{"id":1931,"date":"2017-02-09T11:54:41","date_gmt":"2017-02-09T10:54:41","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1931"},"modified":"2019-03-12T18:54:06","modified_gmt":"2019-03-12T17:54:06","slug":"mehr-als-sport-david-foster-wallace-ueber-roger-federer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/02\/09\/mehr-als-sport-david-foster-wallace-ueber-roger-federer\/","title":{"rendered":"Mehr als Sport: David Foster Wallace \u00fcber Roger Federer"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1932\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/federer_teaser.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"187\" \/>Am 29. Januar 2017 besiegte Tennisprofi Roger Federer im Finale der Australian Open in Melbourne seinen langj\u00e4hrigen Rivalen Rafael Nadal in einem dramatischen F\u00fcnf-Satz-Match und gewann seinen achtzehnten Grand Slam Titel, mehr als jeder andere Spieler vor ihm. Dennoch war Federers Sieg eine Sensation. Vor den Australian Open hatte der Schweizer wegen einer Knieverletzung ein halbes Jahr lang kein Turnier gespielt und mit 35 Jahren ist er f\u00fcr einen Tennisspieler bereits alt. Um dieses sensationelle Comeback zu beschreiben, zitierten Journalisten oft und gerne US-Autor David Foster Wallace, der am 20. August 2006 in der <em>New York Times<\/em> einen langen Artikel \u00fcber Roger Federer ver\u00f6ffentlicht hatte. Der Titel dieses Essays war kurz, provokant und einpr\u00e4gsam. Er lautete: \u201eRoger Federer as Religious Experience\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Anlass des Essays war das Wimbledon-Finale zwischen Federer und Nadal am 9. Juli 2006, das Federer in vier S\u00e4tzen gewann. Gleich zu Beginn pr\u00e4gt Wallace, der als Jugendlicher selbst erfolgreich Tennis gespielt hat, den Begriff der \u201eFederer-Momente\u201c: \u201eFast jeder, der Tennis liebt und die Herrentour im Fernsehen verfolgt, hat in den letzten Jahren schon einmal etwas erlebt, das man Federer-Momente nennen k\u00f6nnte. &#8230; Die Momente sind intensiver, wenn man genug Tennis gespielt hat, um die Unm\u00f6glichkeit dessen zu verstehen, was man ihn gerade hat machen sehen.\u201c<\/p>\n<p>Aber Wallace geht noch weiter. Er behauptet, den \u201ejungen Schweizer\u201c live spielen zu sehen, k\u00e4me einer \u201ereligi\u00f6sen Erfahrung\u201c gleich. Das ist weder ein Scherz noch ein Bonmot \u2013Wallace meint es ernst, und um seine Behauptung zu untermauern, analysiert er das Ph\u00e4nomen Federer in aller Ausf\u00fchrlichkeit: er beschreibt einzelne Ballwechsel Punkt f\u00fcr Punkt, macht einen Ausflug in die Tennisgeschichte im Allgemeinen und die Geschichte Wimbledons im Besonderen, analysiert, wie technische Entwicklungen und moderne Schl\u00e4ger das Spiel ver\u00e4ndert haben, liefert Statistiken \u00fcber bestimmte Schl\u00e4ge, berechnet die Geschwindigkeit des Balles beim Aufschlag und die Reaktionszeit, die den Spielern f\u00fcr einen Return verbleiben, erl\u00e4utert die Vor- und Nachteile von \u00dcbertragungstechniken im Fernsehen und verr\u00e4t, warum gute Spieler viel trainieren und viel trainieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Doch am Ende kommt Wallace zu dem Schluss, Federers Spiel lasse sich letztlich nicht erkl\u00e4ren, weil es von \u00fcbernat\u00fcrlicher Sch\u00f6nheit sei:<\/p>\n<p>\u201eDie Sch\u00f6nheit eines Spitzenathleten l\u00e4sst sich beinahe unm\u00f6glich direkt beschreiben. Oder heraufbeschw\u00f6ren. Federers Vorhand ist ein phantastisch fl\u00fcssiger Peitschenschlag, seine R\u00fcckhand ist einh\u00e4ndig und er kann sie flach spielen, ihr Topspin oder Slice verleihen &#8230; Sein Aufschlag hat die Schnelligkeit der Weltklasse, doch einen Grad von Genauigkeit und Variabilit\u00e4t, den niemand sonst auch nur ann\u00e4hernd erreicht; &#8230; Seine Antizipation und sein Gef\u00fchl f\u00fcr den Court sind nicht von dieser Welt und seine Beinarbeit ist die beste im Tennis &#8230;. All das ist wahr, aber trotzdem erkl\u00e4rt oder vermittelt nichts davon das Erlebnis, diesen Mann spielen zu sehen. Die Sch\u00f6nheit und das Genie seines Spiels direkt zu erleben.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1933\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Roger_Federer_19113580056.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Roger_Federer_19113580056.jpg 400w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Roger_Federer_19113580056-296x300.jpg 296w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\n<em>Roger Federer (Foto: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ARoger_Federer_(19113580056).jpg\">Wikipedia<\/a>)<\/em><\/p>\n<p>Dieses Erleben einer Sch\u00f6nheit, die sich nicht erkl\u00e4ren l\u00e4sst, ist die im Titel des Essays angesprochene \u201ereligi\u00f6se Erfahrung\u201c. Auch an anderer Stelle betont Wallace das Metaphysische, das G\u00f6ttliche, von Federers Spiel:<\/p>\n<p>\u201eEs gibt drei Arten m\u00f6glicher Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Federers Aufstieg. Eine ber\u00fchrt Mysterien und Metaphysik und kommt meiner Meinung nach der Wahrheit am n\u00e4chsten. Die anderen sind technischer und f\u00fchren zu besserem Journalismus. Die metaphysische Erkl\u00e4rung lautet, dass Roger Federer einer dieser seltenen, \u00fcbernat\u00fcrlichen Athleten ist, f\u00fcr die, zumindest teilweise, bestimmte physikalische Gesetze nicht gelten.\u201c<\/p>\n<p>Am Ende seines Essays spricht Wallace dar\u00fcber, wie Federer das moderne Tennis, die nachfolgende Generation von Tennisspielern und seine Fans inspiriert hat: \u201eGenie ist nicht reproduzierbar. Inspiration ist jedoch ansteckend und nimmt viele Formen an \u2013 und einfach nur zu sehen, ganz nah, wie Kraft und Aggression f\u00fcr Sch\u00f6nheit anf\u00e4llig werden, bedeutet sich inspiriert und (auf eine fl\u00fcchtige, sterbliche Weise) vers\u00f6hnt zu f\u00fchlen.\u201c<\/p>\n<p>Dieses Ende verweist noch einmal auf ein Thema, das den ganzen Essay durchzieht: die Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Diese Frage ist religi\u00f6s und spirituell, aber Wallace sucht eine Antwort im Sport \u2013 und das verbl\u00fcfft und provoziert. Denn so sch\u00f6n Federers Spiel auch sein mag, so wird Tennis gemeinhin nicht als Religion begriffen, sondern als Spiel und Spektakel und damit als mehr oder weniger triviale Unterhaltung. Au\u00dferdem geht es im modernen Tennis ganz weltlich um sehr viel Geld. So hat Federer laut <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Roger_Federer\">Wikipedia<\/a> im Laufe seiner Karriere bereits \u00fcber 100 Millionen US-Dollar an Preisgeldern gewonnen.<\/p>\n<p>Die Spannung und das Verh\u00e4ltnis von Unterhaltung, Zerstreuung und der Suche nach Sinn taucht im Werk von Wallace immer wieder auf und ist ein zentrales Motiv in seinem Hauptwerk <em>Unendlicher Spa\u00df<\/em> und in zahlreichen seiner Essays. Wallace\u2019 obsessiv detaillierte Schilderungen und die endlosen Exkurse, in denen er die diversen Aspekte seiner Themen immer und immer weiter differenziert, wirken dabei wie der Versuch eines \u00fcberragenden Intellekts, die Ph\u00e4nomene der Welt erkl\u00e4ren und verstehen zu wollen \u2013 und daran zu scheitern. Die religi\u00f6se Erfahrung von Erl\u00f6sung und innerem Frieden bietet nur der Verzicht auf Erkl\u00e4rungen und die Hingabe an den Genuss einfach sch\u00f6ner Momente. Dass es Wallace gelingt, dieses spirituelle Konzept in einem Artikel \u00fcber Sport und in der Betrachtung des Spiels eines Sportlers zu illustrieren, zeigt seine schriftstellerische Brillanz und macht \u201eRoger Federer as Religious Experience\u201c zu weit mehr als einer virtuos geschriebenen Sportreportage.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Siehe auch<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2006\/08\/20\/sports\/playmagazine\/20federer.html\">Roger Federer as Religious Experience<\/a> bei der <em>New York Times<\/em><\/p>\n<p>Der <em>Spiegel<\/em> ver\u00f6ffentlichte am 6. November 2006 eine gek\u00fcrzte und redaktionell bearbeitete \u00dcbersetzung des Wallace-Aufsatzes. Leider \u00fcberstand der Titel diese Reise nach Deutschland nicht unbeschadet und wurde zu <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-49450854.html\">\u201ePoesie in Bewegung\u201c<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/12\/10\/die-lieblingsbuecher-von-david-foster-wallace\/\">Die Lieblingsb\u00fccher von David Foster Wallace<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/03\/26\/woerterraetsel-mit-david-foster-wallace\/\">W\u00f6rterr\u00e4tsel mit David Foster Wallace<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2018\/09\/12\/eine-schachpartie-mit-david-foster-wallace\/\">Schach und Literatur: David Foster Wallace<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2018\/09\/01\/zufaellige-zitate-john-green-ueber-david-foster-wallace\/\">Zuf\u00e4llige Zitate: John Green \u00fcber David Foster Wallace<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/David_Foster_Wallace\">Wikipedia-Eintrag zu David Foster Wallace<\/a><\/p>\n<p><em>Federer-Momente bei YouTube<\/em><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Dtwkf_pIS9A\" width=\"540\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/02\/09\/mehr-als-sport-david-foster-wallace-ueber-roger-federer\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/02\/09\/mehr-als-sport-david-foster-wallace-ueber-roger-federer\/\" data-text=\"Mehr als Sport: David Foster Wallace \u00fcber Roger Federer\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29. 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