{"id":1649,"date":"2015-06-20T23:16:24","date_gmt":"2015-06-20T21:16:24","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1649"},"modified":"2019-10-01T19:13:53","modified_gmt":"2019-10-01T17:13:53","slug":"botvinnik-gegen-fischer-varna-1962","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/botvinnik-gegen-fischer-varna-1962\/","title":{"rendered":"Mehr als nur eine Schachpartie"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: small;\"><b><span style=\"font-family: Arial; font-size: large;\">Botwinnik gegen Fischer, Schacholympiade Varna 1962<br \/>\n<\/span><\/b><\/span>Der ber\u00fchmteste sowjetische Schachspieler ist vielleicht Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Er sorgte zwar weniger als Schachspieler, sondern mehr als Politiker f\u00fcr Furore, aber seine Schachleidenschaft ist gut belegt, u.a. durch ein Foto aus dem Jahre 1908. Es zeigt den Berufsrevolution\u00e4r beim Schach mit Alexander Bogdanov, einem Physiker, Philosophen und Science-Fiction Schriftsteller, der damals mit Lenin um die Vorherrschaft in der bolschewistischen Partei k\u00e4mpfte. Beide waren G\u00e4ste von Maxim Gorki, der sie auf die italienische Insel Capri eingeladen hatte. Doch dieses Urlaubsfoto wurde im Laufe der Zeit mehrfach ver\u00e4ndert, und so kursieren verschiedene Versionen, von denen zwei hier abgebildet sind.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3304\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/mehr-als-eine-schachpartie-e1569949918358.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"372\" \/><\/p>\n<p>Auf dem linken Foto sieht man Lenin und Bogdanov am Schachbrett, hinter Lenin einen Herrn namens Ivan Ladyzhnikov, dann Gorki, daneben Gorkis Patensohn Zinovii Peshkov und rechts von ihm Natalia Bogdanova, die Ehefrau Alexander Bogdanovs. Von einer weiteren Zuschauerin vorne im Bild sieht man nur den Rock. Im Bild rechts hingegen hat sich Peshkov verabschiedet, genau wie die Frau mit Rock. Warum man und wer Peshkov nicht mehr in Lenins Urlaub dabei haben wollte, ist nicht bekannt, aber Peshkovs Laufbahn bot linientreuen Stalinisten gen\u00fcgend Anlass, ihn auch Jahre nach dem Tod Lenins nicht mehr in die N\u00e4he des Revolutionsf\u00fchrers zu lassen: Peshkov k\u00e4mpfte im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger f\u00fcr Frankreich und wurde 1916 von der franz\u00f6sischen Regierung in die USA gesandt, um dort f\u00fcr einen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten zu werben. Sp\u00e4ter arbeitete er als Diplomat in der Sowjetunion und in Rum\u00e4nien und diente in Marokko in der franz\u00f6sischen Fremdenlegion. Im Zweiten Weltkrieg unterst\u00fctzte er de Gaulles Exilregierung in London, f\u00fcr die er als franz\u00f6sischer Botschafter in China und Japan t\u00e4tig war.<\/p>\n<p>Die Manipulation von Fotos war in der Sowjetunion eine verbreitete Praxis. So f\u00e4llt in einem anderen bekannten Beispiel ein weiterer Schachspieler, der als Politiker Karriere gemacht hat, dieser Form der Zensur zum Opfer: Leo Trotzki, langj\u00e4hriger Kampfgef\u00e4hrte Lenins und nach Lenins Tod politischer Widersacher von Stalin.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/2Lenin-TrotzkiOriginal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1652\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/2Lenin-TrotzkiOriginal.jpg\" alt=\"2Lenin-TrotzkiOriginal\" width=\"480\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/2Lenin-TrotzkiOriginal.jpg 480w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/2Lenin-TrotzkiOriginal-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3Lenin-TrotzkiRetusche.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1653\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3Lenin-TrotzkiRetusche.jpg\" alt=\"3Lenin-TrotzkiRetusche\" width=\"480\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3Lenin-TrotzkiRetusche.jpg 480w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3Lenin-TrotzkiRetusche-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auf dem Foto oben sieht man, wie Lenin einer Gruppe von Arbeitern die Vorz\u00fcge der Revolution schmackhaft machen m\u00f6chte, w\u00e4hrend Trotzki rechts am Rednerpult lehnt und die Menge mustert. Auf dem unteren Foto predigt Lenin mit gleicher Leidenschaft, aber die Zahl seiner Zuh\u00f6rer ist kleiner geworden, denn Lenins treuer Co-Revolution\u00e4r Trotzki ist aus dem Bild verschwunden.<\/p>\n<p>Diese Beispiele sind typisch: Die sowjetischen Machthaber manipulierten die Wahrheit, wann immer es ihnen opportun erschien. Sie f\u00e4lschten und verdrehten Fakten, diffamierten und verleumdeten ihre tats\u00e4chlichen und vermeintlichen Gegner, oft mit dem Ziel ihrer politischen Liquidation, der nicht selten die physische Liquidation folgte.<\/p>\n<p>Auch das Schach gehorchte diesem Diktat politischer Berichterstattung, wenngleich auf bedeutend harmloseren Niveau. Ein Beispiel f\u00fcr die Diffamierung politischer Gegner mit Hilfe von Andeutungen, Unterstellungen und Verdrehungen von Fakten sind Botvinniks Kommentare zu seiner Partie gegen Bobby Fischer bei der Schacholympiade Varna 1962. Es war die einzige Partie zwischen Fischer und Botvinnik, aber sie war hochbrisant und hatte eine lange Vorgeschichte.<\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial; font-size: large;\">Prolog<\/span><\/b><\/p>\n<p>Botvinnik, der seinen Weltmeistertitel 1960 gegen Tal verloren hatte, amtierte nach seinem Sieg im R\u00fcckkampf 1961 wieder als Weltmeister, hatte aber im Alter von 51 Jahren den Zenit seiner Laufbahn bereits \u00fcberschritten. Fischer hingegen hielt sich im Alter von 19 Jahren schon f\u00fcr den besten Spieler der Welt, musste aber, nachdem er seit seinem Durchbruch zur Weltspitze als 15-j\u00e4hriger von einem Erfolg zum anderen geeilt war, beim Kandidatenturnier 1962 in Curacao einen R\u00fcckschlag hinnehmen. Fischer war nach seinem Sieg beim Interzonenturnier in Stockholm, das er mit 2,5 Punkten Vorsprung vor Geller und Petrosian gewonnen hatte, als Mitfavorit in Curacao gestartet, wurde dort aber nur Vierter. Er landete ganze 3,5 Punkte hinter Turniersieger Tigran Petrosian und 3 Punkte hinter Keres und Geller, die sich Platz zwei und drei teilten.<\/p>\n<p>Nach dem Turnier machte Fischer die Machenschaften der sowjetischen Spieler f\u00fcr sein Abschneiden verantwortlich. In einem Artikel mit dem Titel <i>How the Russians Fixed World Chess<\/i> in der amerikanischen Zeitschrift <i>Sports Illustrated<\/i> vom 20. August 1962, der bald in Deutschland, Holland, Spanien, Schweden, Island und, wenn auch redigiert, sogar in der Sowjetunion nachgedruckt wurde, beschuldigte er Petrosjan, Geller, Keres und Kortschnoi, das Turnier durch abgesprochene Partien manipuliert zu haben. Fischer klagte, bei diesem System, den Herausforderer des Weltmeisters zu ermitteln, h\u00e4tten Nicht-Sowjets keine Chance, und forderte Botvinnik direkt zu einem Weltmeisterschaftkampf heraus.<\/p>\n<p>Bis heute streiten die Experten, ob Fischers Vorw\u00fcrfe berechtigt waren oder nur das Gejammer eines erfolgsverw\u00f6hnten, verzogenen Bengels, der keine R\u00fcckschl\u00e4ge einstecken konnte. Unstreitig ist jedoch, dass Petrosian, Geller und Keres eine Absprache getroffen hatten, alle ihre Partien gegeneinander schnell Remis zu machen. Ob aber diese schnellen Remispartien Teil eines Plans waren, in dem der schw\u00e4chste sowjetische Teilnehmer gegen den besten sowjetischen Teilnehmer Partien verlieren sollte, wenn Fischer Turniersieger zu werden drohte, oder ob Geller, Petrosian und Keres nur pragmatisch vorgingen, um die 28 Runden in der tropischen Hitze Curacaos durchzustehen, bleibt eine offene Frage. Ihre Strategie hatte jedenfalls Erfolg. Petrosian (+8, =19, -0, durchschnittliche L\u00e4nge der Partien 31 Z\u00fcge), Keres, (+9, =16, -2, durchschnittliche Zugzahl 34) und Geller (+8, =18, -1, durchschnittliche Zugzahl 35) belegten die Pl\u00e4tze 1 bis 3. Fischer absolvierte mit durchschnittlich 44 Z\u00fcgen pro Partien ein deutlich anspruchsvolleres Programm, aber verlor zu viele Partien (+8, =12, -7). Als besonders verh\u00e4ngnisvoll erwiesen sich seine beiden Auftaktniederlagen, die er im Laufe des gesamten Turniers nicht wieder wett machen konnte.<\/p>\n<p>Die Absprache zwischen den drei Erstplatzierten, so wenden Fischers Kritiker ein, mag den drei Sowjets zwar Kraft gespart haben, aber sie erkl\u00e4rt nicht, warum Fischer am Ende ganze 3,5 Punkte weniger als Turniersieger Petrosian erzielte \u2013 der, mit anderen Worten, wenn auch nicht ganz einwandfrei und sicher mit zu vielen kurzen Remispartien den Sieg doch verdient hatte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/4Petrosian.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1654\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/4Petrosian.jpg\" alt=\"4Petrosian\" width=\"198\" height=\"278\" \/><\/a><br \/>\nTigran Petrosian<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/5keres01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1655\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/5keres01.jpg\" alt=\"5keres01\" width=\"271\" height=\"317\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/5keres01.jpg 271w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/5keres01-256x300.jpg 256w\" sizes=\"(max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/a><br \/>\nPaul Keres<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/6EfimGeller.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1656\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/6EfimGeller.jpg\" alt=\"6EfimGeller\" width=\"222\" height=\"295\" \/><\/a><br \/>\nEfim Geller<\/p>\n<p>Doch zweifelsohne hat die Absprache der drei Erstplatzierten das Ergebnis verzerrt und konnte nicht ohne Auswirkungen auf Fischers Psyche bleiben. Durch ihre Kurzremisen sparten die sowjetischen Teilnehmer Kraft, kontrollierten das Turnier und konnten sich darauf konzentrieren, ihren gef\u00e4hrlichsten Rivalen, n\u00e4mlich Fischer, in Schach zu halten. Selbst, so mochte Fischer denken, wenn es ihm gelingen w\u00fcrde, zu den F\u00fchrenden aufzuschlie\u00dfen, so k\u00f6nnten sie noch immer absichtlich gegeneinander verlieren, damit der Weltmeistertitel in sowjetischer Hand blieb. War es in jedem Turnier schwer genug, vor Spielern wie Petrosian, Keres und Geller zu landen, so musste dies Fischer in Curacao, wo f\u00fcnf der acht Teilnehmer Sowjets waren, als unm\u00f6glich erscheinen.<\/p>\n<p><b style=\"font-family: Arial; font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial; font-size: large;\">Die Partie<\/span><\/b><\/p>\n<p>Ein halbes Jahr nach Curacao traf Fischer bei der Schacholympiade in Varna in der 11. Runde beim Kampf USA gegen die Sowjetunion doch noch auf Botvinnik. Mit einem Sieg gegen den amtierenden Weltmeister h\u00e4tte er seine Vorw\u00fcrfe untermauern k\u00f6nnen, bei einer Niederlage oder einem Remis behielten diejenigen Recht, die Fischer noch f\u00fcr zu unerfahren und schwach hielten, um Weltmeister zu werden.<\/p>\n<p>In dieser aufgeheizten Stimmung setzten sich Botvinnik und Fischer in Varna am 16. September vor einer Zuschauermenge, die so gro\u00df war, dass sie aus dem Turniersaal verbannt werden musste, ans Brett. Die Partie verlief dramatisch und erregte noch Jahrzehnte sp\u00e4ter die Gem\u00fcter. Botvinnik kommentierte sie bald nach der Olympiade, und auch Fischer nahm sie in sein Buch <i>Meine 60 Denkw\u00fcrdigen Partien<\/i> auf, um dort Botvinniks Anmerkungen kritisch zu kommentieren. Sp\u00e4ter, als Fischer schon Weltmeister geworden und sich vom Schach zur\u00fcckgezogen hatte, \u00fcberarbeitete Botvinnik seine Kommentare f\u00fcr seine dreib\u00e4ndige Partiensammlung und erg\u00e4nzte sie um eine Reihe h\u00e4mischer Bemerkungen \u00fcber Fischer sowie ein falsch platziertes Zitat. Und Anfang der 80er Jahre legte der 13-j\u00e4hrige Botvinnik-Sch\u00fcler Kasparov ein Zeichen seines Talents ab, als er die Analysen von Botvinnik verbesserte und die von Fischer widerlegte. Jahre sp\u00e4ter nahm Kasparow die Partie in die Reihe \u00fcber seine &#8220;Predecessors&#8221; auf.<\/p>\n<p>Aus diesen Kommentaren zitiere ich im folgenden relevante Passagen, ausf\u00fchrliche Analysen findet man in den erw\u00e4hnten B\u00fcchern.<\/p>\n<p align=\"left\"><b>Botvinnik,Mikhail &#8211; Fischer,Robert James<\/b><\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/8BotvFischerVarna62.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1658\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/8BotvFischerVarna62.gif\" alt=\"8BotvFischerVarna62\" width=\"480\" height=\"334\" \/><\/a><br \/>\nMikhail Botvinnik gegen Bobby Fischer, Varna 1962<\/p>\n<p>Schon Botvinniks Einleitung in seiner Partiesammlung l\u00e4sst keinen Zweifel, worum es ihm in seinen Kommentaren geht: die Herabsetzung seines Gegners. Er schreibt: &#8220;Das war meine einzige Begegnung am Schachbrett mit Robert Fischer &#8230; . Ich habe bereits oft erw\u00e4hnt, dass Erfolg im Schach nicht allein vom Talent abh\u00e4ngt, sondern auch von anderen Eigenschaften, darunter der Charakter eines Spielers. Und Fischers Charakter war immer inad\u00e4quat, wie der Leser wahrscheinlich zustimmen wird, nachdem er unsere Partie nachgespielt hat.&#8221; (<i>Botvinnik&#8217;s Best Games<\/i>, S.177)<\/p>\n<p>Diese Zeilen ver\u00f6ffentlichte Botvinnik, nachdem Fischer bereits Weltmeister geworden war und in den Jahren 1970-72 die gesamte Weltelite in Grund und Boden gespielt hatte. Welche Charaktereigenschaften daf\u00fcr verantwortlich waren, verr\u00e4t Botvinnik nicht.<\/p>\n<p><b>1.c4 g6 2.d4 Sf6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.Db3 dxc4 6.Dxc4 0\u20130 7.e4 Lg4 8.Le3 Sfd7 9.Le2 Sc6 10.Td1 Sb6 11.Dc5 Dd6 12.h3 Lxf3 13.gxf3 Tfd8 14.d5 Se5 15.Sb5 Df6 16.f4 Sed7 17.e5 Dxf4!<\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/8DiagrammI.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1659\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/8DiagrammI.jpg\" alt=\"8DiagrammI\" width=\"350\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/8DiagrammI.jpg 350w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/8DiagrammI-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/8DiagrammI-297x300.jpg 297w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die erste Krise der Partie. Wie er einr\u00e4umt, hatte Botvinnik diese Entgegnung \u00fcbersehen: &#8220;Eine sehr unangenehme \u00dcberraschung \u2013 nun mu\u00dfte Wei\u00df wirklich zu spielen anfangen. Bis zu diesem Punkt brauchte ich mich nur meiner Analyse zu entsinnen, was auch nicht so leicht war. Mir war in Erinnerung, da\u00df die schwarze Dame irgendwo am K\u00f6nigsfl\u00fcgel gefangen w\u00fcrde; und indem ich dieser Spur folgte, schaffte ich es, mir die ganze Variante wieder ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckzurufen. Endlich war alles in Ordnung \u2013 auf dem Brett war die vertraute Stellung; dann wurde es pl\u00f6tzlich klar, da\u00df ich in meiner Analyse etwas \u00fcbersehen hatte, das Fischer mit gr\u00f6\u00dfter Leichtigkeit am Brett fand. Der Leser kann erraten, da\u00df mein Gleichmut dahin war.&#8221; (Botvinnik in Fischer, S.189)<\/p>\n<p><b>18.Lxf4 <\/b>Die taktische Rechtfertigung von 17&#8230;Dxf4 besteht in 18.Dxb6 De4 19.f3 Dh4+ 20.Lf2 Db4+ nebst &#8230;axb6, &#8220;zum Zentrum hin&#8221;, wie Fischer schreibt. <b> 18&#8230;Sxc5 19.Sxc7 Tac8 20.d6 exd6 21.exd6 Lxb2 22.0\u20130 Sbd7 23.Td5 b6 24.Lf3? <\/b>Botvinnik sucht immer noch nach seinem seelischen Gleichgewicht, das er trotz aller &#8220;Charakterst\u00e4rke&#8221; auch in den n\u00e4chsten Z\u00fcgen nicht wiederfindet und deshalb schnell in eine Verluststellung ger\u00e4t. Nachher kritisierte er den Textzug und empfahl stattdessen 24.Lc4! mit der Idee Tfe1 nebst Te7. <b> 24&#8230;Se6 25.Sxe6? <\/b>Hierzu schreibt Botvinnik: &#8220;Wei\u00df verliert v\u00f6llig den Kopf. Er nahm an, dass die Alternative 25.Lh2 Sd4 26.Lg2 Sf6 noch schlechter f\u00fcr ihn war, aber Geller wies auf 27.Txd4 Lxd4 28.Te1 hin, wonach Wei\u00df gutes Spiel beh\u00e4lt. Auch hier war Fischer nicht einverstanden: er setzte die Variante einen Zug l\u00e4nger fort &#8211; 28&#8230;Lc5. Aber auch wir k\u00f6nnen die Variante fortsetzen &#8211; 29.Sd5.&#8221; (<i>Botvinnik&#8217;s Best Games<\/i>, S.179). Der Sinn dieser Anmerkung von Botvinnik bleibt allerdings unklar. Nach 29&#8230;Sxd5 30.Lxd5 Lxd6 hat Wei\u00df einfach zwei Bauern und eine Qualit\u00e4t weniger. <b>25&#8230;fxe6 26.Td3 Sc5 27.Te3 e5 28.Lxe5 <\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/9DiagrammII.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1660\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/9DiagrammII.jpg\" alt=\"9DiagrammII\" width=\"350\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/9DiagrammII.jpg 350w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/9DiagrammII-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/9DiagrammII-300x297.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hier waren sich Botvinnik und Fischer einig: Schwarz steht auf Gewinn. <b>28&#8230;Lxe5 29.Txe5 Txd6 30.Te7 Td7 31.Txd7 Sxd7 32.Lg4 Tc7 33.Te1 Kf7 34.Kg2 Sc5 35.Te3 Te7 36.Tf3+ Kg7 37.Tc3 Te4 38.Ld1 Td4 39.Lc2 Kf6 40.Kf3 Kg5 <\/b>&#8220;Allgemein gesagt ist das beste Feld f\u00fcr den K\u00f6nig d6; dann m\u00fc\u00dfte der Springer nicht den b-Bauern decken, und Schwarz w\u00fcrde durch den Vormarsch der Bauern am Damenfl\u00fcgel gewinnen&#8221;, zitiert Fischer aus Botvinniks fr\u00fchen Kommentaren (Fischer, S.192). In seinen sp\u00e4teren Kommentaren kann sich Botvinnik eine Spitze gegen Fischers Endspielkunst nicht versagen und schreibt: &#8220;Ein Endspielspezialist wie Capablanca oder Smyslow h\u00e4tte seinen K\u00f6nig unverz\u00fcglich nach d6 gef\u00fchrt, um den Springer zu decken, und der Vormarsch der schwarzen Bauern am Damenfl\u00fcgel h\u00e4tte die Partie entschieden.&#8221; (<i>Michail Botvinnik<\/i>, S.202). <b>41.Kg3<\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/10DiagrammIII.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1661\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/10DiagrammIII.jpg\" alt=\"10DiagrammIII\" width=\"350\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/10DiagrammIII.jpg 350w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/10DiagrammIII-297x300.jpg 297w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/p>\n<p><b>41&#8230;Se4+? <\/b>Wie Analysen Kasparovs zeigen, hat Schwarz an dieser Stelle den Gewinn ausgelassen. Fischer zitiert Botvinnik: &#8220;Wei\u00df war bereits in Zugzwang: Auf einen K\u00f6nigszug spielt Schwarz &#8230;Kh4 und &#8230;Se6 nebst &#8230;Sf4(xh3); auf Lb1 gewinnt die Antwort &#8230;Td1; und wenn der wei\u00dfe Turm seinen Platz verl\u00e4\u00dft, dann ist &#8230;Tc4 entscheidend. Also h\u00e4tte Wei\u00df zum Beispiel auf 41&#8230;.Tb4 42.a3 Td4 43.f3 a5 keine zufriedenstellende Antwort&#8221; (Fischer, S.192). Botvinnik wei\u00df auch, warum Fischer so nicht gespielt hat: &#8220;Hier zeigen sich die Charakterschw\u00e4chen meines Gegners. Er nahm an, die Partie sei leicht gewonnen f\u00fcr ihn, und war erz\u00fcrnt, dass ich weiter spielte, und in seinem Eifer, bereits nach der Zeitkontrolle, trifft er eine \u00fcbereilte Entscheidung.&#8221; (<i>Botvinnik&#8217;s Best Games<\/i>, S.180). Fischers Kommentar \u00fcber den verpassten Gewinn bleibt n\u00fcchterner: &#8220;Zwar bin ich damit einverstanden, da\u00df Schwarz gewinnen kann, indem er die Leichtfiguren beh\u00e4lt und seine Stellung allm\u00e4hlich verbessert, aber der Textzug sollte zum selben Ergebnis f\u00fchren, wenn auch nur um Haaresbreite.&#8221; (Fischer, S.193). <b>42.Lxe4 Txe4 43.Ta3 Te7 44.Tf3 Tc7 45.a4 Tc5 46.Tf7 Ta5<\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/11DiagrammIV.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1662\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/11DiagrammIV.jpg\" alt=\"11DiagrammIV\" width=\"350\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/11DiagrammIV.jpg 350w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/11DiagrammIV-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/11DiagrammIV-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/p>\n<p><b>47.Txh7! <\/b> &#8220;Diesen Zug habe ich \u00fcbersehen&#8221; zitiert Botvinnik Fischer (<i>Botvinnik&#8217;s Best Games<\/i>, S.181) und f\u00fcgt hinzu: &#8220;Das ist keine \u00dcberraschung \u2013 nach der Partie stellte es sich heraus, dass mein Gegner die ganze Nacht fest geschlafen hatte.&#8221; Dann erz\u00e4hlt Botvinnik eine kleine sozialistische Heldengeschichte und berichtet, wie er die ganze Nacht aufgeblieben ist, um mit Hilfe seiner Mannschaft nach einem Remis zu suchen: &#8220;Nach dem Abendessen begann ich meine n\u00e4chtliche Analyse, eine der l\u00e4ngsten in meiner Laufbahn. &#8230; Die Zukunft sah d\u00fcster aus, bis Geller die einzigartige Idee zum Gegenspiel mit 46.Tf7 Ta5 47.Txh7!! fand. Als er mich sp\u00e4t nachts verlie\u00df, musste ich nur noch die Einzelheiten dieses Funds ausarbeiten&#8230; Um drei Uhr morgens wurde eine logische Fortsetzung f\u00fcr Schwarz entdeckt, und um 4:30h ein t\u00fcckisches Bauernopfer, der einzige Weg f\u00fcr Wei\u00df, die Partie zu retten. Es war schon 5:30h, als mich der Mannschaftskapit\u00e4n Furman verlie\u00df&#8230;&#8221; (<i>My Great Predecessors II<\/i>, S.244). Auf der einen Seite sehen wir also das hart arbeitende Kollektiv mit ihrer &#8220;im Kreml brennt noch Licht&#8221;-Attit\u00fcde, auf der anderen Seite den dekadenten, arroganten jungen Amerikaner, der selig schlummert.<\/p>\n<p>Wie Fischer diese Nacht verbracht hat, ist \u00fcber vierzig Jahre nach der Partie kaum noch zu ermitteln, man wei\u00df allerdings, dass Fischer schon damals ein ausgesprochener Nachtmensch war und selten vor drei oder vier Uhr morgens zu Bett ging. Man wei\u00df auch, dass Fischer eigentlich fast jede Minute des Tages mit Schach verbrachte, entweder in dem er Partien analysierte oder Blitzpartien spielte. Warum er von diesen Gewohnheiten ausgerechnet am Abend dieser Partie abgewichen sein soll, bleibt ein weiteres R\u00e4tsel seines unergr\u00fcndlichen Charakters.<\/p>\n<p>Wie auch immer Fischers Schlafgewohnheiten gewesen sein m\u00f6gen, fest steht, dass das Zitat, das Botvinnik Fischer in den Mund legt, an der falschen Stelle steht. Fischer selbst schreibt in seinen Anmerkungen zu 47.Txh7: &#8220;Dies war die erste Verteidigung, die ich in Betracht gezogen hatte!&#8221; (Fischer, S.195).<\/p>\n<p>Das von Botvinnik zitierte Eingest\u00e4ndnis eines \u00dcbersehens bezieht sich hingegen auf den 52. Zug von Wei\u00df (siehe weiter unten). Noch merkw\u00fcrdiger wird dieses Falschzitat dadurch, dass es sowohl in Kasparovs <i>My Great Predecessors<\/i> als auch in <i>Russians vs. Fischer<\/i> reproduziert wird \u2013 und das, obwohl alle anderen Zitate aus <i>My 60 Memorable Games<\/i> dort wortgetreu wiedergegeben sind. (Vgl. Kasparov, <i>My Great Predecessors II<\/i>, S.245 und <i>Russians vs. Fischer<\/i>, S.115).<\/p>\n<p><b>47&#8230;Txa4 48.h4+!<\/b> Hier zitiert Kasparov Fischer noch einmal: &#8220;Ich hatte haupts\u00e4chlich 48.f4+ analysiert, aber Botvinniks Variante ist am besten und enth\u00e4lt auch eine listige Falle&#8221; (<i>My Great Predecessors II<\/i>, S.245). Wobei man sich nat\u00fcrlich fragen kann, warum Fischer 48.f4+ analysiert haben soll, wenn er 47.Txh7 \u00fcbersehen hatte.<\/p>\n<p><b>Kf5 49.Tf7+ Ke5 50.Tg7 Ta1 51.Kf3 b5? 52.h5!<\/b><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: small;\"> <a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/12DiagrammV.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1663\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/12DiagrammV.jpg\" alt=\"12DiagrammV\" width=\"350\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/12DiagrammV.jpg 350w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/12DiagrammV-150x150.jpg 150w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/12DiagrammV-297x300.jpg 297w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>Danach ist die Partie endg\u00fcltig Remis. Botvinnik schreibt: &#8220;Hier wurde mein Gegner bleich und dachte lange Zeit nach. &#8230; Bobby gab zu, dass er diesen Zug \u00fcbersehen hatte \u2013 was bei ihm sehr selten vorkam.&#8221;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gab Fischer zu, diesen Zug \u00fcbersehen zu haben. Aber das Eingest\u00e4ndnis schachlicher Fehler war bei Fischer keineswegs so selten, wie Botvinnik behauptet. Im Gegenteil: Liest man Fischers <i>60 Denkw\u00fcrdige Partien<\/i>, so gewinnt man den Eindruck, dass Fischer, so lebhaft er seine Partien auch kommentiert, doch nach Objektivit\u00e4t trachtet \u2013 und seine direkten und offenen Anmerkungen bilden einen angenehmen Kontrast zu Botvinniks unterk\u00fchlter Boshaftigkeit. Bissige Bemerkungen \u00fcber seinen Gegner in Varma machte Fischer nur privat. So schreibt er in einem Brief an Bernard Zuckerman: &#8220;Botvinnik h\u00e4tte gegen mich getrost aufgeben k\u00f6nnen, aber ich fiel auf die offensichtlichste, billigste Falle herein, die man sich vorstellen kann. Die ganze Partie sah er aus, als ob er sterben m\u00fcsste. Er keuchte, wechselte die Gesichtsfarbe und sah aus, als ob er damit rechnete, auf einer Bahre hinaus getragen zu werden. ABER \u2013 als ich patzte und in seine Falle lief, war er wieder der alte Botvinnik. Er plusterte seine Brust auf, stand auf und ging fort, als ob er ein Riese w\u00e4re, usw.&#8221; (zit. in <i>My Great Predecessors IV<\/i>, S.306).<\/p>\n<p><strong>52&#8230;Ta3+ 53.Kg2 gxh5 54.Tg5+ Kd6 55.Txb5 h4 56.f4 Kc6 57.Tb8! h3+ 58.Kh2 a5 59.f5 Kc7 60.Tb5 Kd6 61.f6 Ke6 62.Tb6+ Kf7 63.Ta6 Kg6 64.Tc6 a4 65.Ta6 Kf7 66.Tc6 Td3 67.Ta6 a3 68.Kg1 \u00bd\u2013\u00bd<\/strong><\/p>\n<p>In seinem Schlusskommentar setzt Botvinnik noch einmal nach: &#8220;Hier dr\u00fcckte mir Fischer die Hand und ging mit Tr\u00e4nen in den Augen aus dem Saal.&#8221; Dann analysiert der Patriarch des Sowjetschachs die Abbruchstellung noch einmal ausf\u00fchrlich, um am Ende g\u00fctig und einem Hauch Selbstkritik zu schreiben: &#8220;Wie man sieht, hat nicht nur der junge Fischer diese abgebrochene Partie nachl\u00e4ssig behandelt, Nachl\u00e4ssigkeit zeigte auch ein reifer Gro\u00dfmeister in einer ver\u00f6ffentlichten Analyse.&#8221; (Michail Botvinnik, S. 205).<\/p>\n<p><b> <span style=\"font-family: Arial; font-size: large;\">Epilog<\/span><\/b><\/p>\n<p>Auch nach der Olympiade, die die Sowjetunion gewann \u2013 vor Jugoslawien und Argentinien, die USA belegten Platz 4. \u2013 kostete Botvinnik seinen Triumph aus. In einem Bericht f\u00fcr die <i>Prawda<\/i> schrieb er, es &#8220;t\u00e4te ihm sehr leid, dass die USA nicht Zweiter wurden, obwohl sie diesen Platz verdient hatten &#8230; und lediglich Fischers Performance verhinderte dies Ergebnis.&#8221; (Brady, S.67) Zur Statistik: Fischer holte bei der Olympiade in Varna 11 Punkte aus 17 Partien (+8, =6, -3), das sind 64,7% aller m\u00f6glichen Punkte. Zum Vergleich: Botvinnik schaffte 8 Punkte aus 12 Partien (+5, =6, -1), das entspricht 66,7% aller m\u00f6glichen Punkte.<\/p>\n<p>\u00dcber Fischers Chancen auf den Weltmeistertitel schreibt Botvinnik: &#8220;Dieses Endspiel hatte eine \u00fcberraschende Wirkung auf die Schachwelt. Robert Fischer hatte bereits etliche Dutzend Partien gegen sowjetische Gro\u00dfmeister gespielt und ohne besonders auff\u00e4llige Erfolge; nichtsdestotrotz war sein Ansehen au\u00dfergew\u00f6hnlich hoch und viele im Westen unterst\u00fctzten den Amerikaner in seiner Forderung nach einem Weltmeisterschaftskampf mit mir ohne dass er warten m\u00fcsste, bis er an der Reihe war. Aber sobald Fischer dieses Endspiel, dass er nicht gewinnen konnte, remisierte, wandten sich viele, viele Leute von ihm ab und Fischer wird nun zweifelsohne warten m\u00fcssen, bis er an der Reihe ist&#8230; Nun gut, er ist erst 19; er hat keinen Grund zur Eile.&#8221; (<i>Russians vs. Fischer<\/i>, S. 117-118).<\/p>\n<p>Fischer hingegen reagierte mit der hilflosen Wut eines 19-j\u00e4hrigen auf diesen erneuten R\u00fcckschlag und forderte Botvinnik kurz nach der Olympiade erneut zu einem Wettkampf heraus. Diesmal wollte er ihm sogar zwei Punkte vorgeben. Doch nach dem Remis in Varna konnte Botvinnik dieses beleidigende Angebot l\u00e4chelnd abwehren: &#8220;Wenn Fischer mir zwei Punkte vorgeben m\u00f6chte, nehme ich dies an; und ich gebe ihm daf\u00fcr zwei Bauern in jeder Partie vor!&#8221;<\/p>\n<p>Auch die sowjetische Fachpresse fiel \u00fcber Fischer her. So schrieb M. Yudovich in <i>Shakhmaty v SSR<\/i>:<\/p>\n<p><i>Viel ist bereits \u00fcber Fischer gesagt und geschrieben worden, sogar mehr als er trotz seines herausragenden Talents verdient. Leider erhielt Fischer, obwohl hoch begabt, keine ordentliche Ausbildung und hat schlechte Ratgeber.<\/i><\/p>\n<p><i>Mit seiner unzureichenden mentalen Einstellung wurde der amerikanische Champion zu einem Spielball in den H\u00e4nden von Erzintriganten und er ist bereit, ihr dummes Geschw\u00e4tz und ihre dummen L\u00fcgenm\u00e4rchen zu wiederholen.<\/i><\/p>\n<p><i>Bei der 15. Schacholympiade in Varna lie\u00df Fischer seine Mannschaft schwer im Stich. In entscheidenden Wettk\u00e4mpfen spielte er oberfl\u00e4chlich und erlitt etliche schwere Niederlagen, die aus einer Untersch\u00e4tzung seiner Gegner und seines erstaunlichen Selbstbewusstseins resultierten (Russians vs. Fischer, S.118).\u00a0<\/i><br \/>\nNach den Entt\u00e4uschungen in Curacao und Varna zog sich Fischer jedoch nicht, wie in <i>Russians vs. Fischer<\/i> oder in <i>My Great Predecessors II<\/i> behauptet, drei Jahre vom Schach zur\u00fcck (vgl. <i>Russians vs. Fischer<\/i>, S. 118 und <i>My Great Predecessors II<\/i>, 247), sondern spielte lediglich keine internationalen Turniere mehr. Allerdings gewann er 1963\/64 die USA-Meisterschaft mit einem Ergebnis von 11 aus 11.<\/p>\n<p>Und ein halbes Jahr nach der Olympiade in Varna schrieb Fischer an Eliot Hearst, der \u00fcber Curacao und die Olympiade in der amerikanischen Zeitschrift <i>Chess Life<\/i> berichtet hatte und mit dem Fischer aneinander geraten war, einen Entschuldigungsbrief:<\/p>\n<p>&#8220;Lieber Eliot, dies sind nur ein paar Zeilen, um Ihnen zu sagen, dass ich gegen Sie wegen unseres Streits in Varna keinen Groll mehr hege. Ich stand unter gro\u00dfem Stress und habe ein paar sehr alberne und falsche Behauptungen aufgestellt, die ich jetzt bedaure. &#8230; Was ein anderes Thema betrifft, so bin ich jedoch nicht erwachsen geworden; die Russen sind die schlimmsten Betr\u00fcger der Welt \u2013 \u00fcberall, Schach mit eingeschlossen.&#8221; (zit. in <i>My Great Predecessors IV<\/i>, S. 306).<\/p>\n<p>Die sowjetischen Kommentare zu seiner Partie gegen Botvinnik d\u00fcrften Fischer kaum von dieser Meinung abgebracht haben.<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>Mikhail Botvinnik, <i>Botvinnik&#8217;s Best Games: Volume 3: 1957-1970<\/i>, Moravian, Olomouc 2001.<br \/>\nMikhail Botvinnik, <i>Meine 100 sch\u00f6nsten Partien<\/i>, Schachverlag Schmaus, Heidelberg 1980.<br \/>\nFrank Brady, <i>Bobby Fischer: Profile of a Prodigy<\/i>, Dover, New York 1983, [1973].<br \/>\nBobby Fischer, <i>Meine 60 Denkw\u00fcrdigen Partien<\/i>, Schachzentrale Rattmann, Ginsheim-Gustavsburg 2002.<br \/>\nGarry Kasparov, <i>My Great Predecessors II<\/i>, Everyman, London 2003.<br \/>\nGarry Kasparov, <i>My Great Predecessors IV<\/i>, Everyman, London 2004.<br \/>\nDimitry Plisetzky &amp; Sergey Voronkov, Russians versus Fischer, Everyman, London 2005.<br \/>\nAndrew Soltis, <i>Soviet Chess 1917-1991<\/i>, McFarland 2000.<br \/>\nJan Timman, <i>Curacao 1962: The Battle of Minds that Shook the Chess World<\/i>, New in Chess, Alkmaar 2005.<br \/>\nRaj Tischbierek, <i>Sternstunden des Schachs: 30x Olympia<\/i>, Sportverlag, Berlin 1993.<br \/>\nwww.olimpbase.org<\/p>\n<p>Alle \u00dcbersetzungen aus dem Englischen stammen von mir.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcngliche Ver\u00f6ffentlichung am 25. Februar 2006, <a href=\"http:\/\/de.chessbase.com\/post\/schach-und-wahrheit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ChessBase<\/a><\/p>\n<p>Siehe auch:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/09\/bobby-fischer-buecher-ueber-einen-mythos-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bobby Fischer: B\u00fccher \u00fcber einen Mythos<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/01\/20\/scheinbar-einfach-bobby-fischer-at-his-best\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Scheinbar einfach: Bobby Fischer at His Best<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/faszination-fischer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Faszination Fischer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/mikhail-botwinnik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mikhail Botwinnik: Der eigensinnige Patriarch<\/a><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/botvinnik-gegen-fischer-varna-1962\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/botvinnik-gegen-fischer-varna-1962\/\" data-text=\"Mehr als nur eine Schachpartie\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Botwinnik gegen Fischer, Schacholympiade Varna 1962 Der ber\u00fchmteste sowjetische Schachspieler ist vielleicht Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. 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