{"id":1896,"date":"2016-07-31T13:31:28","date_gmt":"2016-07-31T11:31:28","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1896"},"modified":"2017-03-16T18:47:59","modified_gmt":"2017-03-16T17:47:59","slug":"radfahren-literarisch-elmar-schenkels-entspannte-cyclomanie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2016\/07\/31\/radfahren-literarisch-elmar-schenkels-entspannte-cyclomanie\/","title":{"rendered":"Radfahren literarisch: Elmar Schenkels \u201eCyclomanie\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1897\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/cover_cyclomanie.jpg\" alt=\"cover_cyclomanie\" width=\"225\" height=\"251\" \/>Am Sonntag, den 24. Juli 2016, gewann der in Nairobi, Kenia, geborene Brite Chistopher Froome die 103. Tour de France. Nach 2013 und 2015 war es sein dritter Sieg. Aber Nachrichten von der Tour sind nicht mehr so aufregend wie fr\u00fcher. Seit sicher ist, dass Lance Armstrong, Jan Ullrich &amp; Co. nur so schnell und ausdauernd \u00fcber Frankreichs Berge gekommen sind, weil sie gedopt waren, hat die Frankreichrundfahrt viel von ihrem Nimbus eingeb\u00fc\u00dft. Allerdings haben Skandale, Betrug und Doping die Tour de France von Anfang an begleitet. <!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die allererste Tour de France begann am 1. Juli 1903, 60 Fahrer waren dabei, in sechs Etappen waren unglaubliche 2428 Kilometer zu bew\u00e4ltigen, im Schnitt also etwas \u00fcber 400 Kilometer pro Etappe. 2016 starteten 198 Fahrer, um 3519 Kilometer in 21 Etappen zur\u00fcckzulegen, im Schnitt also nicht ganz 168 Kilometer pro Etappe. Die Idee, ein Etappenrennen durch Frankreich zu organisieren, hatte der franz\u00f6sische Journalist G\u00e9o Lef\u00e8vre, der sich dadurch mehr Aufmerksamkeit und Auflage f\u00fcr seine Zeitschrift <em>L\u2019Auto-V\u00e9lo<\/em> versprach.<\/p>\n<p>Schon bei der ersten Tour ging es also nicht nur um Sport und Leistung, sondern vor allem um mediale Aufmerksamkeit und Geld. Doping und Betrug waren auch sofort im Spiel:<\/p>\n<p>\u201eVon Anfang an versuchten alle Radler sich mit welchen Mitteln auch immer in die beste Form zu bringen. Man lie\u00df Kokainflocken oder \u00e4therges\u00e4ttigte Zuckerw\u00fcrfel auf der Zunge zergehen oder rieb sich mit Kokain in Kakaobutter ein. &#8230; Und warum nicht ein bi\u00dfchen experimentieren mit Fingerhut und Strychnin? Oder die Luftwege verbessern mit Nitroglycerin? Vom legend\u00e4ren Tour-Sieger 1949 Fausto Coppi war zu h\u00f6ren, wie er sich mit dem chemischen Mephisto verstand. Als man ihn fragte, ob er denn leistungssteigernde Mittel n\u00e4hme, antwortete er: Wenn es sein mu\u00df. Und wann mu\u00df es sein? Fast immer. &#8230; Der Sieger in den ersten Jahren, Garin, wurde \u00fcberf\u00fchrt: er habe sich an Autos geh\u00e4ngt, Abk\u00fcrzungen gesucht, sei lange Strecken schlicht mit der Eisenbahn gefahren. &#8230; Die Fahrer lie\u00dfen &#8230; nichts anbrennen: Man streute Juckpulver ins Hemd des Rivalen, mischte etwas ins Getr\u00e4nk, verdrehte Stra\u00dfenschilder oder machte sich nachts an den R\u00e4dern des anderen zu schaffen. 1911 wurde der f\u00fchrende Duboc von einem Unbekannten vergiftet.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesen wenig erbaulichen Fakten schildert Elmar Schenkel in <em>Cyclomanie<\/em> (S. 89-91) die Schattenseiten des gr\u00f6\u00dften Radrennens der Welt, das zugleich eines der gr\u00f6\u00dften Sportereignisse der Welt ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1898\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Logo-Le_Tour_de_France.svg_.png\" alt=\"Logo-Le_Tour_de_France.svg\" width=\"220\" height=\"187\" \/><\/p>\n<p>Logo der Tour de France (Foto: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tour_de_France#Geschichte\">Wikipedia<\/a>)<\/p>\n<p>Doch solche d\u00fcsteren Geschichten sind in <em>Cyclomanie<\/em> selten. Vor allem plaudert und erz\u00e4hlt Schenkel in dem Buch anregend, am\u00fcsant und mit gelegentlichen kulturphilosophischen H\u00f6henfl\u00fcgen \u00fcber das Fahrrad und dessen Verh\u00e4ltnis zur Literatur. Wie viel essayistisches Schreiben und Denken mit dem Fahrradfahren gemeinsam haben, erkl\u00e4rt Schenkel im Vorwort, passend zum Thema mit \u201eVorderlicht\u201c \u00fcberschrieben:<\/p>\n<p>\u201eEs ist einmal beobachtet worden, da\u00df die Bewegung des Essays der Bewegung des Wanderns \u00e4hnlich sei. Eine gewisse Ungleichm\u00e4\u00dfigkeit, die st\u00e4ndigen kleinen Abschweifungen, die Lust am Z\u00f6gern und Zaudern, am Verweilen und Plaudern \u2013 all das sind Kennzeichen des Wanderns oder besser noch Spazierengehens wie auch der essayistischen Schreibweise. Wie ist es nun mit dem Rad? Ich denke, auch das Radeln, sofern es nicht Rasen hei\u00dft, geh\u00f6rt in das Bewegungsfeld des Essays. &#8230; Es steht \u2013 wie der hybride Essay \u2013 zwischen Ans\u00e4tzen zur Hochgeschwindigkeit auf der einen Seite und dem Tr\u00f6deln auf der anderen.\u201c (S. 7)<\/p>\n<p>Das \u201eVorderlicht&#8221; erhellt auch Schenkels Interesse an seinem Gegenstand und verr\u00e4t zugleich, was das Fahrrad ganz besonders macht:<\/p>\n<p>\u201eWarum aber \u00fcber das Fahrrad schreiben? &#8230; Das Fahrrad ist eine der genialsten Erfindungen auf diesem Planeten. Es wurde in den Zeiten der ersten Industrialisierung entwickelt und hat doch etwas sehr Einfaches und Nicht-Maschinelles zur Grundlage. Es ist primitiv, verglichen mit all der Apparatur, die Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die Erde und Menschen zu ver\u00e4ndern begann. In einer Zeit nach der elektronischen Sintflut mutet es vorsintflutlich an, es ist eine gleitende Paradoxie. Aber es \u00fcbertrumpft alle komplizierte Maschinerie in einem wichtigen, eines Tages vielleicht \u00fcberlebenswichtigen Punkt: Es hat die beste Ratio von Energieverbrauch. Gebe ich einem Radfahrer ein Pfund Speck, so kommt er mit den Kalorien entscheidend weiter als alle anderen Fahrzeuge und Tiere dieser Erde. In dieser energetischen Verfolgungsjagd f\u00fchrt er das Feld an, gefolgt von Lachs, Pferd und Jumbo-Jet. &#8230; Daher sind wir geradezu verpflichtet, uns das Fahrrad genauer anzuschauen. &#8230; Ich m\u00f6chte mich in dieser kleinen Darstellung nur mit der Literatur besch\u00e4ftigen, insoweit diese eine verbale Schneise in die Untergr\u00fcnde unserer Bewegungswelten darstellt. Mich interessiert, wie und was \u00fcber Fahrr\u00e4der geschrieben wurde, in Romanen, Gedichten, Essays, Reiseberichten und philosophischen Traktaten.\u201c (S. 8-11)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1899\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/altes_fahrrad.jpg\" alt=\"altes_fahrrad\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/altes_fahrrad.jpg 540w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/altes_fahrrad-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/p>\n<p>Ein Ger\u00e4t mit guter Energiebilanz: das Fahrrad (Foto: <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/fahrrad-zwei-rad-altes-fahrrad-190483\/\">Pixabay<\/a>)<\/p>\n<p>In diesem Sinne und mit dieser Haltung macht sich Schenkel auf die Reise und schreibt unter Stichworten wie \u201eItaliener\u201c, \u201eLaufrad\u201c \u201eBrille und Zweirad\u201c, \u201eDas irische Fahrrad\u201c, \u201eAliens\u201c, \u201eBefreiung\u201c, \u201eDie Frau im Sattel\u201c, \u201eEine deutsche Philosophie des Fahrrads\u201c, \u201eGem\u00e4chlich\u201c, \u201eJugendstil\u201c, \u201eEinsame Radler\u201c oder \u201eSternzeichen\u201c \u00fcber die Geschichte und allm\u00e4hliche technische Entwicklung des Fahrrads, \u00fcber Rekorde, die ersten Weltumrundungen mit dem Fahrrad oder wie Mediziner Frauen vor den sch\u00e4dlichen Wirkungen des Fahrradfahrens gewarnt haben.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erf\u00e4hrt man etwas \u00fcber die leidenschaftlichen Fahrradfahrer unter den Autoren, Leute wie Henry Miller, Arthur Schnitzler, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Bertrand Russell, George Bernard Shaw oder den \u201ePataphysiker Alfred Jarry &#8230; ein besessener und exzentrischer Radfahrer. Statt einer Klingel f\u00fchrte er einen Revolver bei sich, mit dem er sich Platz verschaffte. Auf Fotos ist er meist zu Rad dargestellt. Auch zur Beerdigung des Dichters Mallarm\u00e9 kam er mit dem Fahrrad. [Aber] sein <em>Cl\u00e9ment Luxe 96 Course sur piste<\/em> hat er nie bezahlt. Noch zehn Jahre nach dem Kauf forderte der H\u00e4ndler Jules Trochon die Bezahlung von 525 Francs.\u201c (S. 99-100)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1900\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Jarry_velo.jpg\" alt=\"Jarry_velo\" width=\"540\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Jarry_velo.jpg 540w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Jarry_velo-300x211.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/p>\n<p>Alfred Jarry mit Fahrrad (Foto: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred_Jarry\">Wikipedia<\/a>)<\/p>\n<p>Die Tour de France mag an Popularit\u00e4t und Werbewert eingeb\u00fc\u00dft haben, aber Radfahren ist beliebter denn je. Elmar Schenkels <em>Cyclomania<\/em> ist eine Einladung an alle, die das Rad oder das Radfahren interessiert, sich vor, w\u00e4hrend oder nach einer k\u00fcrzeren oder l\u00e4ngeren Tour mit dem kulturellen Ph\u00e4nomen des Radfahrens zu besch\u00e4ftigen. Um neue Etappenziele in der Literatur zu entdecken, sich am\u00fcsant zu unterhalten und Interessantes \u00fcber Fahrrad, Literatur und Kultur zu erfahren.<\/p>\n<p>Elmar Schenkel: <em>Cyclomanie: Das Fahrrad und die Literatur<\/em><br \/>\nEdiert von Klaus Isele<br \/>\nBand 1 der Reihe Kritische W\u00e4lder<br \/>\nArs Littera 2008<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1901\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Cyclomanie-Elmar-Schenkel-Cover.jpg\" alt=\"Cyclomanie-Elmar-Schenkel-Cover\" width=\"334\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Cyclomanie-Elmar-Schenkel-Cover.jpg 334w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Cyclomanie-Elmar-Schenkel-Cover-186x300.jpg 186w\" sizes=\"(max-width: 334px) 100vw, 334px\" \/><\/p>\n<p><strong>\u00dcber den Autor<\/strong> macht der Klappentext des Buches folgende Angaben:<\/p>\n<p>Elmar Schenkel, geb. bei Soest Westfalen lebt als Professor f\u00fcr Englische Literatur und Radler in Leipzig. Er hat zahlreiche Reiseb\u00fccher, Biographien und Essays sowie zwei Romane ver\u00f6ffentlicht. Zuletzt erschien: <em>Reisen in die ferne N\u00e4he. Unterwegs in Mitteldeutschland<\/em>. Er ist auch als \u00dcbersetzer und Maler t\u00e4tig.<\/p>\n<p><strong>Siehe auch<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2017\/03\/01\/zufaellige-zitate-david-byrne-bicycle-diaries\/\">Zuf\u00e4llige Zitate: David Byrnes <em>Bicycle Diaries<\/em><\/a><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2016\/07\/31\/radfahren-literarisch-elmar-schenkels-entspannte-cyclomanie\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2016\/07\/31\/radfahren-literarisch-elmar-schenkels-entspannte-cyclomanie\/\" data-text=\"Radfahren literarisch: Elmar Schenkels \u201eCyclomanie\u201c\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntag, den 24. 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