Lushins Verteidigung<\/em> so oft introvertierte Genies, geistesgest\u00f6rte Trottel, kriminelle Fanatiker oder k\u00fchl kalkulierende Erfolgsmenschen, die \u00fcber Leichen gehen? Warum wird Schach so oft mit Einsamkeit, Tod und Wahnsinn in Verbindung gebracht? Warum spielt James Bond Baccarat und Poker aber kein Schach?<\/p>\n<p>Die traurige Antwort k\u00f6nnte lauten, dass Schach kein besonders gutes oder ein bestenfalls zwiesp\u00e4ltiges Image hat. Filme arbeiten mit Zeichen, Symbolen, die Bedeutung stiften. Das k\u00f6nnen Schauspieler mit einem bestimmten Image sein, Sprechweisen, Redewendungen, Kleidung, Frisur, Aussehen, Hobbys, Leidenschaften und Interessen der jeweiligen Charaktere, Anspielungen auf andere Filme, B\u00fccher, Geschichten oder reale Personen und noch viel mehr. Diese Sinn stiftenden Zeichen erzeugen Bedeutung, \u00e4ndern, verst\u00e4rken, karikieren, unterlaufen, persiflieren, erg\u00e4nzen und widersprechen sich, sie k\u00f6nnen passend und unpassend sein, spielerisch und ernst gemeint, sie k\u00f6nnen Moden stiften, Ums\u00e4tze steigern, Alltagskultur und Teil des gesellschaftlichen Diskurses werden oder in Vergessenheit geraten. Sie sind wandelbar und keineswegs eindeutig, denn sie beruhen darauf, dass das Publikum sie kennt und deuten kann. Ein Zitat oder eine Parodie von <em>Casablanca<\/em> versteht man nur, wenn man den Film kennt \u2013 was nicht hei\u00dft, dass man ihn gesehen hat \u2013 und seit dem <em>Paten<\/em> wei\u00df man, was von Angeboten, die man nicht ablehnen kann, zu halten ist. Umgekehrt verraten Filme viel \u00fcber das Publikum, das sie gerne mag. So verraten zum Beispiel die in England in Film und Fernsehserien immer noch beliebten und gern gezeigten Karikaturen deutscher Soldaten, die immerzu \u201eSturmbannf\u00fchrer\u201c, \u201eAchtung\u201c, \u201eStillgestanden\u201c, \u201eSauerkraut\u201c oder dergleichen sch\u00f6ne Dinge br\u00fcllen, mehr \u00fcber das Deutschlandbild bestimmter gesellschaftlicher Gruppen in England als \u00fcber die Deutschen.<\/p>\n<p>Auch Schach fungiert als Zeichen. In B\u00fcchern, in Filmen, im Alltag. Leider selten positiv. \u201eRasenschach\u201c ist keineswegs ein Lob f\u00fcr ein taktisch raffiniertes Fu\u00dfballspiel und ein Charakter in einem Roman, der als Leiter der Schulschachgruppe eingef\u00fchrt wird, steht nur selten im Verdacht, besonders sexy zu sein. Zugegeben, es gibt fanatische, weltentr\u00fcckte Schachspieler, viele Schachspieler wirken introvertiert und mit den Gepflogenheiten der Gesellschaft nur rudiment\u00e4r vertraut und es gibt auch den ein oder anderen bekannten Schachmeister, dessen geistige Gesundheit man in Zweifel ziehen kann. Aber so h\u00e4ufig, wie Film und Literatur suggerieren, sind diese Schachspieler nicht. Weshalb Filme, in denen Schach eine Rolle spielt, mehr \u00fcber das Bild verraten, das sich viele Leute vom Schach machen und weniger \u00fcber Schachspieler und die Schachwelt als solche. Bei diesen filmisch und literarisch konstruierten Bildern f\u00e4llt auf, dass Schach einerseits mit Respekt betrachtet wird, weil es Intelligenz und Erfolgsstreben symbolisiert, andererseits Misstrauen hervorruft, da man es gerne mit Introvertiertheit, Gef\u00fchlsk\u00e4lte, Monomanie und fanatischem Ehrgeiz verbindet.<\/p>\n<p><strong>FRESH<\/strong><\/p>\n<p>Dieses zwiesp\u00e4ltige Bild vom Schach zeichnet auch der 1994 von Boaz Yoakin gedrehte Film <em>Fresh<\/em>, der allerdings differenzierter, besser gemacht und anspruchsvoller ist als <em>Knight Moves.<\/em> <em>Fresh<\/em> erz\u00e4hlt die Geschichte von Michael, den seine Freunde \u201eFresh\u201c nennen, einem Jungen, der im Schwarzenghetto lebt und als Drogenkurier arbeitet. Schach kommt ins Spiel, weil Michaels Vater ein guter Schachspieler war und ist, aber jetzt als Alkoholiker meist im Park sitzt, um dort Schach zu spielen oder f\u00fcr ein paar Dollar Schachunterricht zu geben.<\/p>\n<p>Das Schicksal seines Vaters und der vielen Gestrandeten seiner Umgebung vor Augen tr\u00e4umt Michael davon, reich zu sein, dem Ghetto zu entkommen und seine drogens\u00fcchtige Schwester, die die Geliebte zweier rivalisierender Drogenh\u00e4ndler ist, zu retten. Nach einer Schachpartie mit seinem Vater reift in ihm ein Plan, wie er das erreichen kann. Dabei geht er k\u00fchl, r\u00fccksichtslos und \u00fcberlegt vor. In der Sprache des Schachs: Er entwickelt einen k\u00fchnen Plan, den er taktisch geschickt umsetzt und bei dem er Opfer nicht scheut. Mit geschickt konstruierten Geschichten, deren F\u00e4den und Variationen allein Michael kontrolliert, spielt er die Drogenh\u00e4ndler gegeneinander aus \u2013 was einen von Michaels Freunden und zahlreiche Dealer das Leben kostet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2021\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/coverfreshvorne.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"518\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/coverfreshvorne.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/coverfreshvorne-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Der Umstand, dass Michael Schach spielt, macht seinen Charakter hierbei anschaulich und plausibel. Wobei Schach zumindest teilweise mit positiven Attributen versehen ist: Michael ist klug, mutig, zielstrebig und reagiert in kritischen Situationen \u00fcberlegt und k\u00fchl. Dann wiederum ist er r\u00fccksichtslos und zeigt keinerlei Mitgef\u00fchl mit seinen Gegnern. Er schaut unger\u00fchrt zu, wie ein Drogenh\u00e4ndler als Folge der von Michael gesponnenen Intrige zu Tode gepr\u00fcgelt wird und den von ihm heraufbeschworenen Bandenkrieg, dem etliche Dealer zum Opfer fallen, verfolgt er, ohne eine Miene zu verziehen. Auch als Drogenkurier zeigt er kein Erbarmen, sondern achtet sorgf\u00e4ltig auf seine Interessen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Michael die positiven Seiten verk\u00f6rpert, die mit Schach assoziiert werden \u2013 Klugheit, strategisches Planen, Realismus, Durchsetzungsf\u00e4higkeit \u2013 verk\u00f6rpert sein Vater das Tr\u00e4umerische, Weltabgewandte, die Flucht vor der Welt, die monomanen Gr\u00f6\u00dfenphantasien, die man mit dem Schach so gern verbindet. Michaels Vater trinkt, seine Ehe ist gescheitert, er findet keine Arbeit und will keine finden, seine Tochter ist drogenabh\u00e4ngig und sein Sohn Drogenkurier. Er fl\u00fcchtet sich in Phantasien wie er Botwinnik, Keres und Fischer im Blitzschach schlagen k\u00f6nnte, weil sie unter dem Druck der Uhr zusammenbrechen w\u00fcrden. In diesen Gr\u00f6\u00dfenphantasien gleicht Michaels Vater den Kindern und Jugendlichen im Ghetto, die von reichen V\u00e4tern tr\u00e4umen, einer Karriere als Drogenh\u00e4ndler prahlen oder sich in eine Phantasiewelt versetzen. Ganz anders als Michael, der sich nicht in Prahlereien verliert, sondern realistisch M\u00f6glichkeiten einsch\u00e4tzt und zu seinem Vorteil nutzt.<\/p>\n<p>Das Bild des Schachspielers, der kein Gesp\u00fcr f\u00fcr seine Mitmenschen hat und vor den Problemen der Welt flieht, bringt die Schlussszene des Films pointiert zum Ausdruck. Michael, der sich bereit erkl\u00e4rt hat, gegen den \u00fcberlebenden Drogenh\u00e4ndler vor Gericht auszusagen, damit er und seine Schwester in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden und dem Ghetto entfliehen k\u00f6nnen, trifft sich noch einmal im Park mit seinem Vater. Der beklagt sich, dass Michael zu sp\u00e4t kommt und er dadurch zwei Dollar an Trainingseinnahmen verloren hat. Er schimpft und klagt ohne einen Blick f\u00fcr seinen Sohn, der in der Nacht zuvor unter Lebensgefahr zwei Drogenh\u00e4ndler au\u00dfer Gefecht gesetzt hat, um sich und seiner Schwester ein neues Leben zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2022\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/samueljackson.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/samueljackson.jpg 480w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/samueljackson-300x168.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><br \/>\n<em>Samuel Jackson spielt den Vater von Michael<\/em><\/p>\n<p>Als der Vater endlich aufschaut, sieht er, wie sein Sohn mit Tr\u00e4nen in den Augen vor ihm sitzt, eine der wenigen Szenen, in denen Michael Gef\u00fchle zeigt. Verlegen und hilflos beginnt der Vater mit der verabredeten Schachpartie.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2023\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/fresh-schluss.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/fresh-schluss.jpg 480w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/fresh-schluss-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><br \/>\n<em>Sean Nelson als Michael in der Schlussszene des Films<\/em><\/p>\n<p>Diese kraftvolle Schlussszene betont noch einmal das zwiesp\u00e4ltige Bild, das der Film vom Schach zeigt: Die Schachlektionen seines Vaters haben Michael geholfen, sich in seiner Welt zu behaupten und aus ihr zu befreien, aber die Konzentration des Vaters auf das Schach f\u00fchrt zugleich zu Gef\u00fchlsarmut und mangelnder Anteilnahme.<\/p>\n<p><em>Fresh<\/em> ist ein eindrucksvoller Film, der mit guten Schauspielern und starken Bildern eine kraftvolle Geschichte erz\u00e4hlt. F\u00fcr einen locker, l\u00e4ssigen, beschwingten, einfach coolen Schachfilm steht er dem Spiel allerdings zu zwiesp\u00e4ltig gegen\u00fcber. So ein Film muss allerdings erst gedreht werden \u2013 dann aber k\u00f6nnte er das Image des Schachs ver\u00e4ndern. Doch vielleicht kann er erst gedreht werden, wenn sich das Image des Schachs ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Zuerst ver\u00f6ffentlicht in <a href=\"http:\/\/karlonline.org\/1_09.htm\">KARL 1\/2009<\/a>, S. 14-17.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2024\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/109_g.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/109_g.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/109_g-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Viele <a href=\"http:\/\/karlonline.org\/aeltere.htm\">\u00e4ltere KARL-Ausgaben<\/a> sind mittlerweile begehrte Sammlerst\u00fccke, aber viele \u00e4ltere Ausgaben sind auch noch zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/04\/09\/im-archiv-geblaettert-der-ultimative-schachfilm\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/04\/09\/im-archiv-geblaettert-der-ultimative-schachfilm\/\" data-text=\"Im Archiv gebl\u00e4ttert: &#8220;Der ultimative Schachfilm&#8221;\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der KARL hat viele sch\u00f6ne Seiten. 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