{"id":1628,"date":"2015-06-20T08:15:48","date_gmt":"2015-06-20T06:15:48","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1628"},"modified":"2017-03-18T18:07:35","modified_gmt":"2017-03-18T17:07:35","slug":"ein-symbolischer-rueckzug-kritische-anmerkungen-zu-stefan-zweigs-schachnovelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/ein-symbolischer-rueckzug-kritische-anmerkungen-zu-stefan-zweigs-schachnovelle\/","title":{"rendered":"Ein symbolischer R\u00fcckzug: Kritische Anmerkungen zu Stefan Zweigs &#8220;Schachnovelle&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Stefan Zweigs Schachnovelle ist auch ein Abschiedsbrief. Denn kaum hatte er die Erz\u00e4hlung im brasilianischen Exil fertig gestellt, nahm er sich im Februar 1942 mit seiner Frau Lotte das Leben. Den Erfolg des Buches hat Zweig nicht mehr erlebt. Es wurde vielfach \u00fcbersetzt, millionenfach verkauft und gilt als eine der besten literarischen Darstellungen des Schachspiels. Dennoch hinterl\u00e4sst die Schachnovelle ein zwiesp\u00e4ltiges Gef\u00fchl.<!--more--><\/p>\n<p>Wobei die Popularit\u00e4t der Erz\u00e4hlung nur allzu verst\u00e4ndlich ist. Noch einmal demonstriert Zweig seine literarische Kunst der Verknappung und atemlos verfolgt der Leser das Schicksal Dr. Bs., der Hauptfigur der Schachnovelle: er wird von den Nazis mit Isolationshaft gequ\u00e4lt, fl\u00fcchtet in die Welt des Schachs, spielt Tausende von Partien gegen sich selbst, verf\u00e4llt schlie\u00dflich dem Wahn, wird frei gelassen, trifft auf seiner Schifffahrt ins Exil den Weltmeister Mirko Czentovic &#8211; und tritt gegen ihn an, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob er in der Realit\u00e4t \u00fcberhaupt Schach spielen kann.<br \/>\nSymbolisch steht dabei das Duell von Dr. B. gegen Czentovic f\u00fcr den Kampf zwischen der Welt der Kultur und des Geistes gegen den Nationalsozialismus, den Czentovic&#8217; verk\u00f6rpert. Dieser ist als Schachspieler zwar rasant aufgestiegen, aber als Person dumpf und geistlos und nur an Geld und Macht interessiert.<\/p>\n<p>Aber bei aller Virtuosit\u00e4t Zweigs regt sich dennoch Unbehagen. So scheint es typisch f\u00fcr die Schachwelt zu sein, dass sie eine Erz\u00e4hlung f\u00fcr besonders gelungen h\u00e4lt, die dem Spiel letztlich keinen gro\u00dfen Respekt bezeugt. Da ist zum einen der Wahn, in den Dr. B. verf\u00e4llt, und der das Schach wieder einmal in die N\u00e4he jener Spiele r\u00fcckt, bei denen die geistige Gesundheit gef\u00e4hrdet ist. Zum anderen unterlaufen Zweig aber auch sachliche Ungenauigkeiten. So bezeichnet er den Springer einmal als &#8220;Pferd&#8221; (Stefan Zweig, Schachnovelle, Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S.92), dann hei\u00dft es \u00fcber &#8220;Rzecewski&#8221;: &#8220;seit dem Auftreten des siebenj\u00e4hrigen Wunderkindes Rzecewski bei dem Schachturnier 1922 in New York&#8221; (S.6) &#8211; wobei Reshevsky zu diesem Zeitpunkt weder siebenj\u00e4hrig noch v\u00f6llig unbekannt war. Auch scheint das Schachspiel bei Zweig merkw\u00fcrdig einfach zu sein. So beherrscht Czentovic trotz seiner beschr\u00e4nkten intellektuellen F\u00e4higkeiten in &#8220;einem halben Jahre &#8230; s\u00e4mtliche Geheimnisse der Schachtechnik&#8221; (S.13) und schickt sich dann an, Leute wie Capablanca, Lasker und Aljechin kurzerhand vom Brett zu fegen. Mit f\u00fcnfzehn lernt er die Regeln, &#8220;mit siebzehn Jahren hatte er schon ein Dutzend Schachpreise gewonnen, mit achtzehn sich die ungarische Meisterschaft, mit zwanzig endlich (!) die Weltmeisterschaft erobert&#8221; (S.14). Von der M\u00fche und der Zeit, die es braucht, um halbwegs vern\u00fcnftig zu spielen, ist nichts zu sp\u00fcren. Aber auch Dr. B. spottet den Theorien, die heutzutage \u00fcber systematisches und fr\u00fches Training aufgestellt werden: er lernt die Regeln in seiner Schulzeit und w\u00e4hrend der einj\u00e4hrigen Haft verhilft ihm ein einziges Schachbuch zu beinahe schon mehr als weltmeisterlicher St\u00e4rke. Auch bei der Zeiteinteilung der ersten Partie zwischen den beiden Protagonisten wundert man sich ein wenig: so wird mit &#8220;zehn Minuten Zugzeit&#8221; (S. 104) gespielt, von denen Czentovic weidlich Gebrauch macht, dennoch dauert die erste Partie trotz ihrer 42 Z\u00fcge gerade einmal &#8220;zweidreiviertel Stunden.&#8221;<\/p>\n<p>Ohnehin opfert Zweig um der Symbolik willen einiges an Realismus. So illustriert er Czentovics v\u00f6lligen Mangel an Vorstellungskraft, deren Zuviel Dr. B. in den Wahn treibt, durch die Unf\u00e4higkeit des Weltmeisters, auch nur eine einzige Partie blind zu spielen. Eine recht absurde Annahme. Damit w\u00e4re er der erste Weltmeister, der das nicht zu Stande bringt. Und auch wenn nicht jeder ein Blindspielakrobat wie Aljechin ist, der es mit mehr als zwanzig Gegnern gleichzeitig aufnahm, so gibt es unter den zehntausend besten Schachspielern der Welt vermutlich keinen, der nicht aus dem Stand eine halbwegs vern\u00fcnftige Blindpartie spielen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>M\u00f6gen diese Ungenauigkeiten auch nicht bedeutsam sein &#8211; die Grundkonstruktion der Novelle ist bedenklich. So erweist sich Dr. B. gegen\u00fcber seinem Gegner Czentovic fast immer als unendlich \u00fcberlegen: Er ist klug, gebildet, geistreich, gewandt, aus gutem Hause und letztlich der bessere Schachspieler. Czentovic hingegen \u00e4hnelt einem Kretin: Er ist dumpf, ein halber Analphabet, der seine einzige Begabung dazu nutzt, &#8220;schamlos plump&#8221; (S.15) Geld zu verdienen und sich f\u00fcr eingebildete Kr\u00e4nkungen zu r\u00e4chen.<br \/>\nDoch gerade Dr. Bs. positive Eigenschaften erweisen sich als sein Verderben: seine Vorstellungskraft, seine Intelligenz, sein wacher Geist wenden sich gegen ihn selbst, machen ihn wahnsinnig. In der Isolationshaft wie auch sp\u00e4ter in der Partie gegen Czentovic verzweifelt Dr. B. am Stumpfsinn seiner Umgebung. &#8220;&#8216;Ich war durch meine f\u00fcrchterliche Situation gezwungen, diese Spaltung in ein Ich Schwarz und ein Ich Wei\u00df zumindest zu versuchen, um nicht erdr\u00fcckt zu werden von dem grauenhaften Nichts um mich.'&#8221; (S.77)<br \/>\nDr. B.s Aggression richtet sich dabei kaum gegen seine Unterdr\u00fccker, sondern gegen sich selbst. Denn den Kampf ernsthaft aufzunehmen, w\u00fcrde in seinen Augen bedeuten, zu dem Flegel zu mutieren, der Czentovic schon ist.<\/p>\n<p>Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma, den die Schachnovelle anbietet, ist der R\u00fcckzug. Also bricht Dr. B. die Schachpartie abrupt ab und \u00fcberl\u00e4sst Czentovic das Feld. Dies symbolisiert letztlich die Kapitulation vor den Nationalsozialisten. Hier zeigt sich die Verzweiflung Zweigs, die schlie\u00dflich zu seinem Selbstmord f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Mit dem Abstand von 60 Jahren erscheint dieser Freitod als tragisches Einzelschicksal eines Menschen, der eine Welt voller Krieg nicht ertragen konnte, in der die Nationalsozialisten unaufhaltsam auf dem Vormarsch zu sein schienen. Damals jedoch bedeutete Zweigs Tod einen schweren R\u00fcckschlag f\u00fcr viele, die sich ebenfalls im Exil befanden. So schreibt Carl Zuckmayer: &#8220;In den Kreisen der Emigration hatte Stefan Zweigs freiwilliger Tod eine ungeheure Best\u00fcrzung hervorgerufen. &#8230; Wenn er, dem alle M\u00f6glichkeiten offenstanden, das Weiterleben f\u00fcr sinnlos h\u00e4lt &#8211; was bleibt dann denen noch \u00fcbrig, die um ein St\u00fcck Brot k\u00e4mpfen? &#8230; [Er geh\u00f6rte] zu den Beg\u00fcnstigten unter uns. Zu den Vereinzelten, die einen internationalen Leserkreis, einen Widerhall f\u00fcr ihr Werk, eine st\u00e4ndige Anerkennung hatten. Zu den Wenigen, die schon eine neue Nationalit\u00e4t, einen g\u00fcltigen Pa\u00df, eine Art von Sicherheit besa\u00dfen. Er hatte keine materiellen Sorgen, er konnte sein Leben einrichten, wie er wollte.&#8221; (Carl Zuckmayer, &#8220;Did you know Stefan Zweig?&#8221;, in: Der gro\u00dfe Europ\u00e4er Stefan Zweig, Hrsg. Hanns Arens, Fischer Taschenbuch 1981, S. 133-134).<\/p>\n<p>Es beweist Zweigs schriftstellerische Kunst, dass er Dr. Bs. resignativen Verzicht, Czentovic im Schach zu besiegen, als zwingend darzustellen vermag. Akzeptiert man jedoch die symbolische Interpretation der Schachpartie als eine Auseinandersetzung zwischen einem europ\u00e4ischen Kulturmenschen und dem aufkommenden Faschismus, dann w\u00fcnscht man sich, Dr. B. h\u00e4tte seine Begabung, seine Bildung, seine Erziehung und nicht zuletzt seine in der Haft erworbenen F\u00e4higkeiten genutzt, um Czentovic in die Schranken zu weisen.<\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung am 20. April 2002 bei <a href=\"http:\/\/www.karlonline.org\/kol03.htm\" target=\"_blank\">KARL-Online<\/a><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/ein-symbolischer-rueckzug-kritische-anmerkungen-zu-stefan-zweigs-schachnovelle\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/ein-symbolischer-rueckzug-kritische-anmerkungen-zu-stefan-zweigs-schachnovelle\/\" data-text=\"Ein symbolischer R\u00fcckzug: Kritische Anmerkungen zu Stefan Zweigs &#8220;Schachnovelle&#8221;\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Zweigs Schachnovelle ist auch ein Abschiedsbrief. 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